Von Heinrich Wefing
14. Juli 2004 Museen für zeitgenössische Kunst kann man nicht bauen, man muß sie finden, behauptet Eugen Blume, der Kurator der Sammlung von Friedrich Christian Flick. Und wenn man nur lange genug sucht, so scheint es, kann man überall fündig werden. Sogar in einer zerfledderten Gegend hinter dem Hamburger Bahnhof in Berlin, eingeklemmt zwischen Antik-Abholmärkten, Schutthügeln und Schienen, über die Gras wächst.
Dort hat Blume die Rieck-Hallen entdeckt, ein Speditionsgebäude aus der Nachkriegszeit, in dem ab September die Flick-Collection gezeigt werden soll, über die jüngst so heftig gestritten wurde. Wer die geweißten Räume dieser Industriearchitektur zum ersten Mal betritt, könnte auf den Gedanken kommen, zeitgenössische Kunst lasse sich, frei nach Beuys, überall abstellen.
Lokalpatriotismus statt moralisch-politischer Morast
Fünf hohe, geräumige Säle haben die Architekten Kühn Malvezzi in dem langgestreckten Baukörper eingerichtet, überspannt von einer offenen Stahlkonstruktion. Drei Räume im Untergeschoß kommen hinzu, insgesamt sechstausend Quadratmeter Ausstellungsfläche, deren hervorstechendes Merkmal ihre Neutralität ist. Sollte Flick nach sieben Jahren seine Sammlung wieder aus Berlin abziehen, könnte in den Rieck-Hallen auch ein Ingenieurbüro Unterschlupf finden, ein Bananenhändler oder ein Computer-Grossist. Ob diese Sprödigkeit der Kunst nutzt, wird sich zeigen; Glanz jedenfalls, da hat Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, durchaus recht, Glanz geht von diesem Ort nicht aus, auch keine eigene Anziehungskraft. Die muß Flicks Sammlung schon selbst entwickeln.
Daß sie das tun wird, daran ließen Schuster und Blume jetzt bei einer Presseführung durch den Ausstellungsbau keinen Zweifel. Eine einzigartige Kollektion komme da nach Berlin, die der Hauptstadt endlich den Anschluß an den kunsttheoretischen Diskurs der Gegenwart verspreche, schwärmten sie, darunter der größte Bruce-Nauman-Werkblock der Welt. Man darf wohl vermuten, daß diese atemlose Euphorie und Rekordhuberei auch dem Zweck dient, die Flick-Debatte aus dem Morast des Moralisch-Politischen hinüberzulotsen in die Gefilde des Lokalpatriotismus und der Kunstbetrachtung.
Auch in Zukunft nicht allein Sache der Kunst
Wenn erst die Werke der Flick-Collection zu sehen seien, prophezeite Schuster, werde es eine ganz andere Diskussion geben. Noch freilich ist es nicht soweit. Noch steht Salomon Korns Wort vom "Blutgeld", das da reingewaschen werden solle, sperrig und häßlich im Raum, und so mußten auch die Museumsvertreter, flankiert vom eigens herbeigeeilten Bürgermeister Wowereit und dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Lehmann, noch einmal zu der Debatte über Flicks Familiengeschichte Auskunft geben.
Wowereit versicherte dem Ausstellungsprojekt seine unerschütterte politische Unterstützung, und Lehmann kündigte verschiedene Unternehmungen an, die die Präsentation der Sammlung begleiten sollen, eine Veranstaltungsreihe über Geschichte und Defizite der Entnazifizierung etwa, die die Stiftung gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung durchführen will, und eine Studie über die Geschichte der Familie Flick, die von der SPK beim Münchner Institut für Zeitgeschichte in Auftrag gegeben und von Friedrich Christian Flick finanziert werden soll. Allein auf die Kunst wird sich die Flick-Collection offenbar auch in Zukunft nicht konzentrieren lassen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2004, Nr. 161 / Seite 36
Bildmaterial: AP