Jüdisches Museum Köln

Was geht uns unser Beschluss von gestern an?

Von Andreas Rossmann

09. Juli 2008 „Das Rathaus von Köln“, schrieb Victor Hugo 1842, „ist eines jener bezaubernden ‚Allerlei‘-Gebäude, zusammengesetzt aus Stücken aller Zeiten und Stile.“ Das gilt mutatis mutandis bis heute, wenn auch mit starker Zeitverschiebung in Richtung Gegenwart. Denn das um 1136 erstmals erwähnte „Haus der Bürger“ wurde im Zweiten Weltkrieg zu mehr als drei Vierteln zerstört. Fast unversehrt blieb die Renaissancelaube, die ihm Wilhelm Vernukken, ein Steinmetz und Bildhauer aus Kalkar, zwischen 1569 und 1573 als Zugang und Balkon für repräsentative Auftritte des Bürgermeisters vorgesetzt hatte. Erst 1972 wurde der Wiederaufbau abgeschlossen, doch schon 1955 die Rathauserweiterung („Spanischer Bau“) neu errichtet und beim Aushub das römische Praetorium entdeckt: Im Westen wird der Platz vor dem Rathaus seit 1987 von der Wohnanlage „An Farina“ gefasst, während ihn im Süden erst seit der Jahrtausendwende das neue Wallraf-Richartz-Museum von Oswald Mathias Ungers abschließt.

Der kleinteilige mittelalterliche Stadtgrundriss aber ist ebenso wenig wieder erstanden wie durch einen Platz ersetzt worden, der diesen Namen verdient. Dafür ist er, ein Zufallsprodukt des Krieges, zu zugig und zu wenig gestaltet; überdies ist er auch noch leicht abschüssig. Seit 1989 ziert ihn eine Glaspyramide, die der Mikwe, dem jüdischen Kultbad, aufgesetzt wurde und siebzehn Meter in die Tiefe blicken lässt. Im Mittelalter lag hier das jüdische Viertel, und dass Kaiser Konstantin im Jahr 321 das Dekret erließ, den Juden die Berufung in die „curia“ zu erlauben, nimmt die heutige Synagogengemeinde als Beleg dafür, dass sie die älteste nördlich der Alpen ist. Die Archäologie weist spätestens im neunten Jahrhundert eine Synagoge nach: Ihre Grundmauern und einige ihrer Einrichtungen sind ebenso erhalten wie die von Tanzhaus, Hochzeits- und Spielhaus, Hospital, Warmbad, Frauenschule, Badestube und Backhaus.

Stadtgeschichte im Querschnitt

Aus der Form gelaufen und ohne große Verweilqualität ist dieser Platz – und doch historisch reicher als jeder andere in Köln. Zweitausend Jahre Stadtgeschichte lassen sich im Querschnitt besichtigen: Seit den Römern, von deren Statthalterpalast mehrere Bauphasen erhalten sind, wird die Kommune von hier aus regiert. Als die Zünfte 1396 die Patrizier entmachteten, hielten sie das mit dem zehn Jahre später begonnenen Ratsturm fest, und als der Rat 1424 beschloss, die Juden „auf alle Ewigkeit“ zu verbannen, wurde die Synagoge zu einer Ratskapelle umgebaut, für die der Maler (und Ratsherr) Stefan Lochner 1440 den „Altar der Stadtpatrone“ schuf. John F. Kennedy sprach auf dem Platz, die deutschen Handballer feierten hier die Weltmeisterschaft, und wer sich traut, wird hier mit Reis beworfen.

Schon in den fünfziger Jahren wurden Überlegungen angestellt, den „Rathausvorplatz“ zu bebauen, und seit 1971 hat es drei Wettbewerbe und Workshopverfahren gegeben, die alle der Kölner Architekt Joachim Schürmann gewinnen konnte. Doch sehr viel mehr als eine neue Bodengestaltung, die in Granit und Grauwacke die alten Straßenfluchten und Gebäude nachpflastert, wurde nicht vorgenommen. Der Platz bleibt eine innerstädtische Brache und sein unterirdischer Schatz bis auf die Mikwe unerschlossen. Obwohl Köln über die größere jüdische Überlieferung und über einzigartige schriftliche Quellen wie das Judenschreinsbuch der Laurenzpfarre verfügt, hat es anders als Frankfurt oder München kein Jüdisches Museum. Es endlich einzurichten, macht sich nicht die Stadt, sondern seit 1997 ein privater Verein zur Aufgabe: Die „Gesellschaft zur Förderung eines Hauses und Museums der jüdischen Kultur in Nordrhein-Westfalen“ möchte mit Hilfe von Sponsoren, so hat sie mehrfach zugesagt, das Museum wie auch dessen Betrieb finanzieren.

Ungewöhnlich viele gute Lösungen

So wurde Anfang des Jahres ein vierter Wettbewerb für den Rathausplatz ausgelobt, der den Bau des Jüdischen Museums in Verbindung mit der Archäologischen Zone vorsieht. Die Kombination liegt inhaltlich nahe, da die Bodendenkmale zwischen Mikwe und Aula regia sich als „erste“ Exponate des Museums anbieten. Organisatorisch aber schafft sie Probleme. Denn während es sich bei der Archäologischen Zone um ein Projekt der „Regionale 2010“, eines Strukturprogramms des Landes Nordrhein-Westfalen, handelt, das achtzig Prozent der Finanzierung übernimmt, wird das Museum von dem Förderverein getragen, der die Mittel dafür noch nicht eingeworben hat. Die beiden „Bausteine“, deren Kostenvolumina zwanzig und fünfzehn Millionen Euro betragen, müssen inhaltlich aufeinander abgestimmt werden, doch – mit zwei verschiedenen Bauherren – zeitverschoben realisiert werden können.

Der Wettbewerb, an dem sechsunddreißig Büros teilnahmen, hat ungewöhnlich viele gute Lösungen hervorgebracht. Zum Sieger wurden, mit einundzwanzig zu eins Stimmen, die Saarbrücker Architekten Wandel Hoefer Lorch + Hirsch gekürt, die im Umgang mit historischen Kontexten hohe Sensibilität bewiesen haben: In Dresden haben sie die Synagoge, in München das Jüdische Museum gebaut. Ihr Entwurf ist, in den Worten des Kölner Baudezernenten Bernd Streitberger, „fast genialisch“ und insofern auch kühn, als er für Mikwe und Synagoge nicht einzelne Schutzbauten, sondern ein gemeinsames Tragwerk vorsieht, welches das gesamte Grabungsfeld stützenfrei – denn die Lasten werden über die Außenwände abgeführt – überspannt: Seine Stahlgitterkonstruktion lässt über der Erschließungszone für die Archäologie, einer etwa sechs Meter hohen Halle, zwei Vollgeschosse frei, in die das Museum als Raumfachwerk „eingehängt“ werden kann. Am besten gleichzeitig, aber notfalls auch als „work in progress“, erst dann, wenn seine Finanzierung gesichert ist.

Grundlegende Bedenken

Er sei „dankbar und froh“, sagte Oberbürgermeister Fritz Schramma, als Mitte Juni das Wettbewerbsergebnis bekannt wurde, lobte die „sehr gelungene Lösung“ und kündigte an, das Projekt „zügig“ den politischen Gremien vorzustellen. Elf Tage später überraschte er mit einer gegenteiligen Einschätzung und meldete Bedenken an, die derart grundlegend sind, dass sie ihm nicht erst so viel später gekommen sein können. Der Siegerentwurf fülle „den vorhandenen Raum vollständig“ aus, kritisierte Schramma jetzt: „Weder die Fassade des Rathauses noch die des Wallraf-Richartz-Museums sind überhaupt noch in der Sichtachse erkennbar, die würden schlichtweg verbaut.“

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, der mit der Neuigkeit aufmachte, legte mit einem Leitartikel des Chefredakteurs nach, in dem es heißt, einer „der wenigen gelungenen Plätze Kölns würde mit einem großen Block zugestellt“, und gefordert wird, das Jüdische Museum auf dem Grundstück des ehemaligen Kaufhauses Kutz, das östlich des Wallraf-Richartz-Museums an den Platz grenzt, unterzubringen. Dass der OB „sehr spät, aber vielleicht noch nicht zu spät mahnt“, die Bürger in die Entscheidung einzubeziehen, wird ausdrücklich begrüßt; dass die Vertretung der Bürger, der Rat der Stadt, am 18. Mai 2006 beschlossen hat, dass das Jüdische Museum nur an dieser Stelle gebaut werden kann, aber wird mit keinem Wort erwähnt. Auf einer Doppelseite zeigt die Zeitung ein Luftbild des Areals, auf dem das projektierte Gebäude („Ein Museum am falschen Platz“) rot-weiß schraffiert ist: als Gefahrenzone.

Das Museum als Stadtgespräch

Seitdem ist das Thema Stadtgespräch. Die Leserbriefe füllen Seiten und schlagen, bei wenigen Gegenstimmen, in eine Kerbe: Die Freifläche soll bleiben, die Pläne verschandelten sie, der Entwurf sei klobig und monumental.

Der geschichtsträchtige Ort und der differenzierte Gestaltungsvorschlag verdienen es, genauer betrachtet zu werden: Der vorgesehene Baukörper nimmt die Traufhöhe des Spanischen Baus auf, ist niedriger als das Wallraf-Richartz-Museum, aus dessen Eckfenster der Blick auf den Dom nicht verstellt wird, fügt sich in die feingliedrige Dachlandschaft ein und schafft einen neuen, kleineren Platz, der es auf zwei Fünftel der derzeitigen Fläche bringt. Dass er im unteren Bereich kein Fensterband, sondern ein Stein-Glas-Komposit als teiltransparente Außenhaut, die gedämpftes Licht und gezielte Einblicke zulässt, und darüber eine perforierte Steinfassade erhalten soll, dürfte ihm den Eindruck von Leichtigkeit geben, und so könnte er sowohl das Wallraf-Richartz-Museum mit seiner Nichtfassade aufwerten als auch die Rathauslaube durch eine engere Fassung des Platzes inszenieren. Dagegen mag es sich als Hemmschwelle erweisen, dass das Jüdische Museum auf der Südwestecke des Platzes über eine hohe öffentliche Treppe erschlossen und damit buchstäblich enthoben wird. Andere Kritikpunkte wie der zu geringe Abstand zum Wallraf-Richartz-Museum, zu Wegeführung oder Klimatechnik dürften sich in der Weiterentwicklung korrigieren lassen.

Stadtpolitik im Zwielicht

Öffentlich ausgestellt wurden die Wettbewerbsergebnisse bis heute nicht, das soll erst am 16. Juli geschehen. Schramma erhofft sich davon eine breite Debatte, die ja auch Teil des Ratsbeschlusses sei. Die aber hätte nicht nach, sondern vor der Auslobung des Wettbewerbs geführt werden müssen. Nun, da sein Ausgang feststeht, kann sie sich nur noch auf den Entwurf beziehen, denn beschlossen wurde auch, dass „der Rathausvorplatz der einzig mögliche Standort“ für das Jüdische Museum ist und der Förderverein sich verpflichtet, „den ersten Preisträger mit der Durchführung des Bauvorhabens zu beauftragen“. Sein Vorsitzender hat inzwischen eingeräumt, „mit leeren Taschen“ dazustehen: „Wir werden nicht mit Sponsoren reden, bevor wir keine Rechtssicherheit haben.“ Andersherum wird kein Schmu draus: Solange die Finanzierung nicht nachprüfbar ist, kann es keinen Realisierungsbeschluss geben.

So stehen die Zeichen auf Hängepartie. Doch für die Archäologische Zone drängt die Zeit. Kann sie bis Mitte September keine „unwiderruflichen Schritte zur Verwirklichung“ vorweisen, wird sie nicht als Projekt der Kategorie A qualifiziert und nicht die entsprechenden Fördermittel erhalten. Fertig werden kann der Parcours über dem Grabungsfeld frühestens Ende 2011, doch auch die Baustelle wäre präsentabel. Die zeitliche und funktionale Entkoppelung vom Jüdischen Museum, auf die Schramma pocht, lässt der Entwurf der Saarbrücker Architekten durchaus zu, und in dem unerfreulichen Fall, dass das Geld für das Jüdische Museum nicht zusammenkommt, könnten andere öffentliche Einrichtungen an seine Stelle treten: die Bibliothek Germania Judaica oder sogar die geforderte Erweiterung des Wallraf-Richartz-Museums.

Verfahren, wie die Situation ist, läuft die Stadt Gefahr, sich um mehr als „nur“ um ein für die Geschichte und die Identität der alten Colonia bedeutendes Museumsprojekt zu bringen: Eine große städtebauliche und kulturpolitische Chance würde verpasst. Wieder einmal stellt sich die Frage, was die Stadt möchte und wer sie regiert. Wieder einmal fehlt es in Köln an Transparenz und Verfahrenssicherheit. Selten war der Preis dafür so hoch.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs „Archäologische Zone und Jüdisches Museum Köln“ werden vom 16. Juli bis zum 15. August im Rathaus (Spanischer Bau) ausgestellt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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