Bernard Buffet

Deine nachtschwarzen Augen

Von Rose-Maria Gropp

Festhalten an der Figürlichkeit: “Sitzende Frauen“ von Bernard Buffet

Festhalten an der Figürlichkeit: "Sitzende Frauen" von Bernard Buffet

18. April 2008 Wer die Halle betritt, darf erst einmal staunen. Von der linken Wand, die ganz mit freundlicher Rosafarbe angestrichen ist, schaut von hoch oben solitär ein kleiner Uhu vor seinem himmelblauen Grund herab. Keiner, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hätte, Bernard Buffets „Le petit duc“, fest in seiner Astgabel des allgemeinen Gedächtnisses verkrallt seit bald vierzig Jahren. Ihm gegenüber fahren drei bunte Automobile ihren Corso an der Wand. Derart führt das Frankfurter Haus den französischen Künstler ein, der für eine kurze Zeit bejubelt und seither viel gescholten wurde. Wer es wagt, ihn zu schätzen, gilt in der Gemeinde der Wissenden als Banause. Seinen Wiedererkennungswert bei den Leuten jedoch konnte alle verächtlichmachende Kritik nicht amputieren. Wenn einer besessen arbeitet wie er - niemand hat seine Gemälde und Grafiken gezählt, es sind einige tausend - und wenn das Volk ihn dafür liebt, dann kann das ja nichts sein.

Bernard Buffet also, im Jahr 1928 geboren, mit neunzehn Jahren der Malerstar von Paris, vielfacher Millionär, Eigentümer von Schlössern, praktizierender Maniac und Melancholiker, während zwei Jahrzehnten der König des „Miserabilismus“. Sein Stil mit den schwarzumrandeten armselig dürren Gestalten - ob Mann, Frau oder Huhn auf dem Tisch - machte ihn zum Illustrator existentialistischer Tristesse. Dann kam plötzlich jeder Sinn für seine repetitive Magie der Beelendung abhanden, als habe er nie etwas anderes getan.

Riskante Durchblicke

Bernard Buffets “Drei Witzbolde“ aus dem Jahr 1997

Bernard Buffets "Drei Witzbolde" aus dem Jahr 1997

Im MMK folgen nach der frivolen Exposition in der Halle über zwei Stockwerke hin gut sechzig Gemälde - und nichts Geringeres als die Entdeckung eines Malers ist zu vermelden. Natürlich ist es die sorgfältige Auswahl, die diese Wucht erlaubt, aber für jeden, den nicht seine Borniertheit schon trübsichtig macht, ist das Augenfutter allererster Güte. Dazu gehört, dass es einem manchmal vor Wahnwitz schier den Atem verschlägt. Doch dann kommen die Momente, wenn Kunstwerke glühen vor Intensität, wenn sie unzerstörbar sind, auch durch die böse Nachrede, wenn sie heraustreten aus dem Schatten, wie lange verschollene Gefährten - und brandneu wirken.

Es sind die spielerischen, riskanten Durchblicke und intelligenten Inszenierungen, die zusätzliche Reize verschaffen. Die nackten jungen Männer des Neunzehnjährigen, Selbstbildnisse von einiger Kraft, verdrängen jenen fatal berühmten Kopf eines Clowns aus dem Fokus, der in seinem schweren silbrigen Rahmen in ein Seitenkabinett abgeschoben ist. Buffet hat diese Jüngline gewagt, im Jahr 1947, bevor ein Andy Warhol und ein David Hockney ihre jungen Männer zeichneten. Oder ist da an Egon Schiele zu denken?

Chance einer Neubewertung

Entkernte Physiognomie: “Kopf eines Gehäuteten“

Entkernte Physiognomie: "Kopf eines Gehäuteten"

Bernard Buffet gehört zu raren Ausnahmefiguren, die unter dem Kunstdiktat der fünfziger und sechziger Jahre auf der Figürlichkeit beharrt haben, auf ihrem einmal, sehr früh im Leben, gefundenen Stil. Die Hängung in Frankfurt ist aber nicht strikt chronologisch, sondern gibt sich betörenden Korrespondenzen hin oder einfach optischen Plausibilitäten. Oder sie errichtet einen halbironischen Andachtsraum in der engen Spitze des Museumsbaus, wo dem Betrachter dann vor einer fünf Meter breiten Kreuzigung aus dem Jahr 1951 das Lachen vergehen kann und ein Licht aufgehen mag, dass gelegentlich der zweite Blick kein Fehler ist.

Frankfurt eröffnet die Chance, sich dem Phänomen Bernard Buffet neu zu nähern - ohne die Mauligkeiten und verordneten Scheuklappen, ohne die Berührungsängste mit dem Werk eines Vielmalers und die scheinheilige Orthodoxie. Die Tür ist wieder aufgestoßen für eine Wertung aus dem Geist der Geschichte, die sich von allfälligen Diktaten befreien kann. Ob man den Mann - wieder - im Zusammenhang nennen darf mit Picasso, mit dessen frühen Artisten in Blau und Rosa, und vielleicht noch darüber hinaus? Besteht er neben Giacometti? Reicht seine Kraft womöglich bis in unsere Zeitgenossenschaft?

Ritterschlag durch Andy Warhol

Die Einsamkeit des Denkers: Buffets “Zwergohreule“ auf pinkfarbener Fläche

Die Einsamkeit des Denkers: Buffets "Zwergohreule" auf pinkfarbener Fläche

Eines macht dieses Panoptikum grandios. Es sind die nachgerade größenwahnsinnigen Dimensionen mancher Gemälde. Auf fast sieben Meter Breitwand haut „Der Kriegsengel“ von 1954 alles Humane in Stücke vor einem Cinemascope-Hintergrund, „Luzifer“ aus dem Zyklus zu Dantes Hölle verschlingt auf einem Riesenformat die Menschen. Ein ganzer Raum ist bereitgestellt für die neun Monumentalgemälde, auf denen Buffet die Geschichte von Jules Vernes Kapitän Nemo nachstellt - eine Comic-Ästhetik ohne Beispiel.

Mit dieser ungewöhnlichen Schau hat sich das MMK ein Stück weit das Terrain der Moderne zurückerobert, in so erstaunlichen Synergien vor allem, wie sie mit Claes Oldenburgs „Bedroom Ensemble“ und Warhols „Brillo“-Schachteln entstehen, neben Buffets bauklotzhafter Manhattan-Skyline und gegenüber seiner kruden „Leçon d'anatomie d'après Rembrandt“. Vis-à-vis den Desaster-Bildern des Amerikaners klebt sein Lob für den Europäer an der Wand: „Aber die Franzosen haben doch einen wirklich guten Maler. Also mein Lieblingskünstler ist eindeutig der letzte große Künstler von Paris. Der letzte berühmte Maler: Buffet.“ Das sagte Warhol 1985. Immerhin ist dieses Prädikat dem Mann mit dem verbürgt schlechtesten Geschmack eingefallen, der damit freilich die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts prägte.

Melancholie des Spätwerks

Dunkelkammer des “Miserabilismus“: Bernard Buffet in seinem Atelier

Dunkelkammer des "Miserabilismus": Bernard Buffet in seinem Atelier

Die späten Bilder seit Mitte der neunziger Jahre sind gezeichnet von Buffets Krankheit, deren zerstörerische Energie er wild, starkfarbig und pastos umsetzt. Ein unglaublicher Einfall ist jenes betende Skelett, das er 1998 zwischen einem schwarzen Kreuz und einer goldenen Monstranz knieen lässt. Nach langer Absenz taucht am Ende der Clown wieder auf, jetzt 1999 als Groteskfigur mit Gitarre, zwischen den Füßen einen Nachttopf. Als seine Parkinson-Erkrankung ihm das Malen unmöglich gemacht hat, nimmt sich Buffet am 4. Oktober 1999 in seinem Atelier das Leben. In Frankfurt ist ein unbekannter Künstler ausgestellt, dessen Namen man sich merken sollte: Bernard Buffet.

Bernard Buffet - Maler. Bis 3. August im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt. Ein Katalogbuch ist in Vorbereitung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: akg-images, AP, AP Bernd Kammerer, Galerie Maurice Garnier

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