Kunst

Werden Sie Präsidentin des 1. FC Köln, Frau Sprüth?

Monika Sprüth, Galeristin und Mitglied des 1. FC Köln

Monika Sprüth, Galeristin und Mitglied des 1. FC Köln

30. Juni 2009 Wir treffen uns in der Kölner Südstadt, in der ehemaligen Galerie Sprüth Magers, und fahren zum Geißbockheim. Im Vereinslokal des 1. FC Köln ist die Galeristin in ihrem Element: Es geht eben um Kunst.

Sie haben 1983 in Köln eine Galerie gegründet und dafür Ihren Beruf aufgegeben. Warum?

Meine Tätigkeit als Stadtplanerin in Oberhausen hatte ich bereits 1979 beendet. Der Motor, Architektur zu studieren, war ursprünglich nur mein Interesse an Kunst. Mein Glück war, dass ich 1968 zu studieren begann - diese Sozialisation hat mich sehr geprägt, und sie ist mitentscheidend für den Erfolg der Galerie.

Inwiefern?

Ursprünglich war Architektur für mich ein rein formalästhetisches Problem. Als ich in Aachen studierte, erkannte ich sehr schnell, dass Architektur und Kultur in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang begriffen werden müssen: Wann hat Kultur eine Bedeutung? Dass ich das überhaupt reflektieren konnte, habe ich dieser Zeit zu verdanken. Es ist unheimlich schwierig, Kriterien zu entwickeln, warum ein Kunstwerk ein gutes Kunstwerk ist - zumal in unserer Zeit, wo es fast alles schon einmal gegeben hat. Die Fragen, die die Studentenbewegung gestellt hat - Wie funktioniert die Gesellschaft? Wer hat die Macht? Was beeinflusst das Denken? -, all diese Fragen haben wir in unzähligen Marxismusschulungen hin und her gewälzt. Das hilft mir bis heute, präzise Fragen zu stellen.

Hat das dazu geführt, dass Sie 1985 mit einem reinen Frauenprogramm beim Kölner Kunstmarkt angetreten sind?

Es gab so viele Galerien um mich herum, deren Künstler ich auch interessant gefunden hätte. Und es gab einige historisch nicht gelöste Fragen, die eigentlich auf der Hand lagen - wie die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Die gesellschaftliche Ungleichheit zeigte sich vehement im Kunstmarkt. Ein Markt für Künstlerinnen war quasi inexistent!

Hat sich daran etwas geändert?

Ja! Und damals gab es eine interessante junge Generation von Künstlerinnen, die die Malerei kritisch betrachteten, weil sie von Männern besetzt war. Sie versuchten, über neue Medien, Fotografie und Video einen Weg zu finden.

Wir sprechen hier von inzwischen berühmten Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Cindy Sherman oder Rosemarie Trockel, die Sie in Ihrer Galerie groß gemacht haben. Hat der Kunstmarkt Ihre Strategie inzwischen honoriert?

Ja, klar! Aber ich bin am Anfang schon angegriffen worden . . . Und man muss dazu sagen, dass ich 1983 nicht sofort nur Frauen ausgestellt hatte. Das habe ich mir schon ganz genau überlegt: Hätte ich nur Frauen ausgestellt, wäre ich sofort in eine Ecke geschoben worden. Das wollte ich mir für einen späteren Zeitpunkt aufheben. Ich habe dann zwei Jahre gewartet, 1985 war das historisch überfällig.

Glauben Sie, dass bis heute Kunst von Frauen schlechter bezahlt wird als gleich gute Kunst von Männern?

Wenn Sie sehen, wie die gesellschaftliche Macht verteilt ist, dann ist es doch völlig klar, dass bis heute keine Gleichberechtigung da ist. So ist es einfach.

Wie haben Sie Ihre Künstler gefunden?

Meine Künstler waren meine Freunde. Und ich bin groß geworden mit Kunst, weil wir in jedes Museum gingen auf dieser Welt. Aber ich habe, außer meinem Architekturstudium, wenig wirklich fundierte Kenntnisse der Kunstgeschichte, was früher - heute vielleicht nicht mehr so - auch ein Vorteil war. Mir ist nicht beigebracht worden, wie ich Kunst zu betrachten habe. Mein einziges Anliegen bei der Annäherung an Kunst lag darin zu erkennen, wann ein Kunstwerk eine Bedeutung haben könnte, die weit über das hinausgeht, was es in dem Augenblick, in dem man es betrachtet, darstellt und was der gerade vorhandene Diskurs darüber aussagt. Das macht mir Spaß. Wenn ich erfolgreich geworden bin, dann nur, weil ich mit diesen Kriterien streng und präzise die richtigen Künstler ausgewählt habe.

Und Ihre Sammler waren und sind auch nicht jene Leute, die losgerannt sind wie die Lemminge und Hochpreise bezahlt haben . . .

. . . natürlich haben in den vergangenen zehn Jahren auch solche Leute bei uns Kunst gekauft. Wobei man unterscheiden muss: Es gibt welche, die übers Kunstsammeln soziale Anerkennung haben wollten, sich dann aber weiterentwickelt haben, und es gibt welche, die sind darin verhaftet geblieben. Es ist ja auch immer die Frage: Was für einen Berater sucht man sich? Das ist wie im Fußball. Michael Becker, der Berater von Michael Ballack, sagt immer: Jeder hat den Berater, den er verdient.

Hören die Leute auf Sie, wenn Sie sie beraten?

Ja, die Leute hören auf mich. Allerdings wollte ich meine Künstler und meine Sammler nie bevormunden. Ich habe mich immer eher zurückgehalten und bin auch vielleicht ein bisschen zu kompliziert in meiner Beratung. Ich glaube, ich habe oft Leute davon abgeschreckt, etwas zu kaufen. Wobei das Verkaufen natürlich meine Intention war. Ich wollte, ich musste verkaufen zum Überleben.

Empfinden Sie auch Ihren Künstlern gegenüber einen pädagogischen Impetus?

Das ist kein pädagogischer Impetus. So, wie sich der Kunstmarkt entwickelt hat, muss man natürlich in der Lage sein, eine Analyse dessen zu erstellen, was da passiert. Und man muss den Künstler mit den Konsequenzen konfrontieren, die bestimmte Schritte haben. Jeder Künstler ist da ja anders. Jeder Ansatz von Kunst, also das, was da bearbeitet wird, hat eine andere Gefährdung. Sagen wir es so: Der Erfolg von Gerhard Richter hat sehr viel damit zu tun, dass er große, wichtige Museumsausstellungen hatte, weniger mit seiner gesellschaftlichen Präsenz. Die nächste Generation, zu der zum Beispiel Andreas Gursky, Cindy Sherman oder Damien Hirst gehören, ist wesentlich gefährdeter. Bei Damien Hirst ist es nicht mehr klar, ob seine Berühmtheit abhängig vom Werk oder ein gesellschaftliches Phänomen ist. Richter und Gursky dagegen definieren sich im Wesentlichen über ihr Werk: Richter in der Malerei, an der Schnittstelle der Malerei zur Fotografie, und Gursky in der Fotografie, dann auch wieder an deren Schnittstelle zur Malerei. Beide sind Künstler, die leicht verstanden werden können und deshalb auch das dekorative Moment bedienen ...

... was sie wieder Missverständnissen aussetzt?

Da liegt die Gefahr. Denn die Kontexte, in denen sie sich bewegen, sind in der heutigen Zeit für viele Künstler extrem wichtig.

Ist die Beratung eines Künstlers durch seinen Galeristen also eine verkaufsstrategische Notwendigkeit? Zu der es auch gehört, ihn von falscher Gesellschaft fernzuhalten?

Ja. Da bin ich ganz altmodisch, ich glaube, dass man auch heute noch aufpassen muss, in welche Zusammenhänge man sich begibt. Gerade Künstler, deren Arbeiten auch im positiven Sinne Dekoration sind - die also einfacher begreiflich erscheinen für Menschen, die von Kunst nicht so viel Ahnung haben, prototypisch reiche Amerikaner oder reiche Russen -, müssen da schon aufpassen. Ich denke, das Interesse von ernstzunehmenden Kritikern und Museumskuratoren ist sehr wichtig. Und wenn man das ursprünglich hatte, sollte man es nicht verspielen.

Was sagen Sie zur Krise?

Wenn ich die Lage einschätzen und voraussehen könnte, wie sich der Kunstmarkt entwickeln wird, wäre ich froh. Aber wirklich bedeutende Kunstwerke, die nicht überpreist sind, werden nach wie vor ohne große Probleme verkauft. Und es interessieren sich überwiegend nur noch diejenigen, die Kunst wirklich lieben.

Aber die verhandeln jetzt über Preise?

Ja. Und trotzdem ist die Situation heute etwas angenehmer. Auch wenn für uns das Handeln nicht ganz so sinnvoll ist, weil es immer unsere Politik war, die Preise so niedrig wie möglich zu halten. Das hat in den letzten Jahren nicht mehr ganz funktioniert, da mussten die Preise automatisch relativ hoch sein, aus Schutz vor Spekulation.

Hier kommen die Auktionshäuser ins Spiel, als die schärfste Konkurrenz der Galerien, vor allem bei prominenten Künstlern. Wie gehen Sie damit um? Kaufen Sie auch auf Auktionen?

Das muss jeder professionelle Galerist tun. Wir beobachten den Markt und die Aktivitäten der Auktionshäuser ganz genau. Und wir intervenieren auch, aber nicht in dem Sinne, wie es Galeristen oft unterstellt wird, also um die Preise hochzutreiben, sondern weil es wichtig ist, dass bei Arbeiten, denen wir eine wirkliche Bedeutung zusprechen, der Preis stabil gehalten wird - auch in Krisenzeiten, zum Schutz des Künstlers. Bei unseren Künstlern ist das nicht so schwierig, weil es immer wichtige Sammler gibt, die das genauso sehen. Bei Andreas Gursky, zum Beispiel, mussten wir noch nie irgendwo eingreifen, also ein gesunder Markt.

Haben Sie Ihre Preise den Auktionsergebnissen angepasst?

Nein. Wir haben die Preise aber punktuell hochgesetzt, um nicht in den ungeheueren Stress zu kommen, jeden Sammler, der ein Werk haben wollte, auf seine Glaubwürdigkeit hin überprüfen zu müssen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Arbeiten auf Auktionen gegeben wurden von Sammlern, die international hoch verehrt und geschätzt wurden: Den Sammlern wurde der Mund wässrig gemacht mit wahnsinnig hohen Garantiesummen für ihre Einlieferungen. Die Gier des Menschen wurde ausgenutzt und der Spekulation der Weg geebnet - aber das sind ja mittlerweile Binsenweisheiten! Hätte es diesen wahnsinnigen Boom nicht gegeben, wären die meisten Arbeiten nur halb so teuer und hätten sich, was gesund gewesen wäre, entsprechend ihrer Bedeutung langsam nach oben entwickelt.

Könnte die Krise gut sein für die Kunst?

Ja, auf jeden Fall. Das viele leicht verdiente Geld hatte sehr zur Verwirrung beigetragen. Es sind Personen Kunsthändler oder Galeristen geworden, deren Motivation eine relativ schnelle Gewinnerwartung war, die aber gar nicht wissen, worum es geht, was überhaupt ihre Aufgabe ist. Die wichtigste Aufgabe des Galeristen ist es, eine Dienstleistung dem Künstler gegenüber zu erbringen, um diesem zu ermöglichen, dass er sich nicht um die Verteilung, das Verkaufen seiner Werke kümmern muss, dass er Geld hat, um das zu produzieren, was für ihn künstlerisch notwendig ist. Der Boom des Kunstmarkts hatte auch eine Menge Künstler produziert, die mit mehr oder weniger Geschick etwas machen, das so aussieht, als wäre es Kunst. Diese Verirrungen, die sich bis in die Museen hineinziehen, werden sich nur langfristig korrigieren lassen.

Sie sind bekennender Fußballfan. Was verbindet Fußball mit Kunst?

Das ist eine wichtige Frage! In dieser ganzen Absurdität, die den Kunstmarkt heute ausmacht, ist es manchmal unheimlich schwer, sich zu motivieren und weiterzumachen. Manchmal muss ich mich lösen von diesem Geschäft. Da ich mich immer für Fußball interessiert habe, ist er meine Möglichkeit der Entspannung - und zugleich dafür, auf einer anderen Ebene zu reflektieren, was ein wirklich gutes Kunstwerk ausmacht. Ein wirklich gutes Fußballspiel kann man im Zusammenspiel der einzelnen Akteure erkennen, das hat natürlich etwas von einem guten Kunstwerk. Aber die eigentlichen Künstler sind doch weniger die Spieler. Aus meiner Sicht ist der Trainer der Künstler. Er ist in der Lage, das Gesamte zu sehen und den Spielern darin ihre Rollen zu geben, die sie zu Höchstleistungen antreiben. Das finde ich schon beeindruckend.

Ist das Geschäft hinter den Kulissen des Stadions so ähnlich wie das des Kunstmarkts?

Das ist womöglich noch absurder. Beim Fußball ist es ganz übel. Da ist so wahnsinnig viel Geld im Spiel und oft so wenig qualifiziertes Wissen, dass man sich nicht wundern darf, dass die Personen so oft ausgetauscht werden müssen und so viel Kapital vernichtet wird. Es gibt viele Parallelen zwischen Fußball und Kunstmarkt: Beide gehören mittlerweile zur aufgeblasenen Unterhaltungsindustrie. Um wirklich gute Arbeit zu leisten in Kunst oder Fußball, ist es auch heute noch von Vorteil, wenn man sein Handwerk beherrscht. Aber es gehört auch dazu, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten des Markts zu kennen, Entwicklungen vorauszusehen und strukturell darauf hin zu arbeiten.

Werden Sie die erste Präsidentin des 1. FC Köln?

Nee ... Obwohl es schon spannend wäre, und wenn ich die Fehler sehe, die da gemacht werden, und mir einbilde, dass das alles voraussehbar war, bin ich manchmal gefährdet zu denken: Solltest du vielleicht mal eingreifen?

Diese gewisse Freude an der Macht ...

Ja, das muss sein, sonst ist es schwierig, sich durchzusetzen, wenn man Einfluss nehmen und in der Öffentlichkeit ein Beispiel dafür geben will, dass man als Frau genauso bereit ist, Risiken einzugehen und Verantwortung zu tragen. Sonst geht es gar nicht. Das ist der Vorteil der Männer, dass sie das anders beigebracht bekommen, auch verbunden mit der Lust an der Macht. Ich habe mir das mühsam anerzogen, weil ich eine Vision, eine Idee hatte, und es geht mir im Grunde nur darum, dass ich recht haben will: Ich will mit meiner Behauptung, was interessant in der Kunst ist, recht behalten.

Zur Person

Monika Sprüth wird am 18. Mai 1949 in Memmingen geboren. Sie wächst in Köln, Dijon, Seattle und Landstuhl in der Pfalz auf, wo sie 1968 Abitur macht. Sie studiert Architektur in Aachen und arbeitet nach dem Diplom im Stadtplanungsamt in Oberhausen.

Sie verlässt 1979 das Amt und wendet sich der Kunst zu. Im Jahr 1983 eröffnet sie ihre Galerie in Köln, die sie seit 1998 gemeinsam mit Philomene Magers führt, zunächst in Köln, seit einigen Jahren in Berlin und London. Sprüth Magers ist eine der weltweit bedeutendsten Galerien, die Künstler wie Thomas Demand, Sylvie Fleury, Andreas Gursky oder Ed Ruscha vertritt.

Monika Sprüths Leidenschaft gilt dem Fußball. Sie ist Mitglied des 1. FC Köln, wann immer es ihr möglich ist im Stadion und engagiert für den Nachwuchs. Sie lebt in Köln mit ihrer achtzehnjährigen Tochter. Ihr Sohn, der in der Jugendmannschaft von Energie Cottbus gespielt hat, beginnt gerade sein Studium in Amerika.

Die Fragen stellte Rose-Maria Gropp



Text: F.A.Z.

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