Pavillons der documenta in Kassel

Im demokratischen Zauberwald der Kunst

Von Niklas Maak

Außen Gewächshaus, innen documenta: Lacaton & Vassal haben einen temporären Pavillon gebaut

Außen Gewächshaus, innen documenta: Lacaton & Vassal haben einen temporären Pavillon gebaut

24. April 2007 Wenn man in diesen Tagen durch die Kasseler Karlsauen läuft, dann könnte man meinen, hier werde demnächst Gemüse angebaut - und zwar in einem weitläufigen Komplex aus aneinandergereihten Gewächshäusern, die, wie ein Einbruch der anonymen Zweckarchitektur aus der Vorstadt ins Allerheiligste des barocken Herzens von Kassel, direkt gegenüber der Orangerie stehen. Natürlich wird, wie die interessiert bis skeptisch um das milchig schillernde Gebilde herumspazierenden Kasseler mittlerweile wissen, in dem temporären „Aue Pavillon“ der Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal kein Gemüse, sondern Kunst zu sehen sein: Der weitläufige Komplex wurde als Erweiterung der Ausstellungsfläche der documenta 12 errichtet, die am 16. Juni beginnt.

Dabei ging es den documenta-Leitern nicht nur darum, möglichst billig viel Ausstellungsraum zu schaffen, wofür sich die vorgefertigten Gewächshausbauteile hervorragend eignen. Die Frage, die auch dieses Gebäude beantworten soll, ist grundsätzlicher: Wie kann man Kunst so zeigen, dass die Betrachter sie nicht nur ehrfürchtig anstarren wie alte Heiligtümer? Ist eine Architektur denkbar, in der Kunst anders erfahrbar wird?

Platz für drei Viertel aller documenta-Exponate

Ausbaufähig: der Pavillon in einer Montage von Tim Hupe Architekten

Ausbaufähig: der Pavillon in einer Montage von Tim Hupe Architekten

Beantworten soll diese Fragen das aus Bordeaux stammende Architektenduo Lacaton & Vassal. Dass die sich entschieden, für ihren experimentellen neuen Ausstellungsraum auf industriell vorgefertigte Gewächshäuser zurückzugreifen, ist nicht erstaunlich. Erstens hat das eine gewisse Tradition an diesem Ort; denn genaugenommen ist auch die von 1702 an vom landgräflichen Hofbaumeister Johann Conrad Giesler erdachte Orangerie ein Mehrzweckbau, dessen Galerien sowohl als Festsäle als auch als Winterquartier für die im Sommer draußen aufgestellten Kübelpflanzen dienten. Zweitens sind Lacaton & Vassal berühmt geworden mit ihrer Bricolage-Architektur, die sich aus Baumarkt-Komponenten und oft aus vorgefertigten Gewächshausteilen zusammensetzt.

Die Idee ist einfach: Statt das Geld für aufwendige Materialien zu verpulvern und bei konventionellen Grundrissen zu bleiben, wollen sie mit billigen Mitteln neue, vielseitigere und lichte Räume schaffen. Drei Viertel aller Werke der documenta 12 sollen im „Aue Pavillon“ ihren Platz finden: das Gewächshaus als zentraler Ausstellungsbau.

Auf der Suche nach dem „weichen Raum“

In Floriac stellten sie vor einem konventionellen Haus eine Halle aus Gewächshausteilen auf; dieser Ort dient als Wohnzimmer, als flexibler Zwitterraum zwischen innen und außen. Wenn es regnet, sitzt man hier geschützt und doch irgendwie draußen; mit Stoffbahnen und Schiebeelementen können die Bewohner solche Räume selbst umgestalten und Atmosphären schaffen. So viel Quadratmeter, so viel gläserne Fassade und Wintergarten gab es noch nie fürs Geld. Das gleiche Prinzip wandten die Architekten im französischen Mulhouse an, als sie kostengünstige Sozialbauwohnungen entwerfen sollten.

Es ist klar, dass die Architekten bei dem documenta-Projekt die Chance witterten, einen offenen sozialen Raum zu bauen, der eher ein überdachter öffentlicher Platz oder ein künstlicher Wald wäre als ein klassisches Gebäude. Dahinter steht die in der aktuellen Architekturtheorie diskutierte Frage, ob es neben den harten Raumkategorien - hier die Straße, dort die Wand, in der Wand die Tür, hinter der Tür der Innenraum - so etwas wie einen „weichen Raum“ geben könne, der neue urbane und gesellschaftliche Freiheiten einräumt.

Was soll Kunst mit dem Leben machen?

Was heißt das für die Präsentation von Kunst? Der künstlerische Leiter der documenta, Roger Buergel, spricht nicht ohne Pathos von einem „Zauberwald“, die Architekten von neuartigen Begegnungsräumen in der Atmosphäre einer „Gartenparty“. Skeptiker, denen all das zu siebzigerjahrehaft und sozialpathetisch ist, sehen da schon die Würstchengrills neben den Skulpturen qualmen und halten dagegen, dass Kunsterfahrung gerade von der Unzugänglichkeit der Werke und der unüberwindlichen Distanz lebe; auf diesem Feld sind während der documenta noch energische Diskussionen zu erwarten, bei denen es um nicht weniger als die Frage geht, was Kunst mit dem Leben derer machen soll, die ihr begegnen - und wie diese Begegnung organisiert werden kann.

Documenta-Leiter Roger M. Buergel mit einem Modell

Documenta-Leiter Roger M. Buergel mit einem Modell

Lacaton und Vassal sowie Roger Buergel und seine Kuratorin Ruth Noack haben dabei eine eindeutige Position: Statt das Museum - wie es von den klassischen Kabinetten der alten Museen bis zum modernen „White Cube“ der Fall ist - als einen Tempel aufzufassen, in dem das Kunstwerk als ästhetisches Heiligtum betrachtet wird, sehen sie die Ausstellungshalle als eine für alle zugängliche Bühne, auf der die Besucher „zu Akteuren werden“ und Kunst in einer offeneren, weniger abgeschotteten Atmosphäre erfahren können.

Zum Glück nicht noch eine Kiefernholz-Kuschelecke

Auf jeden Fall ist der neue documenta-Pavillon eine gebaute Institutionenkritik an den klinisch weißen, von gleißendem Kunstlicht illuminierten Ausstellungsräumen, in denen die Kunst vom übrigen Leben isoliert wird wie ein potentieller Erreger in einer Petrischale. Aber wie soll man Kunst stattdessen zeigen? Die Frage, ob es Räume gibt, in denen das Verhältnis von Gesellschaft, Kunst und öffentlichem Raum neu ausgelotet werden kann, haben Ausstellungsmacher in den neunziger Jahren auf ganz eigene Weise beantwortet - nämlich mit spontan zusammengezimmerten Kiefernholz-Kuschelecken und Fortbildungsbuden, in denen jede Menge „Reader“ auslagen.

Bauarbeiten vor der Orangerie

Bauarbeiten vor der Orangerie

Die „Utopia Station“ auf der venezianischen Kunstbiennale 2003 war eines der gelungeneren Beispiele für eine solche Erfahrungslandschaft - oft sahen die Diskursholzparadiese aber aus wie vergrößerte Kindertagesstätten und töteten mit ihrer Antiästhetik ihren Gegenstand. Auch dagegen geht der documenta-Pavillon an: Denn die hier verwendeten Baumarkt-Materialien haben, gekonnt eingesetzt, einen eigenen ästhetischen Reiz; die Gewächshäuser wirken zumindest von innen und bei Sonne wie ein Bauwerk, das sich gerade in Luft auflöst oder wenigstens ganz und gar leicht und gläsern wird.

Wie im Gartenmarkt? Nicht schlecht, findet Buergel

Am liebsten wäre es den Architekten gewesen, wenn nur eine leichte, gazéhafte Membran die Ausstellung vom Park getrennt hätte; die durchschimmernden Kunstwerke hätten dann die Vorbeiwandernden angelockt, diese andere Welt unterm Glasdach zu betreten und zu erfahren, wie dieser öffentliche Gegen-Raum der Kunst-Welt funktioniert. Doch genau darum gibt es jetzt Streit zwischen Architekten und Ausstellungsleitung - denn offene Wände stellen nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern auch ein Klimatisierungsproblem dar. Werke könnten Schaden nehmen. Deshalb entschieden die Ausstellungsmacher, dass der „Aue Pavillon“ zwar transparente, aber geschlossene Wände bekommen muss; weswegen die Architekten nun heftig grollen, ein Desaster durch die Massen an schwitzenden Leuten vorhersagen, eine „Gefängnisatmosphäre“ beklagen und erklären, eigentlich könne man nun „auch eine Fabrik, eine Bank, einen White Cube hernehmen“, man sei eigentlich schon „wieder im System der Galerien und Banken“.

Der Rhythmus des geplanten ästhetischen Zauberwaldes scheint jedenfalls in Gefahr. Dass am Ende der neue Großpavillon zu sehr nach einem öden Gartenmarkt aussehen könnte, sieht Buergel nicht. Er möge das eigentlich ganz gern so, sagt er, die Besucher seien schließlich mit dieser Ästhetik vertraut aus den Vorstädten, in denen sie einkaufen und leben - und auf eine gewisse Weise ist diese Aussage programmatisch für Buergels Versuche, Kunsterfahrung zu demokratisieren und Schwellen ästhetischer Erfahrbarkeit abzubauen.

Statt eines revolutionären Ausstellungsbaus, der selbst eine Skulptur ist, will er einen künstlichen Wald, auf dessen Lichtungen unerwartete Begegnungen zustande kommen. Ob die Gewächshaus-Anlage diese Hoffnungen erfüllen kann oder ob sie am Ende nur als triste, schlecht belüftete Plastikhülle wirkt, in der die Kunst eingeschweißt wird, und zwar im wörtlichen Sinn - das kann sich erst zeigen, wenn die Kunst eingezogen ist. Einen Versuch ist es wert - und wenn es nicht funktioniert, können die Gewächshäuser ja immerhin wieder abgebaut und mit Treibhausgurken gefüllt werden.

Text: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 / Seite 35
Bildmaterial: documenta 12, picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche