16. September 2008 Gischt schießt über die Reling, Frauen schreien auf, man klammert sich aneinander, dem fluchenden Steuermann reißt der Sturm die Flüche von den Lippen. Wir sind nicht an Bord eines der überfüllten Flüchtlingsschiffe vor Lampedusa, sondern in einem gedrängt vollen Vaporetto, unterwegs zu den Giardini am Rande Venedigs. Eine tintenschwarze Gewitterwand wandelt den behäbig tuckernden Wasserbus zum Gespensterschiff. Glücklich an Land und dem plötzlichen Gedanken entronnen, der Klimawandel sei tatsächlich in vollem Gang, stolpert man in die nächste Katastrophenszenerie. Sie heißt Out there. Architecture beyond building, zu deutsch: Da draußen. Architektur jenseits des Bauens und ist die elfte Architekturbiennale.
Schwärze, so undurchdringlich wie die draußen, empfängt in den Riesenhallen des Arsenale. Nur stromlinienförmige weiße Gebilde leuchten. Architekturen im Windkanal, nennt sie das New Yorker Duo Hani Rashid und Lise Anne Couture, gemacht für die Nomaden, zu denen wir, und mit uns unsere Bauten, infolge der globalen Verheerungen verdammt sind. Prompt denkt man an den Großversuch des Europäischen Zentrums für Elementarteilchenforschung vom vergangenen Mittwoch. Als dessen neuer Teilchenbeschleuniger startete, beschworen Skeptiker die Gefahr schwarzer Löcher. Die Selbstvernichtung der Erde blieb aus, aber jenseits der Vernunft erhielt unser aller Gefühl von Apokalypse Auftrieb. Nun stehen wir selbst in einem - gottlob imaginären - Beschleuniger und lernen, dass unsereins bald in molluskenhaften Bauten über die Erde trudeln wird.
Katastrophenlust und Selbstanklage

Stumm klagende Kronzeugen unserer Zivilisation: weiße Schaufensterpuppen, deren Rümpfe in Urhäusern stecken
Uns fällt Dust in the wind ein, die 1977 weltweit erfolgreiche Elegie der Gruppe Kansas. Wie einst im Lied wird nun auf der Biennale jeder Halt verneint: Ben van Berkel visioniert Changing rooms - kein Oben, kein Unten - als künftige Behausungen, MVRDV lässt auf Computersimulationen Städte wie Algenplagen wuchern, und Zaha Hadid, größenwahnsinnig genug, ihr Schaffen mit John Ruskins Stones of Venice zu vergleichen, lässt wieder ihre Baublitze durch Spaces sausen. Bei so viel Veitstanz dürfen auch Coop Himmelb(l)au nicht fehlen, die in ignoranter Hybris ihre Untergangsfantasien aus den siebziger Jahren hervorgekramt haben.
Architektur muss brennen, stechen, schmerzen, schrieben die Wiener damals - und verkündet die Arsenale-Schau heute. Doch sie fühlt mit all den antiquierten Gleit- und Steckspielen, wandernden Ameisenhaufen und quälenden Stachelrochenklustern den Puls der Zeit: Nur wenn's weh tut, ist es gut heißt es im neuesten Hit der Gruppe Rosenstolz, den ihre schärfsten Konkurrenten, die Söhne Mannheims, in ihrem Senkrechtstarterhit mit dem Satz Der Mensch lernt nur, wenn er Scheiße frisst bestätigen. Mit dieser ordinären Feststellung könnte auch die Biennale aufwarten, nicht aber mit dem Titel des Lieds, der da lautet Das hat die Welt noch nicht gesehen. Wir haben fast alles schon gesehen, was nun im Arsenale geistert: Walking cities nannte 1964 Archigram seine überall kopierten Utopien, die die allgemeine Angst vor der Atombombe unter kokett trippelnder Technologie verbarg. Im ökologiebesessenen Heute hat das Hightech von damals biomorphe Kostüme übergestreift und steht der Klimawandel, wofür die Atombombe stand. Nur die aufgesetzte Fröhlichkeit ist verschwunden. Statt ihrer dominiert Katastrophenlust und Selbstanklage. So wie in Singletown von Droog & Kesselskramer, die blind starrende weiße Schaufensterpuppen, deren Rümpfe in Urhäusern stecken, als stumm klagende Kronzeugen unserer moandischen Zivilisation zeigen.
Luthers Äpfel hängen am Tropf
Jetzt, da wir alle Techniken besitzen, die Welt in ein Paradies zu verwandeln, haben wir die Vertreibung aus eben diesem vollendet. Erwartungsgemäß liegt ein nackichtes lebendes junges Pärchen auf dem Boden; er liest, sie sinniert. Auch die Pepperonibündel, die feuerrot um Adam und Eva arrangiert sind, könnten die beiden nicht mehr aus ihrer Lethargie wecken - und das dergleichen gewohnte Publikum nicht aus der seinen.
