Kleopatra

Die Liebesgöttin und ihre Männer

Von Dieter Bartetzko

Die Statue von Esquilin soll Kleopatra zeigen

Die Statue von Esquilin soll Kleopatra zeigen

31. Oktober 2006 Politik ist ein schmutziges Geschäft. Diese Feststellung zählt zu den abgedroschensten aller Phrasen. Doch bestätigt uns jeder Blick in die Geschichte oder Gegenwart ihre Wahrheit. Beispielsweise auch, wenn es um Kleopatra geht, jene ägyptische Königin, die noch heute, fast zweitausend Jahre nach ihrem Tod, alle Welt als gekrönten machtgierigen und durchtriebenen Vamp zu kennen meint. Sie, so ihr Verruf, habe nicht nur die Politik, sondern auch die Liebe als Geschäft betrieben.

Selbst wenn man sämtliche erotomanen Übertreibungen streicht, die befangene zeitgenössische Chronisten ebenso aufhäuften wie Jahrhunderte später der faszinierte Shakespeare oder wiederum später der animierte George Bernhard Shaw, so bleibt genug, um zu schaudern: Im notgedrungenen Kampf um ihren Thron verführte Kleopatra zwei der mächtigsten Männer ihrer Zeit - Caesar und Mark Anton -, machte sie ihren Gattinnen abspenstig und ließ sich von ihnen schwängern.

Sie brachte den Männern den Tod

So, wie sie diesen beiden den Tod brachte - das für Rom skandalöse Konkubinat mit Kleopatra trug zur Ermordung Caesars bei, Mark Anton tötete sich nach seiner Niederlage in der Seeschlacht von Actium, zu der Kleopatra ihm geraten hatte -, soll sie auch für die frühen Tode ihrer Brüder und Mitregenten Ptolomaios XIII. und XIV. mitverantwortlich sein, ebenso, wenn auch nur indirekt, für die Ermordung ihres und Caesars Sohn Kaisarion, den Caesars Adoptivsohn Oktavian ermorden ließ, um unangefochten zum weltbeherrschenden Imperator Augustus zu werden.

Noch mit zweiundvierzig Jahren und als vierfache Mutter, so die zur cronique scandaleuse umkippende reale Geschichte, hat sie als Frau wie als Politikerin ihren Überwinder Oktavian so sehr beunruhigt, daß er aus Furcht, Kleopatra könne ihre Künste auch an ihm erproben, jede Begegnung mit der Geschlagenen mied und sie ermorden ließ - was ihm kurzfristig nutzte, aber ihr endgültig ewigen Ruhm sicherte. Denn das von Oktavians Propagandisten ausgestreute Gerücht, die Königin habe Selbstmord mittels einer Kobra verübt, gilt heute als die große letzte Tat einer Frau, die damit ihre Würde wiedergewann.

Züge einer hakennasigen Frau

Nur in einem hat Kleopatra die Nachwelt enttäuscht: Ihre bisher bekannten drei Porträtbüsten tragen die wachen, aber scharfen Züge einer hakennasigen Frau, die nichts von jener blendenden Schönheit haben, über die sämtliche schriftliche Quellen, wenn auch nur spärlich, berichten. Das könnte nun anders werden: Seit vergangenem Freitag empfängt die knapp lebensgroße, seidig polierte Marmorstatue einer atemberaubend schönen und sinnlichen jungen Frau im Hamburger Bucerius Kunstforum die Besucher der Ausstellung „Kleopatra und die Caesaren“. Bisher berühmt als „Venus vom Esquilin“, ist sie nun von dem Archäologen und Initiator der Ausstellung, Bernard Andreae, als Kleopatra identifiziert worden. Exakter: als kaiserzeitliche Kopie der vergoldeten Statue, die Caesar in dem von ihm gestifteten Tempel seiner mythischen Ahnherrin, der „Venus Genetrix,“ nahe dem Forum Romanum, aufstellen ließ.

Andreaes Indizien imponieren: Die Vorderansicht der Statue - darauf hat 1955 schon der Philologe Licino Glori aufmerksam gemacht - folgt mit ihrem axialen, zugleich aufreizenden und distanzierenden Zurschaustellen des nackten Körpers ägyptischen Skulpturen von Göttinnen und Pharaoninnen; auch Kleopatra wurde mehrfach auf diese Weise dargestellt. Die leichte laszive Drehung aber des Oberkörpers der Statue vom Esquilin verweist auf die ptolomäische Zeit, als nach der Eroberung durch Alexander den Großen Elemente der hellenistischen Kunst in Ägypten neben die traditionellen Darstellungsweisen traten. Die nicht minder erotische Rückansicht des Standbilds wiederum, für die dem Künstler Vorbilder fehlten, weil Ägypten nur die Wahrnehmung Auge in Auge kannte, stimmt mit Rückenakten eines signierten Grazienbrunnens überein, der Roms Venustempel schmückte. Dadurch glaubt Andreae auch den Künstler der Venus-Kleopatra benennen zu können: Stephanos, einen der berühmtesten Bildhauer seiner und Kleopatras Zeit.

Geschmeidiger, schlanker Körper

Dementsprechend eindrucksvoll wird die Statue in Hamburg präsentiert: Allseitig betrachtbar, beherrscht sie das goldflirrende Oktogon des Ausstellungssaals, hinterfangen von einer bordeauxroten Wand, deren Leuchtkraft den geschmeidigen, fast ephebenhaft schlanken Körper noch verführerischer erscheinen läßt. Er steht im Zentrum eines strahlenförmigen Netzes, das die Blicke, Gesten und Positionen der übrigen Kunstwerke bilden. Die Schau hat sie alle zu Akteuren einer grandiosen chronologischen Szenenfolge arrangiert, die an antike römische Theater erinnert: Kleopatra unmittelbar gegenüber tritt Alexander der Große auf, der Schöpfer jenes Reichs, das ihre Vorfahren regierten. Der Makedone agiert als Pharao, sprich: ist jene ägyptische Statue, die in diesem Frühjahr in einer Präsentation des Frankfurter Liebieghauses (siehe: Unser Abendland: Frankfurt feiert die Antike im Städel) als einzig bisher bekannte Darstellung Alexanders in Gestalt eines Pharaos entschlüsselt wurde. Ihm zur Seite steht eine Kolossalbüste Ptolomaios I., des Dynastiegründers, daneben in kleinerer Ausführung, Ptolomaios XII., Kleopatras Vater.

Rechter Hand dieser Gruppe leitet die mißbilligend blickende Büste Ciceros, eines der entschiedensten Gegner der Ägypterin, zu jenen Männern über, die Kleopatras Schicksal so bestimmten wie sie ihres: Direkt gegenüber von Cicero ist Caesar zu sehen; ein gelassener Mann mit markanten Zügen nicht ohne Empfindsamkeit. Von ihm abgewandt schaut das pausbäckige mürrische Gesicht des Feldherrn und Konsuls Pompeius Magnus, dessen Ermordung am Hofe Ptolomaios XIII. den Ägyptenfeldzug Caesars auslöste, hinüber zu Mark Anton und Oktavian.

Lohnen schon die bisher genannten Kunstwerke dank ihrer blendenden Qualität jede Reise nach Hamburg, so erst recht der Mark Anton. Denn von ihm war bisher, infolge der damnatio memoriae, die Augustus über ihn verhängt hat, kein dreidimensionales Bildnis bekannt. Die Ausstellungsmacher haben einen kleinen Kalksteinkopf im Nationalmuseum in Haifa ausfindig gemacht, der als Mark Anton gesichert ist. Er überdauerte wohl im Privatbesitz eines in Judäa gebliebenen Veteranen und Anhängers des Mark Anton.

Beherrschte stille Schönheit

Den männlichen Bildnissen sind die ihrer Frauen zur Seite gestellt. Neben Mark Anton ist dessen zweite, von Kleopatra verdrängte Frau Oktavia zu sehen, die Schwester des Oktavian/Augustus. Sie ist als Aristokratin von beherrschter stiller Schönheit gestaltet, entsprechend ihrem Ruf als untadelige loyale Gefährtin, die nach dem Tod Mark Antons und Kleopatras sogar deren Tochter Kleopatra Selene, das einzig überlebende Kind der Pharaonin, aufnahm.

Livia, die Frau des Augustus, zeigt sich in gewohnter Kühle. Eine Überraschung aber ist die Büste Oktavians. Nicht der Friedensfürst, sondern der entschlossene Feldherr im Kampf um Rom, Alexandria und die Weltherrschaft tritt auf: ein Fanatiker mit nervös vibrierenden Gesichtszügen, die Haare vor Energie fast gesträubt - ihm traut man zu, daß er Kaisarion hinrichten und die beiden jüngeren, unter unbekannten Umständen früh verstorbenen Söhne Kleopatras beiseite schaffen ließ.

Kleopatras pummelige Söhne

Alle drei Söhne finden sich zur Rechten der Statue vom Esquilin. In der Mitte Kaisarion, ein Kindpharao, in Rosengranit gemeißelt. Neben ihm die beiden kleinen Brüder. Als Laie denkt man beim Anblick ihrer pummeligen Gestalten aus dunkelgrün patinierter Bronze sofort an die putzigen Putten, die in keinem reichen römischen Haus fehlten. Doch näher betrachtet, erweisen sie sich als sonderbar kostümiert: Der Größere trägt einen Dreiecksmantel, eine Chlamys wie sonst nur Alexander der Große und hat das Strahlenbündel des makedonischen Königshauses auf seiner Haarspange. Vollends verwirrend zeigen die Augen des Kleineren die langgezogenen Lidstriche Altägyptens. Genau deshalb aber sind die Ausstellungsmacher sicher, daß die 2001 aus dem Wrack eines um 30 vor Christus gesunkenen ägyptischen Schiffs geborgene Figur einen Sohn Kleopatras zeigt - nur sie berief sich auf die makedonische Herkunft ihrer Herrschaft. Wie selbstverständlich fügt sich dem die Identifikation des zweiten Buben als Alexander Helios an, dem Mark Anton in einem Staatsakt die Herrschaft über Armenien zugesichert hatte, dessen königliche Tiara er trägt.

Maskeraden wie diese waren Bestandteil antiker königlicher Zeremonien, erwachsen aus Kulturen, denen lebende Bilder und die Assimilation von Göttlichem und Menschlichem selbstverständlich waren. Von Kleopatra und Mark Anton wissen wir, daß sie ihnen hingebungsvoll frönten: er als Dionysos, sie als Isis oder deren griechische und römische Entsprechungen Aphrodite und Venus. Nur Oktavian/Augustus hielt sich streng zurück. Vielleicht auf Anraten des Maecenas, seines genialen Propagandisten, der ihn mit großem Erfolg zum selbstbeherrschten und selbstlosen Imperator stilisierte. Auch seine Porträtbüste, erst kürzlich von Bernard Andreae als solche identifiziert, ist im Kulturforum zu sehen - und das, was er ausheckte, um Kleopatra auszuschalten.

Hintersinnige edle Karikatur

Ein Tonbecher (neu, aber aus dem antiken Modell geformt) aus Arezzo, dem Wohnsitz des Maecenas, gibt Mark Anton und Kleopatra wieder als Herakles und Omphale, die Frau, die den Heros demütigte. Eine perfekte Replik der weltberühmten augustäischen „Portlandvase“ wiederum, deren weißgläserne Reliefs auf dunkelblauem Glasgrund bisher als Darstellung zweier mythischer Liebespaare galten, ist in Hamburg das Anschauungsmaterial für eine weitere kühne These der Ausstellung: Die erlesenen Gestalten der Vase, so Andreae, zeigen eine Verführungsszene zwischen Mark Anton und Kleopatra sowie Oktavian, der seine verlassene Schwester tröstet. Somit wäre die Vase eine hintersinnige edle Karikatur für die gebildeten und Oktavian anhängenden höchsten Kreise Roms gewesen, während der Tonbecher als tausendfach vervielfältigtes Gebrauchsgeschirr gleich einem Pamphlet den Massen das staatsgefährdende Treiben der Ägypterin fortwährend ins Gedächtnis gerufen hätte.

Kleopatra, eine Chimäre, geschaffen teils aus Verleumdungen und überhitzten sexuellen Phantasien, teils aus bewundernden Rückblicken. Dafür stehen in Hamburg Gemälde des sechzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts. Niederländer, die in einer verschwitzten Mischung aus Prüderie und Lüsternheit eine Kokotte vorstellen, Angelika Kaufmann, die, dem eigenen Weiblichkeitsideal Gestalt gebend, 1769 Kleopatra als hoheitsvoll um Mark Anton Trauernde malt, oder auch Jean Baptist Regnault, der 1796 die tote Kleopatra so märtyrerhaft und anrührend auf einer Kline ruhen läßt, wie drei Jahre zuvor Jacques Louis David seinen berühmten ermordeten Marat. Natürlich ist Makart vertreten, der Kleopatra als femme fatale den Nil befahren und auf zerwühlten Laken die Natter an den schwellenden Schneebusen führen läßt. Alles in den Schatten aber stellt eine Zeichnung Michelangelos, die - ein weiterer Coup Andreaes - die Casa Buonarotti auslieh: Hier ist sie eine ebenso blendende wie rührende Renaissanceschönheit, deren Locken sich ringeln wie die Schlange, von der sie sich resigniert abwendet.

Zuletzt steht man doch wieder bei der lockenden Frau vom Esquilin - und auch vor jenen drei bekannten Porträtbüsten, die in Hamburg erstmals vereint sind. Während der Blick hin und her wandert, wird einem der spekulative Charakter der Schau bewußt, die Verwegenheit, fast Obsession, mit der Bernard Andreae Werke verschiedener Herkunft zu Kronzeugen seiner These macht. Zeigen die harten, fast maskulinen Züge der Büsten die wahre Kleopatra, oder sind es die lieblichen der Statue vom Esquilin? Eine Wahrheit steht außer Frage: daß diese Frau sich mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, lange in einem brutalen Machtkampf behauptete. Daß ihr dabei auch die Liebe Mittel zum Zweck wurde, liegt in der Natur der Sache.

Bis zum 4. Februar 2007. Der vorzügliche Katalog, erscheinen im Hirmer-Verlag, kostet 24,80 Euro.



Text: F.A.Z., 31.10.2006, Nr. 253 / Seite 39
Bildmaterial: Bucerius Kunst Forum, Foto: Hirmer Photoarchiv, München, Bucerius Kunst Forum, Photo: Rijksmuseum, Amsterdam, Bucerius Kunst Forum, Photo: Staatsgalerie Stuttgart, Bucerius Kunst Forum, Photo: The Brooklyn Museum of Art, New York, ddp, dpa

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