Das erste Bild, das man sieht, wenn man diese Ausstellung betritt, ist ein Selbstporträt: Mark Rothko malt sich 1936, mit roter Krawatte, rotem Mund und dicker Brille. Gläser, Augen und ein Teil des Nasenrückens sind blau übertüncht, eine seltsame, fast gewalttätige Geste.
Das Porträt eröffnet eine Ausstellung, die - von den frühen, gegenständlichen Bildern, die Szenen aus der New Yorker Untergrundbahn zeigen, bis hin zu den berühmten Farbfeldbildern - über einhundert Arbeiten von Rothko versammelt. Allein das ist schon eine Sensation, denn zum einen gab es bisher überhaupt nur zwei Rothko gewidmete Ausstellungen in Deutschland, eine 1971 in Berlin, die andere 1988 in Köln; außerdem dürfte es, nachdem Rothkos Werk White Center im Mai 2007 bei einer Auktion in New York für die Rekordsumme von 65 Millionen Dollar versteigert wurde, angesichts der für die Arbeiten verlangten Versicherungssummen unwahrscheinlich sein, dass noch einmal so viele Werke zusammengetragen werden können.
Die Ausstellung beginnt mit den frühen Arbeiten aus den dreißiger Jahren. Mark Rothko verdient damals sein Geld als Lehrer an der Academy of the Brooklyn Jewish Center; seine Notizbücher zeigen, dass er ein passionierter Lehrer war. Seit 1913 lebte Rothko, der eigentlich Marcus Rothkowitz hieß und 1903 als viertes Kind eines jüdischen Apothekers im lettischen Dünaburg geboren wurde, in den Vereinigten Staaten. Die Familie war vor antijüdischen Pogromen aus Lettland geflohen, Rothko wuchs eine Zeitlang in Portland, Oregon, auf, bevor er nach New York ging, um erst Kunst und dann Schauspielerei zu studieren.
Seine Gemälde sind in diesen Jahren noch vollkommen gegenständlich; sie zeigen großstädtische Szenen, oft Menschen in der Untergrundbahn. Man kann aber schon hier Spurenelemente seiner späteren Farbfeldbilder erkennen: Flächen und Menschen stoßen aufeinander, auf den U-Bahn-Bildern sieht man ein Drängen, Schütteln, Zerren, Überlagern und Berühren. Die späten Farbfeldbilder, die seit 1948 entstehen, sind vielleicht so etwas wie formale Grundlagenforschungen zu Mechanismen und Prinzipien der Berührung, der prekären Gleichgewichte und kurzen Momente überraschender Harmonien, um die es ihm schon in seinen frühen Bildern ging.
In den dreißiger Jahren hat Rothko allerdings noch andere Sorgen. Die Regierung hat zur Unterstützung der notleidenden Künstler Sonderprogramme zur Ausmalung von Postämtern und Regierungsbauten ausgeschrieben, Rothko bewirbt sich mit einer Darstellung des Lebens von Benjamin Franklin (woraus nichts wird). Die Skizze dazu ist ebenfalls in München ausgestellt, wie auch die Skizzenbücher Rothkos, die für die Ausstellung digitalisiert wurden, so dass man in ihnen bequem per Touchscreen herumblättern kann. In ihnen findet sich unter anderem eine bizarre Hitlerkarikatur, die den Diktator mit Damenfrisur und hakenkreuzförmigen Augen zeigt. Solche Zeichnungen beweisen - neben vielen anderen Erkenntnissen, die der Kurator Oliver Wick aus den Skizzenbüchern gewinnt -, dass Rothko, dessen Kunst immer gern mit einem übertriebenen Tremolo als ausschließlich sakral, erhaben und meditativ beschrieben wird, auch einen ganz unmetaphysischen, weltzugewandten, grimmigen Humor besaß.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Ausstellung das Bild ändert, das wir von Rothko und der amerikanischen Moderne haben. In Rothkos frühen Bildern werden die technischen (Kratztechnik von Matisse) und inhaltlichen Einflüsse seiner europäischen und amerikanischen Vorbilder sichtbar - nach den mattfarbigen Untergrundbildern, in denen noch Hoppers Großstadtmalerei durchscheint, malt Rothko surreale Bilder, die sich an Räumen von de Chirico und Max Ernsts Loplop entlangbewegen.
Mythologische Themen tauchen auf, vor allem die Figur des Teiresias, die Rothko um 1943 immer wieder malt und die zur Schlüsselfigur wird. Teiresias war nach Hesiods Darstellung ein Priester des Zeus; als er am Berg Kyllini auf ein Paar kopulierender Schlangen stieß, tötete er die weibliche und wurde daraufhin zur Strafe in eine Frau verwandelt. Rothko stellt Teiresias allerdings immer wieder als doppelgeschlechtliches Zwitterwesen, als Fraumann, dar. Das kann man durchaus als Programm lesen - denn was Rothko ganz offensichtlich interessiert, sind Figuren und Räume, die querstehen zu klassischen Vorstellungen, die Grenzziehungen wie Mann oder Frau, vorn oder hinten im Raum als falsche Frage zurückweisen.
Ein solcher Raum deutet sich um 1947 mit den sogenannten Multiforms an. Die Figuration löst sich in einem glühenden, erhitzten Farbennebel auf, was dann passiert, wirkt wie ein Zoom. Rothko scheint aus den Multiformbildern Übergangszonen, in denen sich zwei Farben begegnen, herauszuvergrößern. Es entstehen die berühmten Farbfeldbilder, deren Raumwirkung einem Flug durch psychedelische Welten gleicht: Farben wie luftige Watte überlagern dichte, leuchtendrote Farbbretter, Abgründe tun sich auf, Zonen dampfen ineinander, ein schrilles Rosa glüht unter einem grellen Orange hervor, ein Matisseblau diffundiert in ein Monetsches Seerosengrün und sinkt in ein mattes Schwarz. In der opulenten, aus Dutzenden von Gemälden inszenierten Farbfeldlandschaft dieser Ausstellung sieht man auch, dass Rothkos Bilder viel weniger mit den desinfiziert wirkenden Abstraktionen eines Josef Albers zu tun haben als mit der Tradition der großen amerikanischen Landschaftsgemälde.
Rothko empfahl, seine Werke in eher düstere Räumen zu hängen und sie aus etwa einem halben Meter Entfernung zu betrachten (was dann das berühmte Überflutungsgefühl auslösen kann). Außerdem erklärte er nicht ohne Pathos, ein Bild lebe durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt.
Dieses Pathos vertrug sich schlecht mit den Aufträgen, die Rothko immer wieder ereilten - unter anderem 1958, als man ihn bat, für sehr viel Geld einen Gemäldezyklus für das Four Seasons-Restaurant in Mies van der Rohes Seagram Building zu liefern. Rothko nahm den Auftrag an, stellte aber bald fest, dass es hier nicht mehr um kryptosakrale Andacht und Grenzerfahrung, sondern um Dekor und Raumstimmung, um eine Art visuelle Hintergrundmusik ging. Er malte den Zyklus fertig, lieferte ihn aber nicht ab und gab das Geld zurück; offenbar war ihm die Vorstellung unerträglich, dass New Yorker Geschäftsleute in Wurfweite seiner Werke Zigarren rauchen, schmatzen, rülpsen oder Hummerpanzer zerklopfen würden.
Ein paar Jahre später erhielt Rothko einen weiteren Großauftrag von der Unesco, den er gleich ablehnte - um dann sonderbarerweise so zu tun, als habe er ihn doch angenommen. Dabei entstanden unerbittlich strenge Bilder: Grau und Schwarz dominieren das Malfeld und werden von einer weiße Kante eingerahmt, die wie das Negativ einer Todesanzeige aussieht. Es ist, privat, keine gute Zeit für Rothko. 1969 trennt er sich von seiner alkoholkranken Frau; die gemeinsamen Kinder sind neunzehn und sechs Jahre alt, er ist sechsundsechzig. Seine Bilder werden noch finsterer; ein Jahr später, am 25. Februar 1970, nimmt er sich in seinem Atelier das Leben.
Mark Rothko. Retrospektive. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, vom 8. Februar bis zum 27. April. Der Katalog kostet 25 Euro. Danach ist die Ausstellung in veränderter Form in der Hamburger Kunsthalle vom 16. Mai bis zum 3. August zu sehen.
Text: F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 33