26. Oktober 2005 Brot und Spiele: Wäre das Bäckerhandwerk so massenmedial wirksam wie der Sport, gäbe es bestimmt auch große Ausstellungen über das Brot in der Kunst. So aber gibt es die Rundlederwelten als Teil des Kunst- und Kulturprogramms zur Weltmeisterschaft 2006.
Vom späten Harald Szeemann in Angriff genommen und nach dessen Tod von der Kuratorin Dorothea Strauss betreut, versammelt die Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau mehr als siebzig Arbeiten, in denen der Fußballsport irgendwie eine Rolle spielt; sechzehn davon sind eigens für die Ausstellung entstanden.
Variationen auf Warhol
Wie also nehmen die Künstler das Spiel wahr? Viele von ihnen tun es gar nicht, sondern halten sich an das sogenannte Umfeld. Offenbar interessiert sie, die meist nur von wenigen beachtet werden, vor allem, daß Fußball so viele interessiert. Julie Henry etwa hat vereinsfarbige Strickjacken für Fans nach deren Entwürfen herstellen lassen - Konzeptkunst als Sozialarbeit am Lokalkolorit. Andere zapfen den Begriff Idol an und liefern Variationen auf Andy Warhols berühmten Beckenbauer-Siebdruck, der auch zu sehen ist.
Sarah Lucas etwa widmet Charlie George, der Arsenal-Legende aus den Siebzigern, eine Hommage aus Zeitungsausschnitten, auch sie bewegt von sentimentaler Erinnerung an den lokal verwurzelten Star, der damals noch um die Ecke wohnte. In der anderen Zeitrichtung läßt Volker Schrank der Melancholie freies Spiel, wenn er die Weltmeister von 1974 als Versammelte Helden in achtzehn ebenso großen wie großartigen Farbfotografien dreißig Jahre nach dem Titelgewinn porträtiert: gezeichnete Denkmale des Erfolgs, die den Betrachter fragen lassen, was es wohl bedeutet, wenn er nicht jeden auf Anhieb wiedererkennt. Ist man nicht zusammen gealtert?
Fetischproduktion aus zweiter Hand
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Video des Schotten Roderick Buchanan, in dem eine endlose Reihe von nationalhymnensingenden Spielern ohne Ton zu sehen ist. So wird sinnfällig, daß die Helden im Fußball - anders als im Kino oder bei der politischen Prominenz -, wenn sie dem nachgehen, was sie allererst zu Stars macht, gerade nicht als Monumente oder Ikonen gegenwärtig sind. Am heitersten stimmt in diesem Zusammenhang Ein kulturimperialistisches Bubenstück von Werner Büttner, der 1987 über Mittelsleute einen Holzschnitzer auf den Marquesas-Inseln dazu bewegen konnte, sich der Endspielelf von 1974 nach Büttners Vorzeichnungen anzunehmen. Fetischproduktion aus zweiter Hand, die Unähnlichkeit zwischen Götze und Bild, Apostelfiguren, die sich alle gleichen - zum vollkommenen Streich fehlt Büttners Werk eigentlich nur, daß die Marquesas niemals in der Hand der Niederländer waren.
Legende, Ikone, Star: Manche Künstler überschreiten das Spiel mit den religioiden Anlehnungen ins Ernsthafte einer selbstgezimmerten Allegorie - und landen in der Kitschzone, wie Frederico Arnaud mit seinem als primitiven Altar gebauten Tischfußballspiel aus religiösen Figürchen und wolkenfarbenem Spielfeld. Zeigefinger: Fußball ist den armen Leuten so etwas wie eine Religion. Das meint auch Daniel Buetti mit einer Installation, die unter anderem einen Mann zeigt, der den Ball in meditativ-devoter Haltung auf Kopf und Nacken balanciert. Im Gespräch verrät der Künstler dann, daß er den Jongleur auf Barcelonas Flaniermeile entdeckt habe, wo er allerdings meistens Virtuosenstückchen mit dem Leder treibe. Religion ist Fußball also nur, wenn man ausgerechnet das wegläßt, was die Spieler am liebsten tun.
Stürzen als Aufgabe
Weglassen ist überhaupt das beliebteste Verfahren der Künstler. Paul Pfeiffer zeigt in seinem Video Caryatid 2004 einen theatralisch stürzenden Spieler nach dem anderen, ohne daß sich erkennen ließe, weshalb sie fallen, welchem Team sie angehören und wie es weiterging - so als sei das Stürzen selbst die Aufgabe gewesen, was für manchen Spieler (Hölzenbein, D'Alessandro) ja mitunter auch schon zutraf. Und Maria Marshall geht in ihrem Video mit dem Jungen, der in Zeitlupe gegen eine Dorfkirchenwand kickt, noch einen Schritt weiter und retouchiert den Ball weg. Man sieht nur noch, wie in einem Traumspiel, seinen Schatten und hört den Aufprall.
Dann hat es sich in der Ausstellung aber auch schon fast mit dem Interesse am bewegten Spiel. Mal sehen wir auf Videos die Langeweile zweier Trainer auf der Bank oder dürfen uns selber langweilen, wenn der Fotograf Jürgen Teller sich als Fan vorm unsichtbar bleibenden Fernseher abgefilmt hat. Stephen Deans Großprojektion wiederum zeigt nur das aufbrausende, springflutartige Zuschauermeer im brasilianischen Stadion. Es sind unheimliche Kräfte, wie sie auch die Frühlings- und Fruchtbarkeitssucher beim nordindischen Holi-Fest in wilde Taumel stürzen, weiß der an dieser Stelle vor sich hin plappernde Katalog, dem alles mögliche zur Fußballkunst einfällt, nur kaum etwas Sachhaltiges.
Fußballspielerloses Spiel
In Serge Spitzers automatisch drehendem Tisch, der die Bewegungen des auf ihm rollenden Fußballs immer so ausgleicht, daß dieser niemals herunterfällt, erkennt der Kommentator beispielsweise ein fußballspielerloses Fußballspiel - als würde die Maschine nicht vielmehr zur Frage anregen, was denn der Unterschied wäre, würde sie einen Handball, Golfball oder Tennisball balancieren? Und wäre es nicht gut, sich ein bißchen in dem auszukennen, womit man sich beschäftigt? Über die Video-Installation von Ann Veronica Janssens heißt es in der Ausstellung wie im Katalog, die Künstlerin habe zwei Mannschaften an einem trüben Novembertag gegeneinander antreten lassen, um einen kalkulierten Kontrollverlust zu filmen, wenn das Spiel allmählich im Nebel versinkt. Tatsächlich handelt es sich um einen Mitschnitt des Champions-League-Spiels von Hertha BSC gegen den FC Barcelona (1:1) von 1999.
Nicht selten fühlt sich die Kunstwelt also der des Fußballs überlegen, reißt sie sparsame Witzchen über den Sport oder über die Kunst, wie Stefan Banz, der dort, wo auf den Trikots sonst Sponsoren-Logos prangen, die Namen prominenter Artisten und ihrer Werke aufgedruckt hat. Das ist natürlich ein sagenhaft hintersinniger Einfall und mindestens so anspielungsreich wie das Spiel zwischen Grashoppers Zürich und dem FC St. Gallen, das auf Ingeborg Lüschers Video Fusion von den Profis in Maßanzügen ausgetragen wird. Wirtschaft als Männersport, Männersport als Ellenbogenangelegenheit - das ästhetisch Enttäuschende an solchen unbestimmten Hinweisen ist, daß es wenig Grund gibt, sie sich zweimal anzusehen. Selbst das Fußballspiel mit zwei Bällen, das Gustavo Artigas sich ausgedacht und abgefilmt hat, bleibt als Kommentar zum Thema Spielregeln hinter der Wirklichkeit zurück: In Brasilien gibt es seit längerem schon Fußball mit drei Mannschaften.
Bodennahe Freude
Die gelungensten Werke sind darum die wenigen, die nicht auf schlaue Kommentare versessen sind. Markus Lüpertz' Fußball etwa, der 1966 den Augenblick festhielt, in dem die bodennahe Freude über das Leder dem Leder selber noch anzusehen war. Eine Weltmeisterschaft später gab es dann jenen schwarzweißen Adidas Telstar, von dem es bis zur heutigen Kunststoffkugel nicht mehr weit war.
Oder Massimo Furlans Film, in dem der Künstler selber Spielerbewegungen des WM-Finales von 1982 vor den leeren Rängen seines Heimatstadions in Lausanne, kommentiert durch einen Schweizer Sportreporter, noch einmal abläuft: wie ein Kind, sehr ernst und sehr zufrieden. Von dieser Seite des Spiels, der physischen, der atemraubenden und der kindlichen, von der wichtigsten Seite also, weiß die Kunst seltsamerweise noch wenig.
Bis zum 8. Januar 2006. Der Katalog - eine Sondernummer der Zeitschrift Anstoß - kostet 9,90 Euro.
Text: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite 37
Bildmaterial: by the artist, Foto: Alejandro Persichetti, © by the artist, Foto: Mario Schmid, © VG Bild-Kunst, Foto: Thomas Berger, © by the artist, Foto: Wilfried Petzi, © Andy Warhol Foundation for the Visual Arts/Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Wolfgang Günzel, © by the artist, Kunstmuseum Bonn, Fotografin: Reni Hansen, © by the artist, VG Bild-Kunst, Werner Büttner, Hamburg