Carl Gustav Carus in Dresden

Die Mutter mit Steinen bewerfen!

Von Peter Geimer

01. Juli 2009 In seinem Kommentar zum Zustand der Naturwissenschaft imaginiert der Dresdener Maler und Mediziner Carl Gustav Carus 1854 eine Fliege, die sich langsam über den Marmorkörper des Apoll vom Belvedere bewegt. Vorausgesetzt, dass diese Fliege reden und schreiben könne, so Carus, würde sie vermutlich nur von der Kälte und Struktur der Marmorebene berichten und wüsste nichts von der idealen Schönheit des Apoll, die Johann Joachim Winckelmann so eindringlich beschrieben hatte.

Die „gelehrte und in ihrer Untersuchung sonst ganz achtbare Fliege“ galt Carus als Emblem einer Naturwissenschaft, die in der übergroßen Nähe zum Einzelphänomen das große Ganze der Erscheinungen aus dem Blick verloren hatte. Carus hingegen schwebte eine Form der Naturerkenntnis vor, die Empirie und Anschauung, Wissenschaft und Kunst problemlos ineinander überführen konnte. Als Leibarzt des sächsischen Königshauses, der naturwissenschaftliche Abhandlungen schrieb, mit Goethe und Alexander von Humboldt korrespondierte und seine Gemälde regelmäßig in der Dresdener Akademie-Ausstellung zeigte, war Carus selbst die ideale Verkörperung dieses Gedankens.

Urphänomene im Blick

Die Dresdener Gemäldesammlungen zeigen jetzt einen beeindruckenden Gesamtüberblick, der den romantischen Entwurf einer ganzheitlichen Welterfassung mustergültig zur Anschauung bringt: Neben Ölgemälden und Landschaftszeichnungen sind anatomische, zoologische und geologische Studien zu sehen, neben naturwissenschaftlichen Instrumenten und Exponaten aus Carus' Schädelsammlung auch bedeutende Gemälde seiner Zeitgenossen Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl.

Für Carus gab es die Aufspaltung des Wissens in isolierte Teilgebiete noch nicht. Die Wissenschaften sollten zusammenbringen, was in der Natur selbst auch nicht getrennt in Erscheinung trat. „Derselbe Kohlenstoff lebte gestern vielleicht in unserem Blute, schwebt heute immer tätig in der Erdatmosphäre und wirkt vielleicht morgen in der keimenden Pflanze“, notierte Carus in den „Zwölf Briefen über das Erdenleben“. Mit dem Begriff des „Erdenlebens“ hatte er seine Vorstellung einer auf Urphänomene gegründeten Natur auf eine Formel gebracht. Die Trennung in eine belebte und eine unbelebte Natur hielt Carus für ebenso künstlich wie das Weltbild einer mechanistischen Wissenschaft, die „an der lebendigen Welt nur mit Zirkel, Zollstab und Gewicht operiert“.

Romantisches Großunternehmen

In der Ausstellung ist die Umsetzung dieser Gedanken anschaulich nachzuvollziehen. Künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten sind weder künstlich voneinander getrennt noch durch suggestive Nachbarschaften einfach verschliffen. Beim Durchschreiten der Räume zeigen sich viele Allianzen nahezu von selbst, und man versteht, dass es für Carus keine Kluft gab zwischen dem Vogelschwarm, den er auf seinem Gemälde „Altdeutsche Stadt“ in den Morgenhimmel aufsteigen lässt, und dem gezeichneten Querschnitt durch eine Gans, der die Physiologie der Vögel illustriert. Der Blick durch ein Mikroskop kann neben dem Blick in eine vom Mond beleuchtete Landschaft stehen, und wenn Carus in einer Kreidezeichnung die Brandung auf Rügen skizziert, ist kaum zu entscheiden, ob er hier das romantische Bild einer unaufhörlichen Bewegung oder eine Studie über das physikalische Verhalten einer Wassermasse im Auge hatte.

Vor allem die Landschaftsgemälde zeigen sich in einem anderen Licht, wenn man sie als Teil des romantischen Großunternehmens betrachtet. In den „Neun Briefen über Landschaftsmalerei“ hatte Carus unter dem Beifall Goethes das Landschaftsbild zum „Erdlebenbild“ erklärt. Dieses sollte kein Abbild der Landschaft sein, sondern die in ihr lebendigen Kräfte und zugleich deren Echo im Gemütsleben des Künstlers zur Darstellung bringen. Ein Gemälde wie „Erinnerung an eine bewaldete Insel der Ostsee“ führt dieses Konzept programmatisch vor Augen. Im Anblick einer gewaltigen Eiche halten sich Ablebendes und Aufblühendes in der Schwebe, und eine flüchtige Wolkenformation imitiert den Umriss eines umgestürzten Baumstamms.

Die ungeratenen Materialisten

In einigen wenigen Bildern schlägt diese Belebung der Natur ins Unheimliche um, wenn etwa eine dunkle Felsenmasse auf Capri in ihrer duckenden Haltung etwas Lauerndes, Tierhaftes bekommt. Daneben gibt es geologische Landschaften, die in ihrer Reduziertheit erstaunlich modern wirken und eine Formation von Basaltsteinen wie eine moderne, minimalistische Skulptur erscheinen lassen. Zugleich verhindern aber auch Exponate wie die aus heutiger Sicht eher fragwürdige Schädelsammlung des Gelehrten oder ein martialisch anmutendes Geburtsbesteck, dass man sich die deutsche Romantik allzu romantisch vorstellt.

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens beobachtete Carus ein langsames „Versinken in den Materialismus“. Der Universalgelehrte sah sich jetzt zunehmend mit Anschauungen konfrontiert, die, wie er in einer Mischung aus Gereiztheit und Verbitterung notierte, wohl an Geisteskrankheit grenzen und früher auf jedem Gymnasium mit Rutenschlägen gezüchtigt worden wären. Die nachrückenden Wissenschaftler, die das Nervenleben auf Effekte der Elektrizität reduzieren wollten oder den menschlichen Körper nicht anders als eine Maschine betrachteten, galten ihm als „ungeratene Kinder, die sich nicht scheuen, ihre Mutter mit Steinen zu bewerfen“.

Blick auf eine ganzheitliche Weltsicht

In ungebrochener Form hat Carus' Lehre vom „Erdenleben“ wohl nur in den Gemeindehäusern der Anthroposophie überlebt, und die neuerlichen Versöhnungsversuche von Kunst und Wissenschaft sind nicht über das Stadium rhetorischer Beschwörungen hinausgekommen. Wenn Naturwissenschaftler ihre Bildwelten mitunter als ästhetisch beschreiben, sind damit zumeist bunte Schönheiten aus dem Computer gemeint, und wenn Künstler sich neuerdings als Forscher beschreiben, geschieht das vor allem unter dem Druck einer bildungspolitisch gewollten Nivellierung existierender Unterschiede. Von hier aus gesehen erscheint die Dresdener Ausstellung wie ein Blick durch ein Teleskop, der den Entwurf einer ganzheitlichen Weltsicht noch einmal als entrücktes und in sich geschlossenes Bild zu sehen gibt.

Carus war sich bewusst, dass sein Entwurf einer ganzheitlichen Welt am Ende doch nicht alle Erscheinungen integrieren konnte. Ein eben erst vollendetes „scharfkantig und neu gefärbtes Gebäude“ passe nicht in ein Landschaftsbild, notierte er in seinen „Briefen über Landschaftsmalerei“. Dass im Dresdener Elbtal demnächst ein solches scharfkantiges Gebilde den Fluss überquert, zeigt in unüberbietbarer Klarheit, dass die Zeit des Erdenlebens abgelaufen ist.

Carl Gustav Carus. Natur und Idee. In der Gemäldegalerie Alte Meister und im Residenzschloss in Dresden bis 20. September. Der Katalog kostet 35 Euro.



Text: F.A.Z.

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