03. Dezember 2004 Genau 61 Jahre nach der Zerstörung des Museums der bildenden Künste Leipzig im Zweiten Weltkrieg ist eine der bedeutendsten und ältesten Bürgersammlungen Deutschlands wieder unter einem Dach vereint. Die Tragödie des internationalen Vergessens um dieses Stück deutsches Kulturgut hat nun ein Ende, sagte Staatsminister Rolf Schwanitz (SPD) bei der feierlichen Eröffnung des Neubaus am Samstag. Der 74,5 Millionen Euro teure, umstrittene Kubus aus Stahl und Beton wurde mit jeweils 15 Millionen Euro von Land und Bund gefördert, den Rest zahlte die Stadt als Träger der Einrichtung.
Man war sich nicht einig, was davon zu halten sei: Als Werk eines Genies, als Durchbruch zu wahrer Größe erschien sie den einen, den anderen war sie nur ein mißglückter Haufen teuerster Materialien: Siebzehn Jahre hatte der gebürtige Leipziger Max Klinger an seiner Monumentalskulptur Beethovens gearbeitet, war quer durch Europa gereist, hatte griechischen Inselmarmor, südtiroler Onyx, Edelsteine, Bronze, Glas und Elfenbein herbeigeschafft und zu einer Skulptur verarbeitet, die nicht weniger als die Idee des absoluten Gesamtkunstwerks vorführen sollte.
Entsprechend dramatisch geht es über dem Sockel zu: Der Göttersohn Tantalus, Adam und Eva, Christus und Aphrodite umtosen das Genie Beethoven, das mit grimmig breitem Mund und geballter Faust so weltzerbeißend in die Gegend starrt, wie es heute nur noch der deutsche Nationaltorwart kann. Doch die Leipziger liebten ihren Beethoven; bis 1956 thronte Klingers Werk in einem Anbau des alten Museums am Augustusplatz, zuletzt hatte man es ins Foyer des Gewandhauses gezwängt. Mit dem an diesem Wochenende eröffneten neuen Museum der Bildenden Künste, dem ersten neuen Museumsbau in den neuen Ländern, ist auch Max Klingers Beethoven zurückgekehrt und steht fortan im Zentrum einer der ältesten Bürgersammlungen Deutschlands.
Neuentdeckung der Kunstschätze
Schon 1837 hatte man in Leipzig einen Kunstverein gegründet, 1858 wurde das alte Museumsgebäude errichtet; doch seit seiner Zerstörung 1943 waren nur noch Teile der 3500 Gemälde, 1000 Plastiken und 60.000 grafische Blätter umfassenden Sammlung zu sehen, zunächst im ehemaligen Reichsgericht, dann im Handelshof. Der Neubau am Sachsenplatz ermöglicht also eine Neuentdeckung der lange im Archiv schlummernden Kunstschätze, die nun auf drei Etagen präsentiert werden: Die erste ist den gebürtigen Leipzigern Max Klinger und Max Beckmann gewidmet, die zweite den Alten Meistern, die dritte dem 19. Jahrhundert; die Gegenwart taucht verstreut über das gesamte Gebäude auf.
Die kuratorische Leistung des seit dem Jahr 2000 amtierenden Direktors Hans-Werner Schmidt und seines Teams zeigt sich besonders in der beziehungs- und assoziationsreichen neuen Hängung der Sammlung. Die Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts ist nicht stumpf nach Schulen oder Herkunft sortiert, sondern so präsentiert, daß Querverbindungen, Parallelentwicklungen und Brüche erlebbar werden.
Barthel Bruyns und Andrea Solarios Versionen des Ecce Homo hängen nebeneinander und offenbaren die Unterschiede italienischer und deutscher Schule; eine Sichtachse rückt Werke zusammen, in denen sich die Körperbilder und humanistische Theorie des 16. Jahrhunderts zeigen - Hans Baldungs berühmtes Spätwerk Die sieben Lebensalter des Weibes korrespondiert mit Adam und Eva und der Quellnymphe von Cranach dem Älteren: Hinter der nackt ins Gras drapierten Nymphe plätschert ein Brunnen, die tosende entworfene Landschaft verspricht einen Rausch, den der verhangene Blick der Nymphe und der Griff ins Haar nur andeuten.
Gewöhnungsbedürftige Farbgebung
Immer wieder wird die Kunst des 20. Jahrhunderts zwischen ältere Werke geschmuggelt: Tübkes altmeisterliche Erinnerung an Sizilien von 1974 hängt als ikonographische Überraschung zwischen El Greco und einem Carracci zugeschriebenen heiligen Sebastian, und nur die Elke-Sommer-artige Frisur der Porträtierten zeigt die Zugehörigkeit des Gemäldes zur jüngeren Vergangenheit.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die Farbgebung der Wände. Viele Säle sind abwechselnd in weiß und in einem Alarmrot gestrichen, wie man es sonst nur von Feuerwehrautos kennt. Den Werken bekommt das nicht immer, Jean Pillemonts zartpastose Italienische Landschaft etwa ertrinkt im Feuerrot des Hintergrunds wie Pommes Frites unter einer Ladung Ketchup. Der Leipziger Schule widmet man sich im Untergeschoß des Museums, wo in einer panoptischen Gegenüberstellung ostund westdeutsche Kunstentwicklung seit 1949 gezeigt wird: Altenbourg und Penck auf der einen Seite, auf der anderen Mattheuer, Heisig und Tübke, die durchaus einen opulenteren Raum verdient hätten.
Sonderschau der jüngsten Schule
Dafür wird eine Sonderschau der jüngsten Leipziger Malerschule gezeigt, und eine zentrale Hall of Fame ist zwei weiteren aktuellen Malerstars gewidmet, Neo Rauch und Daniel Richter. Dessen Monumentalgemälde Fun de Siècle ist ein ebenso schreckliches wie präzises Bild der gegenwärtigen Befindlichkeit: Hängeköpfige, an Chlorophyl- oder Ideenmangel eingegangene Schlurfgestalten stehen da wie angenagelt in einer angefressenen Dunkelwelt herum. Wenige Säle weiter findet man, wieder ein Beispiel der erhellenden Hängung, die dunklen Visionen des vorletzten Fin de Siècle, Corinths wüste Salomé, Böcklins letzte Version der Toteninsel, Lenbachs düstere Nackte.
Eine hellere Welt zeigen eine exklusive Sammlung von Werken der Schule von Barbizon, die dem Museum von dem Sammlerehepaar Bühler-Brockhaus geschenkt wurden. Solche großzügigen Gaben sind heute selten geworden, haben aber Tradition in Leipzig: Der Seidenhändler Adolf Heinrich Schletter vermachte 1853 seine Sammlung und sein Vermögen der Stadt mit der Auflage, ein Museum zu bauen, die Sammlung Speck von Sternburg, die unter anderen Werke Caspar David Friedrich umfaßt, wurde 1989 in Familienbesitz zurückgeführt, aber durch die Gründung einer Stiftung dauerhaft für Leipzig gesichert.
Unverwechselbarer Charakter
Bedarf an neuen Schenkungen hätte man in Leipzig dennoch, denn kaum ein Gemälde im Richter-Rauch-Raum befindet sich im Besitz des Hauses. Der Großteil sei eine Leihgabe der Galerien, erklärt der Kurator Jan Nicolaisen. Nun mußte Schmidts Team die gigantischen Hallen ausstatten, ohne auf einen ernstzunehmenden Etat für Ankäufe zu verfügen, es hat dem schwer bespielbaren Museum einen unverwechselbaren Charakter gegeben und manches architektonische Vakuum kreativ gefüllt - so wurde in einer der Hallen eine alte Neonreklame aufgehängt, ein Beispiel der verschwindenden DDR-Ästhetik, die nun als Objet Trouvé im Museum ihr historisches Strahlen an die Stadt abgibt.
Doch unproblematisch ist es nie, wenn Museen zum Durchlauferhitzer des Kunstmarkts werden. Deswegen ist das Stifterbild im Foyer, das Gönner aus drei Jahrhunderten in einer imaginären Runde vereint, auch als Bitte an die Bürger zu verstehen, es ihren spendablen Vorfahren gleichzutun, und auch in Zukunft Kunst zu schenken; denn nur so kann das Haus zu dem Museumsmodell der Zukunft werden, das es zu sein verspricht.
Das neue Museum der Bildenden Künste in Leipzig ist der erste große Museumsbau, der nach 1945 auf dem Gebiet der früheren DDR entstanden ist. Mit ihm wird es erstmals nach der Zerstörung des einstigen Museums im Zweiten Weltkrieg möglich, die reichen Kunst- schätze der Stadt gebührend auszustellen. Obwohl architektonisch vorerst noch ein Torso, schließt der Neubau markant und doch einfühlsam eine bisher klaffende, riesige Bombenbrache in Leipzigs Innenstadt.
F.A.Z.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2004, Nr. 284 / Seite 33
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb