27. Mai 2009 Auf dem Neustädter Ufer der Elbe, gegenüber dem historischen Zentrum von Dresden, liegt ein schlafender Riese: das Japanische Palais. Es ist eines der bedeutendsten Gebäude der Stadt, unter August dem Starken 1723 als optischer Bezugspunkt der neuerrichteten barocken Königsstadt begonnen, doch vor dessen Tod 1733 nicht mehr vollendet. Die Porzellansammlung, Lieblingsobjekt des prunksüchtigsten aller deutschen Fürsten, hätte hier unterkommen sollen; der Bau, der eigentlich als Holländisches Palais firmierte, wurde deshalb mit vielerlei Bezügen zum Fernen Osten ausgestattet.
Unter Augusts Sohn Friedrich August wurde das Palais fertig, doch war es nur noch selten Mittelpunkt der höfischen Feiern, und auch die Porzellansammlung wanderte in den Zwinger ab. Fortan diente das Gebäude als Bibliothek und Museum. 1786 zog dort die gleichfalls unter August dem Starken begründete Antikensammlung ein, für die 1835 kein Geringerer als Gottfried Semper die Säle des Erdgeschosses im pompeianisch-polychromen Stil ausmalte. Doch die wachsende kurfürstliche Bibliothek verdrängte die Skulpturen 1890 wieder. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Japanische Palais schwer zerstört und danach zwar äußerlich wiederhergestellt, im Inneren aber nur notdürftig ausgestattet. Von der einstigen Pracht blieb kaum etwas übrig.
Die alte Pracht
So sind denn auch heute im zur Elbe hin gelegenen Flügel des riesigen Palais die Wände mit dunkelbraunen Samtbahnen behängt, um die hässlich tapezierten Wände und freiliegende Elektroleitungen aus DDR-Zeiten zu kaschieren. Das sollen die legendären Semper-Säle sein, in denen eine der wichtigsten europäischen Antikensammlungen aufgestellt war? Doch vor den schweren Textilfluten stehen die strahlend weißen Akteure der aktuellen Sonderausstellung Verwandelte Götter - die Dresdner Antiken sind nach hundertneunzehn Jahren zurückgekehrt ins Japanische Palais, und sie haben Kollegen mitgebracht: fünfzehn erlesene römische Skulpturen aus dem Prado.
Das ist eine doppelte, nein dreifache Sensation. Erst einmal ist die Dresdner Antikensamlung seit drei Jahren gar nicht mehr zu sehen gewesen, weil das Albertinum umgebaut wird und das künftige Domizil, der linke Erdgeschossflügel der Sempergalerie am Zwinger, noch von der Rüstkammer belegt ist, die 2011 ins wieder aufgebaute Residenzschloss umziehen soll. Das Ensemble der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, dieser weltweit einmaligen Schatzkammer, ist seit Jahren in Umgestaltung begriffen, um die alte Pracht wiederzugewinnen und neu zu inszenieren. Deshalb muss man oft lange auf vielgeliebte Meisterwerke verzichten, so auch auf die Dresdner Skulpturen.
Jetzt aber hat man sie endlich wieder einmal vor Augen und dazu in vielen Fällen frisch restauriert: den Dresdner Zeus, die Athena Lemnia, den Dresdner Knaben, die tanzende Mänade und natürlich die berühmtesten von allen, die drei Herculanerinnen, vor denen Winckelmann 1755 seine ersten ästhetischen Erfahrungen mit der Antike machte - um danach die Kunstgeschichte auf einen völlig neuen Weg zu führen.
Auf Jahrzehnte ein einmaliges Ereignis
Im Japanischen Palais erinnert eine antikisierende Wandtafel an dieses Ereignis, doch das Gebäude selbst gehört gar nicht zu den Staatlichen Kunstsammlungen; die Verwandelten Götter sind hier genauso nur zu Gast, wie es im kommenden Jahr die große Jubläumsausstellung zum dreihundertsten Geburtstag des Meissener Porzellans sein wird. Doch beide Schauen dürfen als Probeläufe dafür gelten, was man mit dem bislang vernachlässigten architektonischen Kleinod in schönster Lage machen könnte. Und die Blickachsen, die in dieser Antikenausstellung geschaffen werden, lassen diesbezüglich das Schönste vermuten. Wie würden diese barocken Raumfluchten erst wirken, wenn sie renoviert oder gar restauriert wären? Das Potential des Palais als Ausstellungshaus - das ist die zweite Sensation dieser Schau.
Die dritte sind die Leihgaben aus Madrid. Wie in Dresden geht der dortige Antikenbestand auf große Sammlungskäufe im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts zurück, als es die letzte Möglichkeit gab, in Rom selbst bedeutende Antiken zu erwerben, ehe das päpstliche Exportverbot rigide durchgesetzt wurde. So haben die Madrider und Dresdner Stücke bedeutendste Provenienzen und bürgen mit dem Fundort Rom für höchste Qualität. Ein solches Gipfeltreffen der antiken Skulptur dürfte auf Jahrzehnte ein einmaliges Ereignis bleiben.
Allein deshalb lohnt der Weg
Ermöglicht wurde es durch die gegenwärtige Schließung der Dresdner Sammlung, denn dadurch konnte man im Vorjahr die bedeutendsten Stücke nach Madrid entleihen. Nun erfolgt der Gegenbesuch. Die Gewichtung ist unverändert: Nur ein Viertel der gezeigten Stücke entstammt der Sammlung des Prado, doch sie ergänzen den Dresdner Bestand aufs Schönste und ermöglichen ganz neue ästhetische wie inhaltliche Erfahrungen. Plötzlich wird das Mänaden-Fragment durch ein zeitgleich entstandenes Wandrelief aus Madrid flankiert, das die ursprüngliche Pose dokumentiert.
Zu den meisterhaft gemeißelten Köpfen der Athena des Myron und des polykletschen Diodumenos im Dresdner Bestand hat die Prado-Sammlung nahezu vollständige Statuen zu bieten, die aber in der Qualität etwas zurückstehen - zumal auch im Vergleich mit der im Frankfurter Liebieghaus bewahrten Myron-Athena. Doch wie nun in Dresden über drei Säle und zwei Jahrhunderte hinweg diese Göttin in einen Dialog mit der Großen Herkulanerin tritt, das allein lohnt den Weg.
Kaum weniger trunken als die beiden Herren
Die barocke Architektur des Japanischen Palais erlaubt keinen Rundgang wie in der vorangegangenen Madrider Schau. Hier ist rechts zu besichtigen, wie sich die Römer der griechischen Plastik als Vorbild annahmen, während links originär römische Bildschöpfungen, vor allem in Gestalt individueller Porträts, zu finden sind. Dazu tritt ein in Madrid gar nicht beleuchteter Aspekt: die Komplettierungen der Barockzeit und moderne Rekonstruktions- und Entrestaurierungsversuche, bis hin zur Polychromie. So bekommt der Titel Verwandelte Götter einen vielfachen Sinn: Aus Göttern werden Menschen, Menschen werden vergöttlicht, und selbst die Statuen wandelten ihre Gestalt, wenn etwa ein jugendlicher Athlet im Barock zum jugendlichen Alexander ergänzt wurde, weil ein ehrgeiziger Sammler eben auch einen makedonischen Herrscher in seiner Kollektion brauchte.
Schade ist, dass nur wenige Skulpturen so aufgestellt und ausgeleuchtet sind, dass man sie problemlos rundum betrachten kann. Doch das wird kompensiert durch manche ironische Inszenierung wie etwa gleich zu Beginn die Paarung aus dem Dresdner trunkenen Silen, einem hässlichen, zwergenhaften Alten, mit dem jugendschönen Dionysos aus Madrid, der bei genauerer Betrachtung aber durch den Wein auch schon in derart gehobener Stimmung zu sein scheint, dass seine Standfestigkeit nur dem Marmor zu danken ist. Diese beiden Herren verabschieden uns auch wieder, wenn wir, kaum weniger trunken als sie, im Sinnenrausch von den Göttern scheiden.
Verwandelte Götter. Antike Skulpturen des Museo del Prado zu Gast in Dresden. Im Japanischen Palais; bis zum 27. September. Der ausgezeichnete Katalog, ganz in brillantem Schwarzweiß fotografiert, allerdings in der Objektbeschreibung an der Madrider Präsentation orientiert, kostet im Museum 39,90, sonst 49,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa