26. September 2008 Als Achim Frenz den Besucher empfängt, hätte er mit Fug und Recht sagen können: Ich stecke im Gröbsten. Nur wenige Tage vor der Eröffnung des Frankfurter Museums für Komische Kunst (MKK) sind gerade einmal die Büromöbel für den Museumsleiter Frenz und dessen Mitarbeiter geliefert worden – doch als einzige Mitarbeiterin gibt es seit Anfang September eine Sekretärin. Immerhin kann sie ihrem bis dato noch allein agierenden Chef nun organisatorische Aufgaben abnehmen: den Druck der Faltblätter, mit dem zur Eröffnungsfeier am 1. Oktober geladen wird, den Versand der Einladungen, das Beantworten von Anfragen. Doch für Frenz bleibt genug zu tun. Im Erdgeschoss, wo künftig Wechselausstellungen gezeigt werden sollen – zur Eröffnung eine Werkschau des 2004 verstorbenen Frankfurter Cartoonisten und Malers Bernd Pfarr –, schleppt sich der Umbau Wochen hinter dem ursprünglichen Zeitplan her. Vor kurzem erst ist der Aufzug in Betrieb genommen worden.
Wie Frankfurt das neueste Juwel in seiner beeindruckenden Museumskollektion ausgestattet hat, ist teilweise erstaunlich, teilweise aber auch skandalös. Vor drei Jahren genehmigte der Stadtrat den Millionenankauf des zeichnerischen Werks von vier berühmten Künstlern: Robert Gernhardt, F. W. Bernstein, Hans Traxler und Chlodwig Poth. Jeweils tausend ihrer Arbeiten sicherte sich die Stadt, und fortan konnte sie die seit Jahren erhobene Forderung nach einem eigenen Haus für die Komische Kunst, die zuvor unter dem Titel Caricatura“ im Historischen Museum ausgestellt wurde, nicht mehr abweisen. Schätze brauchen eine Schatzkammer, und der frisch erworbene Bestand ist einer der größten Reichtümer an gezeichnetem Humor, den man in Deutschland finden kann.
Lachen im Leinwandhaus
Die enorme Vorleistung, die der Ankauf darstellte, ließ die Stadt aber vor weiteren exorbitanten Ausgaben zurückschrecken. Ein Neubau stand deshalb außerhalb jeder Diskussion, obwohl genau der kurz danach dem Historischen Museum zugestanden wurde, dem das MKK weiterhin zugehörig bleiben wird, weil der Direktor Jan Gerchow die formelle Zuständigkeit für die Komische Kunst nicht aufgeben wollte. Konkrete Wünsche von Achim Frenz nach geeigneten städtischen Immobilien blieben unberücksichtigt, und schließlich schlug man dem MKK das Leinwandhaus zu, ein 1982 auf ausgebombten Resten rekonstruiertes spätgotisches Gebäude, das zwar beste zentrale Lage bietet, dessen Räumlichkeiten aber alles andere als ideal für die subtilen Ausstellungsobjekte waren, die hier gezeigt werden sollen.
Dafür wurde das im Leinwandhaus angestammte Foto-Forum vertrieben, und der wieder denkmalgeschützte Innenraum radikal umgebaut. In die fast die ganze Fläche des Erdgeschosses umfassende große Halle, wo der größte Teil an Originalsubstanz erhalten blieb, wird eine Galerie in den fast sieben Meter hohen Raum gezogen – konservatorisch ein Geniestreich, weil dort oben in fest installierten Tischvitrinen die äußerst lichtempfindlichen Zeichnungen optimal präsentiert werden können, während unten auf flexibel verschiebbaren Wänden robustere Kunst gehängt werden kann. Ästhetisch aber ist der Umbau ein Debakel, weil die hölzernen Balkenbögen unter der Decke kaum noch zu erkennen sind und gleich gegenüber vom Eingang ein Kabinett eingezogen wurde, das den weiten Saal verengt. Es soll die Kasse aufnehmen – und einen Buchladen mit einem auf den Museumsbestand ausgerichteten Angebot, von dem sich das MKK gute Umsätze verspricht.
Die Familie wirft der Stadt Stimmungsmache vor
Im ersten Obergeschoss, den früheren Räumen des Foto-Forums, ehemals Festsaal des Frankfurter Patriziats, wird der große Raum gleichfalls durch variable Wände in fünf Kabinette geteilt, die jeweils dreißig bis vierzig Arbeiten jener fünf Zeichner präsentieren sollen, die der Neuen Frankfurter Schule zugerechnet werden – jener lockeren Verbindung, die aus der von Gernhardt, Bernstein und F. K. Waechter 1964 begründeten Nonsensbeilage Welt im Spiegel“ in der Zeitschrift Pardon“ hervorging und ihre endgültige Formation mit der Gründung des Satiremagazins Titanic“ im Jahr 1979 fand. Doch nur von vier der fünf Zeichner hat die Stadt Werke ankaufen können; der schon als vollzogen gemeldete Erwerb von gleichfalls tausend Zeichnungen aus dem Nachlass des 2005 verstorbenen F. K. Waechter misslang, weil die Erben das fast viertausend Blatt umfassende Werk zusammenhalten wollten. So gaben sie dem Wihelm-Busch-Museum in Hannover den Zuschlag für eines der bedeutendsten zeichnerischen Œuvres überhaupt. Frankfurt, wo der in Danzig geborene Waechter seit 1962 gelebt und gearbeitet hatte, ging leer aus.
Das ist seiner Witwe und den drei Söhnen in der Stadt verübelt worden, und seit das Rathaus in einer Stellungnahme behauptet hat, die Erben hätten mit dem Verkauf des Werks nach Hannover den Letzten Willen des Künstlers missachtet, ist der Kontakt zwischen der Familie Waechter und dem in Gründung befindlichen MKK, das zu den Lieblingsprojekten des Zeichners gehört hatte, gestört.
Die Familie wirft der Stadt Stimmungsmache vor, während Achim Frenz im Gespräch keinen Hehl daraus macht, wie sehr ihn gefreut hat zu erfahren, dass das Busch-Museum keine hauseigenen Restauratoren beschäftigt. Seitens der Familie war nämlich angeführt worden, in Hannover würden die Zeichnungen besser verwahrt, und das ist angesichts von Arbeiten, die häufig mit Klebeband montiert, mit Deckweiß überzeichnet oder auf säurehaltigem Papier angelegt sind, ein gewichtiges Argument. Frenz verweist darauf, dass dem MKK die Restauratoren des Historischen Museums zur Verfügung stehen werden.
Bereits vor der Eröffnung viel zu klein
Immerhin: Im Kaufvertrag zwischen dem Wilhelm-Busch-Museum und der Familie war noch vereinbart worden, dass das Frankfurter MKK in vierteljährlichem Turnus jeweils dreißig bis vierzig Waechter-Blätter als Leihgaben erhält, damit alle Zeichner der Neuen Frankfurter Schule in gleichem Umfang in der Dauerausstellung präsentiert werden können. Aber was heißt Dauerausstellung? Eine der spannenden, aber auch anspruchvollen Besonderheiten des neuen Museums wird sein, dass der feste Bestand schneller wechseln wird als manche Ausstellung, denn mehr als drei Monate lang können die Zeichnungen nicht gezeigt werden. Den Rest der Zeit liegen sie dunkel verwahrt in sieben schweren Stahlplanschränken im Dachgeschoss des Leinwandhauses.
Mehr solcher Schränke erlaubt die labile Statik des Hauses, die schon eine völlig neue Klimaanlage verkraften muss, nicht. Das heißt, mehr als die rund viertausend angekauften Blätter von Gernhardt, Bernstein, Traxler und Poth können hier auch gar nicht untergebracht werden. Das ist schade. Denn die Achillesferse des neuen Museums ist dessen monothematische Ausrichtung auf die Neue Frankfurter Schule. Sämtliche angekündigten Sonderausstellungen – mit der Ausnahme eines kurzen Zwischenspiels zur Feier des zweihundertsten Geburtstags von Heinrich Hoffmann – widmen sich Künstlern aus deren Umkreis, und außer für die Werke ihrer vier Mitglieder bietet das Museum noch keine weiteren Aufbewahrungsmöglichkeiten.
Dabei verfügen das Frankurter Historische Museum und das Institut für Stadtgeschichte über eine der bedeutendsten deutschen Karikaturensammlungen, vor allem aus der Paulskirchenzeit. Noch aber streiten die beiden städtischen Institutionen um die Zusammenführung dieser Bestände, und selbst wenn der Streit geschlichtet und auch das Aufbewahrungsproblem gelöst sein sollte – wo könnten diese Werke dann gezeigt werden? Jedenfalls nicht im bereits vor der Eröffnung viel zu kleinen Leinwandhaus.
Woran denkt man bei Caricatura“?
Das MKK hat also einige Geburtsfehler, nicht zuletzt seinen offiziellen Namen Caricatura Museum“. Die Caricatura wurde 1984 in Kassel als Verein gegründet, der 1987 eine erste Parallelaktion zur dortigen Documenta ausrichtete: Man zeigte Komische Kunst. Achim Frenz war einer der Gründer, und als er vor acht Jahren endlich von der Stadt Frankfurt angestellt wurde, um das MKK aufzubauen, brachte er den gut eingeführten Namen mit an den Main. Doch das hübsche Wortspiel weckt die Erwartung, bei den Beständen des Museums handele es sich ausschließlich um Karikaturen, was dem kunstgeschichtlichen Rang der Arbeiten nicht gerecht wird. Über diese Frage hat sich Frenz denn auch mit Almut Gehebe-Gernhardt, der Witwe Robert Gernhardts, entzweit. Sie will in dem neuen Haus eine Heimat der Komischen Kunst in all deren Facetten sehen – wie Robert Gernhardt sie ja auch exemplarisch beherrscht hat.
Es ist paradox: In dem Moment, in dem Frankfurt ein noch nirgendwo existierendes Museum eröffnen könnte, werden durch kleinliche Mittelvergabe, persönliche Differenzen und nostalgische Anwandlungen dessen Möglichkeiten radikal beschnitten. Man kann nur hoffen, dass die Popularität der Neuen Frankfurter Schule die Defizite lange genug überspielen kann, bis Achim Frenz endlich die notwendige Zeit und personelle Ausstattung zur Verfügung hat, um sich über die Chancen klarzuwerden, die der Begriff Komische Kunst umfasst.
Derzeit liegt der mögliche Ankauf von Zeichnungen des fabelhaften Kurt Halbritter erst einmal auf Eis, und an die Ausweitung der Sammlung auf andere als grafische Aspekte des Komischen wird gar nicht erst nachgedacht. Frenz will sich nicht verzetteln, und das ist ja auch klug. Jedoch kann es angesichts der Frankfurter Satiretradition nicht der Anspruch seines Museums sein, nur zu einer Art Kupferstichkabinett des Komischen zu werden. Diese Vorstellung wäre zwar zum Lachen, aber gerade nicht komisch.
Text: F.A.Z.
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