Messerschmidts „Charakterköpfe“

Die Gesichtsverhandlung

Von Konstanze Crüwell

Franz Xaver Messerschmidt: Ein Erzbösewicht, nach 1770

Franz Xaver Messerschmidt: Ein Erzbösewicht, nach 1770

17. November 2006 Der glatzköpfige Herr wirkt ganz sympathisch, aber gut scheint es ihm nicht zu gehen: „Ein mit Verstopfung Behafteter“ heißt das lebenspralle und hochexpressive Bildnis, zu dem Franz Xaver Messerschmidt (1736 bis 1783) von einem habituellen „Quitten- und Knödelfresser“ inspiriert wurde, wie sein anonymer Biograph 1794 schreibt. Dieser Autor hat im nachhinein auch die abstrusen Titel der Messerschmidtschen „Charakterköpfe“ erfunden, die jetzt in reizvoller Auswahl im Frankfurter Liebieghaus gezeigt werden.

Es sind diese wahrhaft außerordentlichen Werke, denen der österreichische Künstler den anhaltenden Ruhm verdankt: Kein anderer Bildhauer seiner Epoche hat es vermocht, menschliche Gefühle und Leidenschaften in derart gnadenlos realistischen Momentaufnahmen und mit so beißendem Spott darzustellen. Zum bewunderten „Hogarth der Plastik“ wurde Messerschmidt jedoch erst in späteren Jahren.

Exzentrischer Zeitgenosse

Bis heute ist dieser eigenständigste Bildhauer des österreichischen Spätbarock, ein offenbar recht exzentrischer Zeitgenosse, eine rätselhafte Figur geblieben. Im churbayerischen Wiesensteig bei Ulm wurde er in die richtigen Kreise hineingeboren: Bei seinem Onkel Johann Baptist Straub, dem renommierten Münchner Hofbildhauer, und beim Grazer Straub-Onkel ging er in die Lehre. 1755 zog er nach Wien, wo er hurtig und glanzvoll Karriere machte. Mit den Porträtbüsten und monumentalen Statuen von Maria Theresia und Franz I. Stephan von Lothringen feierte er die schönsten Erfolge und avancierte zum begehrten Porträtisten der Wiener Aristokratie und Gelehrtenwelt. Schon in diesen grandiosen, im doppelten Sinne plastischen Bildnissen ist zu erkennen, daß Messerschmidt über psychologische Einfühlungsgabe und einen klaren, das Wesen seines Gegenübers genau erfassenden Blick verfügt haben muß. Mit den satirischen Talenten hielt er sich bei den repräsentativen Bildnissen aber noch zurück.

Nachdem er 1765 in Rom die Skulptur der Antike studiert hatte, kam es zu einem radikalen Wandel in Messerschmidts Schaffen. Nun stellte er seine Wiener Auftraggeber nicht mehr in traditionellen Porträts dar, sondern als Individuen, einfach und unverstellt, ohne Perücke, ohne die dekorativen Zeichen ihres Standes: Das Gesicht wurde zum Spiegel der Seele. Wie sehr sich seine künstlerischen Auffassungen damals änderten, wird besonders augenfällig im fulminanten Silberporträt des Fürsten Joseph I. Wenzel von Liechtenstein, das erst 2004 wiederentdeckt wurde. In diesem Werk sieht Maraike Bückling, die Kuratorin der Schau, das bisher fehlende Bindeglied zwischen Messerschmidts formal und stilistisch so unterschiedlichen Werkgruppen der Porträtbüsten und der grimassierenden „Charakterköpfe“.

Affektgeladene Mannsbilder

„Erzbösewicht“, „Satiricus“, „ein mürrischer alter Soldat“ oder die von einem Greis plausibel verkörperte „Einfalt im höchsten Grad“ - es sind affektgeladene Mannsbilder mit verzerrtem, schreiendem, lachendem, gähnendem, schlafendem oder „kindisch weinendem“ Gesichtsausdruck, die in ihrer erstaunlichen jahrhunderteübergreifenden Präsenz ganz lebensnah wirken. „Die phantastischen Köpfe des Franz Xaver Messerschmidt“ lautet der doppeldeutige Titel der drei Porträtbüsten und zwanzig „Charakterköpfe“ umfassenden Schau, die Nikolaus Hirsch, Architekt der Dresdner und Münchner Synagogen, sinnreich inszeniert hat.

Der Künstler gilt als Protagonist des Lachens in der nachantiken Skuptur - die heitere Gemütsregung zeigen sonst nur Satyrn oder Faune. Und so gehört „Der Künstler, so wie er sich lachend vorstellt“ zu Messerschmidts berühmtesten „Köpf-Stückhen“ wie er sie selbst nannte. Die wundersamen Kunstwerke - fünfundfünfzig sind erhalten, neun leider verschollen - erlebten ein wechselvolles Schicksal, belustigten sogar zeitweise das Publikum im Prater, bis sie im späten neunzehnten Jahrhundert in bedeutende Museen und feine Privatsammlungen gelangten.

„Verwürrung im Kopf“

Im Liebieghaus wird der Bildhauer nicht als Spötter oder Satiriker gezeigt, sondern als „sculptor doctus“, der wohlvertraut mit den philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des achtzehnten Jahrhunderts war und als Künstler der Aufklärung die Wahrheit des Menschen zu ergründen suchte. Seine weitgespannten Interessen schlossen die unorthodoxen Methoden seines Freundes Franz Anton Mesmer ein, der als Arzt und Erfinder des „tierischen Magnetismus“ bekannt war. Und vermutlich ist es ein Mesmersches Magnetband, das auf dem Mund des Herrn mit dem „innerlich verschlossenen Gram“ liegt.

Um 1770 endeten Messerschmidts glückliche Jahre jäh. Wichtige Auftraggeber starben. Er erkrankte, und daraufhin wurde ihm die (ihm rechtlich zustehende) Professur an der Akademie mit der Begründung verweigert, er leide an einer „Verwürrung im Kopf“. Friedrich Nicolai hatte 1781 eine andere Erklärung parat: Messerschmidt sei das Opfer einer Intrige geworden. Zutiefst gekränkt entfernte sich der Künstler 1775 aus dem ihm unerträglich gewordenen Wiener Seelenklima und zog nach Zuckermandel bei Preßburg, wo er dann wohl die Mehrzahl der Charakterköpfe schuf. 1783 starb er. Seine angebliche Verrücktheit hat der Wiener Psychoanalytiker und Kunsthistoriker Ernst Kris 1932 in einer bis heute umstrittenen stilpsychologischen Analyse sehr postum als Schizophrenie diagnostiziert. In einem Punkt hatte Kris aber immerhin recht: „Man gähnt nach“, wenn man den „Gähner“ betrachtet, das kommt tatsächlich auch im Liebieghaus vor.

Bis 11. März 2007. Der hervorragende Katalog, erschienen bei Hirmer, kostet 29,90 Euro.



Text: F.A.Z., 18.11.2006, Nr. 269 / Seite 48
Bildmaterial: Courtesy: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Courtesy: Szépmüvészeti Múzeum, Budapest, ddp/Liebighaus, Fotostudio Otto, Wien, Fotostudio Pfeifer, Wien, Peter Frankenstein, Hendrik Zwietasch, Sammlung der Österreichischen Galerie, Wien, Werner Neumeister

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Der Satirikus, nach 1770Ein schmerzhaft stark Verwundeter, nach 1770Büste eines bärtigen alten Mannes, nach 1777Variante zu “Einfalt im höchsten Grade“ oder “Demokrit“, nach 1770Der Gähner, nach 1770 Ein düsterer finsterer Mann, nach 1770“Das schwere Geheimnis“ (l.) und “Ein kraftvoller Mann“, nach 1770Der kindisch Weinende, nach 1770Der Edelmüthige, nach 1770