17. März 2006 Wenn man aus einer Ausstellung mit Porträtfotografien kommt, gibt es immer ein Bild, das bleibt. Das schönste, das sinnlichste, das ähnlichste. Das eine, das alle anderen als Inszenierungen entlarvt. Nur hier gibt es keins. Alles ist Inszenierung, alles Show in dieser Schau, die in hundert Variationen ein einziges Gesicht zeigt. Alles ist Spiel an Isabelle Huppert, selbst das Authentische, das Echte. Wie in ihren zahllosen Filmen ist sie auch in den Porträtfotos, die das C/O Berlin jetzt zeigt, in jeder Rolle vollkommen und in keiner sie selbst.
Daß es heute kaum noch bedeutende Aufnahmen von Filmstars gibt, liegt nicht an den Fotografen. Es liegt an den Stars. Sie sind zu Tode fotografiert - von Fans, Illustrierten, Paparazzi. Ihr Gesicht ist so begehrt, daß es unter den Blicken, die ihm huldigen, zur Maske erstarrt. Stars sind Statuen, die gelegentlich aus der Form gehen: ins Private. Bei Isabelle Huppert ist es umgekehrt. Sie leidet nicht unter der Form, sie sucht sie. Statt sich abbilden zu lassen, macht sie sich selbst zum Bild. Die Rolle, die Pose, in die andere sich mühsam zwängen müssen, ist für Huppert ein Stück Freiheit, Emanzipation vom bloßen Ichsein. Nicht wenige der vierundsiebzig Fotografen, deren Arbeiten in Berlin zu sehen sind - von Avedon über Leibovitz und Lindbergh bis Jeanloup Sieff -, hat sie selbst angesprochen; sie hat sie in Restaurants oder Hotelzimmern getroffen, im Park oder im Atelier, ohne Bodyguard, ohne wartende Fernsehteams, ohne kreischende Fans. Einem Star wäre das nicht möglich, aber Isabelle Huppert ist ja auch kein Star, sondern nur die beste aller Schauspielerinnen, die Ausnahmekünstlerin einer Kunst, die das Kunstlose vergöttert.
Das Gesicht als Instrument
An ihr ist alles Abglanz. Für Robert Doisneau ist sie das süße Mädel von Paris, für Jürgen Teller eine blonde Schlampe, für Roger Corbeau spielt sie Greta Garbo, für Herb Ritts das Girl zum Pferdestehlen, für Nick Knight eine Riefenstahl-Ikone. Bettina Rheims macht von ihr eines ihrer mit Vulgarität parfümierten Stilleben, Helmut Newton drapiert sie als frühreifes Früchtchen, Joel-Peter Witkin steckt ihr Antlitz in ein surrealistisches Gemälde. Wenn sie unverkleidet auftritt, wie in den wunderschönen Aufnahmen von Noelle Hoeppe und Roni Horn, verrät ihr gespannter Mund die Anstrengung, natürlich auszusehen. Noch mit geschlossenen Augen, fotografiert von Lucien Herve, ist sie konzentriert: auf die Darstellung des Schlafs. Ihr Gesicht sei ein Instrument, sagt die französische Schauspielerin immer wieder in Interviews, und wie die Saiten eines Instruments wirken auch ihre Züge, zum Zerreißen gespannt. Eine beunruhigende Allgegenwart schreibt ihr Patrice Chereau in seinem Katalogbeitrag zu, einen rauschhaften Narzißmus, der etwas Zerstörerisches habe: Isabelle oder der Abgrund, das unbeschriebene Blatt.
Die Fotografen, deren Werke einander an den Wänden der Ausstellungsräume den Platz streitig machen, wollen dieses Blatt beschreiben, eine Spur darauf hinterlassen, aber es gelingt ihnen nicht. Ihr Blick prallt an der Professionalität Isabelle Hupperts ab wie an einem Spiegel. Deshalb nimmt man kein einzelnes Bild aus der Ausstellung mit, sondern viele Bilder, einen ganzen Chor. Manche schreien, andere flüstern, aber das Echo, auf das sie hoffen, bleibt aus. Der Abgrund schließt sich nicht. Doch er funkelt.
Bis 16. April. Der Katalog ist im Knesebeck Verlag, München, erschienen und kostet 29,90 Euro.
Text: F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 35
Bildmaterial: C/O Berlin