Von Thomas Wagner
09. November 2006 Neo Rauch ist der Superstar der gegenwärtigen Malerei. Ohne ihn gäbe es keine Neue Leipziger Schule, gleichviel, ob das überhaupt eine Schule ist, und man muß lange suchen, bis man weltweit einen anderen Maler der Generation nach Baselitz, Hockney, Kiefer, Richter und Polke findet, der auch nur annähernd an den 1960 geborenen Leipziger Rauch heranreichte. Allenfalls Luc Tuymans durchforscht das Niemandsland zwischen Figuration und Abstraktion mit einer vergleichbaren Intensität, aber mit ganz anderen malerischen Mitteln als Neo Rauch.
Nun bietet das Kunstmuseum Wolfburg erstmals Gelegenheit, die Entwicklung seiner Malerei in einem weit gespannten Bogen nachzuvollziehen, die sich in den vergangenen dreizehn Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit entfaltet hat. Das allein schon ist alles andere als selbstverständlich. Daß es Rauch inmitten seines nun schon viele Jahre anhaltenden internationalen Erfolgs überhaupt gelungen ist, bei der Sache zu bleiben, zeugt von der Charakterfestigkeit des Künstlers.
Die Werke selbst sprechen
Einen wie Neo Rauch, der mit und in seiner Arbeit an der Kunst lebt, bringt so leicht nichts aus der Ruhe, nicht einmal der Erfolg, der bekanntlich zersetzender wirkt als sein Ausbleiben. Dazu beigetragen hat auch die Umsicht von Rauchs Galeristen Gert Harry Lybke, im überhitzten Kunstbetrieb wahrlich keine Selbstverständlichkeit.
Gerade weil der Malerstar Neo Rauch schon vor Beginn der Wolfsburger Schau Neue Rollen - Bilder 1993 bis 2006 allerorten in Interviews und Berichten groß gefeiert wurde, tut es gut, wenn nun die Werke selbst sprechen. Aber nicht nur die mehr als siebzig versammelten Gemälde sprechen eine deutliche Sprache. Es ist die Institution der Ausstellung selbst, die sich als unverzichtbares Erkenntnismedium eigenen Rechts erweist, indem sie das innere Wachstum des Werks vor Augen stellt. Nur hier, inmitten der Abfolge einzelner Gemälde, lassen sich Programm und Qualität der Kunst Neo Rauchs im Zeitstrom seines Wandels ermessen.
Phantastische Manöver
Der Rundgang beginnt etwas prätentiös mit Anima I von 1995 und Ende (Akademie im Wald) von 1998. Mächtig prangt im noch blauen Himmel über einer waldreichen Gegend das Wort Ende. Gebildet wird es aus sechs in den Farben Blau, Rot, Gelb, Grün, Schwarz und Weiß ummantelten Elektrokabeln, deren Verschlungensein zum Wort von einer Aura umgeben ist. Ist es die Morgenröte einer neuen Malerei oder der versöhnliche Abendschein, der über der Landschaft liegt? Es läßt sich nicht ergründen, wie so vieles auf den Gemälden Neo Rauchs. Still und menschenleer warten auf einer Lichtung backsteinrote Gebäude. Im Vordergrund wacht der splitternd gebrochene Stamm eines Baums. Betrachtet man gegenüber das Gemälde Anima I, so bemerkt man, welch sparsamen Gebrauch Rauch noch Mitte der neunziger Jahre von der Figur gemacht hat. Anima, das ist die Mutter und Muse von Rauchs Frühzeit, eine Rätselgestalt und ein Archetypus des Lebens, schemenhaft und unergründlich.
Es folgt ein Raum mit den drei Rundbildern Ufer, Plazenta und Dock von 1993 und 1994 - und auch hier sind die Gesichter noch leer: helle Projektionsflächen. Im Falle von Plazenta ist die linkisch im Zentrum hantierende Figur von weiteren kleinen Rundbildern umgeben, die wie Bullaugen aus dem schwarzen Fond ausgeschnitten scheinen und wie Trabanten um sie kreisen. Zwei Zöpfe, die ebensogut Wurzeln schlagende endlose Säulen von Brancusi sein können, ein offener Schubladenschrank, der wie eine minimalistische Skulptur wirkt, Silhouetten von Flugzeugen, ein Netzwerk und eine Gestalt, der ein Pflanzentrieb aus dem Mund heraus- oder in diesen hineinzuwachsen scheint - lauter serielle Wurzelstücke, aufgerufen, sich zu zeigen und zu kreisen im dunklen Bezirk um das ratlose Ich.
Erbarmungslose Künstlichkeit
Als sei Rauchs Werk in Jahresringen gewachsen wie ein Baum, folgt nun Raum auf Raum, Schicht um Schicht. Fünf Bilder markieren jene, die 1993 erreicht wurde, darunter rätselgleich lockende Düsternisse wie Dromos und Grund, oder verschlossene, mit den Zeichen für Plus und Minus deutlich bipolare Experimente wie Erl, auf dem das Motiv sich zurückzieht, als warte es im Bildgrund, verborgen hinter der ockerfarbenen Grundierung. Auch auf den Gemälden, die Anfang und Mitte der neunziger Jahre entstehen, wenden sich viele Figuren noch vom Betrachter ab, blicken scheu und verloren ins Innere des Bildes. Erst langsam quetscht sich zwischen den Farbflächen und reinen Malzonen das Fragment einer Landschaft hindurch. Zögernd öffnen sich Zonen des Wiedererkennbaren, bis Tankstellen, Lagerhallen, Autobahnen und Innenräume ins Bild rücken und sich das für Neo Rauch so typische Personal aus der Deckung wagt. Spätestens jetzt begreift man, wie lange der Maler um die Rolle der Figur im Bild und um die Balance von Figürlichkeit und Abstraktion, Farbflächenmalerei und allegorisch-erzählerischen Partikeln gerungen hat. Daß Rauch von jeher ein figurativer Maler gewesen sei, gehört nach dieser Ausstellung endgültig ins Reich der Märchen.
Ende der neunziger Jahre ist Rauchs Malerei bei sich angekommen. Was nun folgt, ist der Neo Rauch, den man kennt, der Bilder aus malerischen Farbflächen und Bedeutungspartikeln zusammenstückt wie auf dem programmatischen Bild Unerträglicher Naturalismus. Jetzt sind die bekannten Versatzstücke wie Staffeleien, Farbtöpfe, Kanister, wie Paletten geformte Tische oder modernistische Gebäude samt den Ingenieuren des Fortschritts, den Suchern, die das Terrain der Kunst mittels Detektoren abtasten, und all den Alter egos des Künstlers an den Stromkreis einer bildhaften Phantasie angeschlossen. Fortan sind leere Sprechblasen wie Fenster über die Bildfläche verteilt, bevölkern Gestalten aus Comic und Werbegrafik postindustrielle Landschaften und militärisch-ästhetische Komplexe. Alles scheint ins Licht einer erbarmungslosen Künstlichkeit getaucht, und die Imagination treibt Vorstellungen und Allegorien aus sich heraus, als greife der Künstler gedankenverloren nach diesem und jenem, um dem einen, gültigen Bild näherzukommen. Die Szene indes, in der sich alles zu einem Ganzen rundete, bleibt unerreichbar. Also betreiben die Protagonisten Modellbau oder spielen allerlei Manöver durch. Und der Maler spiegelt sich ironisch in Handel selbst als Mann mit Bauchladen, der ein Farbraumkörper ist oder ein aufgeblasen wirkendes monochromes Bild, auf dessen Oberfläche Flammen züngeln.
Festliche geschmückte Guillotine
In dieser Phase gibt sich Rauchs Realismus magisch und nüchtern zugleich. Seine Malerei ist schrill, laut, manchmal überladen. Sie moblisiert die Energiereserven der Farbe und wildert in der Kunstgeschichte. Überraschenderweise erstarrt sie dabei nicht. Weder wird sie anämisch, noch verliert sie sich im Fabulieren. Und selbst wo sie rhetorische Kniffe anwendet, das eigene Bildsein untersucht und zu einer Suchbewegung der Malerei wird, die nach der Malerei sucht, wirkt diese Metamalerei nie akademisch.
Erst in den letzten Jahren tummelt sich allzuviel Personal auf Rauchs Bildbühnen. Jetzt wird erkennbar Arbeit am Symbolischen geleistet, nun zitiert der Maler so viel herbei, akkumuliert und verschachtelt das Geschehen so ausufernd, daß kein Durchkommen mehr ist. Also kommandiert Rauch seine Figuren zum Appell, um sie wie ideosynkratische Datenströme zirkulieren zu lassen. Der Blick für das, was nur Bilder zeigen können, wird dadurch kaum klarer. Denn am Ende bleiben alle Bilder Rauchs Rätsel, die zwar keine Lösung versprechen, aber anregen und verstören können. Kommen wir zum nächsten heißt ein Bild aus dem letzten Jahr - eine festlich geschmückte Guillotine, davor, am Tisch, ein bedrängter Mann in Kniehosen und Rüschenhemd. Seine rechte Hand greift in eine Aktentasche, seine linke deutet aufs Papier. Noch sind dem Henker die Hände gebunden.
Kunstmuseum Wolfsburg, von morgen bis zum 11. März 2007. Der im DuMont Verlag erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 28 Euro.
Text: F.A.Z vom 10.11.2006
Bildmaterial: Kunstmuseum Wolfsburg, Kunstmzuseum Wolfsburg