Die fehlende Frucht der Erbsünde findet sich im Deutschen Pavillon. Doch ehe der Besucher die Äpfel pflücken kann, hat er - wer nicht lernen will, muss fühlen -, die Scheinwerfer des Pfeilerportikus zu passieren, die jenes Licht, das Treibhauspflanzen am Leben hält, bündeln. Schmerzen wie von Sonnenbrand in Gesicht und Nacken, steht man dann vor Apfelbäumchen und denkt an Luther, der sie bekanntlich gepflanzt hätte, selbst wenn morgen die Welt unterginge. Beziehungsweise: das Denken daran wird einem samt Hoffnung ausgetrieben. Denn die Bäumchen in Klarsichtkübeln hängen, wie inzwischen alles in unserer Welt, am Tropf.
Updating Germany heißt der deutsche Biennale-Beitrag. Die Buchstaben des Mottos sind - siehe Luthers Äpfel - aus Cranachs Paradies-Gemälde geschnitten, die Schaustücke dagegen evozieren jene Hölle, die wir uns schufen. Doch man heißt uns auch hoffen: Ein Betonbrocken, siebenhundert Kilo schwer, 1,5 Kubikmeter, liegt in der Zentralhalle. Herausgebrochen aus dem einstigen Flakbunker Wilhelmsburg repräsentiert er das Projekt radikaler Umnutzung. Die NS-Betonburg soll für die IBA Hamburg zu Europas größter Solaranlage mit Wärmespeicher und integriertem Blockheizkraftwerk werden. Vom Wandel zurück in eine bessere Welt zeugt auch eine Wand aus leeren Plastikflaschen. Errichtet ist sie aus normierten vierkantigen Wasserbehältern der Katastrophenhilfe, die als Baumaterial für provisorische Unterkünfte dienen könnten.
Bei uns fährt sogar der Kronprinz Fahrrad
Alle zwanzig Projekte im Deutschen Pavillon betreffen die Umwelt schonende, wenn nicht gar regenerierende Maßnahmen. Unsere Häuser müssen werden wie Bäume, hieß es auf der Podiumsdiskussion zur Eröffnung. Bäume? Man wünschte sich einige Beispiele, in denen Gestaltung mehr ist als ein Zurück in Erdhöhlen oder Vorwärts in biomorphe High-Tech-Kapseln. So aber blieb nur der Wunsch - und der betretene Blick auf die aus Abfall gebastelten Sessel der Diskutanten, die jenen Patchworksitzmöbeln glichen, womit in den Siebzigern die ersten Öko-WGs gegen Plastikdesigner punkten wollten.
Genauso unwillentlich vorgestrig war der Appell, man müsse weltweit die Gesellschaft von einer Architektur überzeugen, die sich nach Erfüllung ihrer Aufgabe wieder zurück zu Natur verwandele. Damen und Herren: Schon 1971 informierte Katja Ebstein beim Grand Prix die zugeschaltete Menschheit über das globalen Hoffen auf sternenklare Nächte und Luft wie Jasmin. - Diese Welt, diese Welt hat das Leben uns geschenkt. Sie ist mein, sie ist dein, es ist schön auf ihr, was werden soll, liegt an dir! Wer dennoch meinte, es lägen Welten zwischen Uraltschlagern und Biennale, den bekehrte eine skandinavisch-australische Diskussion. Bei uns fährt sogar der Kronprinz Fahrrad, erklärte ein Däne und lobte dann die kommende Kopenhagenisierung Melbournes.
Ein Potpourri aus angeranzten Utopien
So behält der streitbare Chemiker Michael Braungart Recht, der im Deutschen Pavillon wetterte, die heutigen ökologischen Bemühungen glichen dem Jubeln eines Passagiers der sinkenden Titanic, der Rettung sieht, weil er statt eines Teelöffels plötzlich einen Suppenlöffel zum Wasserschöpfen in Händen hält. Als Titanisten in diesem Sinn präsentieren sich die Engländer, die statt Utopien die Wiedergeburt des britischen Reihenhauses präsentieren. Russland übt Selbstkritik in Gestalt einer monströsen giftgelben Gasleitung, die sich mannshoch über einen Weg der Gardini windet, Norwegen stellt sich selbstironisch mittels eines holzverkleideten Wohnwagens als wunderbar vor, Israel dokumentiert nüchtern die Vor- und Nachteile seines aktuellen verdichteten Bauens.
In diesem endlosen Potpourri aus angeranzten Utopien und architektonischen Maulwurfsmentalitäten schlägt einem eine Lüge die Wahrheit ins Gesicht: Im Hauptpavillon fällt inmitten des langweiligen Gewusels das Rotterdamprojekt auf. Um Investoren und Standortvorteile im internationalen Städtewettbewerb zu sichern, gestattet Rotterdam eine zweite Wolkenkratzerstadt, die auf titanischen Stelzen über die erste gestellt werden wird; unten, liebevoll saniert, die alte vertraute Urbanität, darüber das perfekte computerglänzende 21. Jahrhundert. Dass all dies satirische Fiktion ist, merkt man spät. Wie auch anders, da unser reales Bauen längst dieses Stadium erreicht hat? Die Entscheidungen dafür fallen jenseits der Architektur, in jenen ökonomischen Schlachten, an denen Architekten mittun, wenn sie nicht gerade einen Beitrag für die Biennale vorbereiten.
Out There. Architecture beyond building. Bis 23. November. Der Hauptkatalog kostet 80 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP