22. Juli 2006 Am Anfang von Guggenheim war Kandinsky. Und noch heute ist er Hausgott der Sammlung: Zwei Gemälde hängen gleich rechts im Entree der Ausstellung, und gleich im Anschluß ist ihm ein ganzer Saal gewidmet - eine Auswahl aus den nicht weniger als 150 Kandinsky-Werken, die der Museumsgründer Solomon R. Guggenheim einst erwarb.
Nach der spektakulären Großausstellung des MoMA in Berlin sind jetzt die die globalen Guggenheim Enterprises in Bonn zwischengelandet und werden als Größtereignis angepriesen: Nicht weniger als zweihundert Gemälde und Skulpturen zeigt Guggenheim auf 6.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und weiteren 1.500 Quadratmetern im Kunstmuseum Bonn.
Versicherungssumme: Mehr als eine Milliarde Euro
Die Versicherungssumme für die Werke wird mit mehr als einer Milliarde Euro beziffert; die Bürgschaft dafür liegt bei der deutschen Bundesregierung. Die Ausstellung The Guggenheim. Die Sammlung kostet zehn Millionen Euro, Sponsor ist die Deutsche Telecom, die gemeinsam mit der steuerfinanzierten Bundeskunsthalle auf Erfolg hofft: 600.000 Besucher müssen schon kommen, wenn kein Verlust mit der Groß-Bildschau eingefahren werden soll. Kunst ist schön, kostet aber viel, möchte man in Abwandlung von Karl Valentin anmerken.
Und vielleicht bringt die Kunst in Bonn ja auch viel ein, so wie es in der Berliner Nationalgalerie geschah, als 1,2 Millionen Leute die Ausstellung mit Werken aus dem New Yorker Museum of Modern Art sehen wollten; ihr wird dort 2007 eine Schau des Metropolitan Museum folgen. Schließlich meckerten nur Spielverderber über den MoMA-Auftrieb, zum Beispiel weil Picassos Jahrhundertbild der Desmoiselles d'Avignon daheim in New York geblieben war, das man nun wirklich gern einmal an einem anderen Ort in anderer Nachbarschaft gesehen hätte.
Die unüberschaubare Kollektion umfaßt 2000 Werke
Jetzt also nach Bonn: Welches kapitale Bild The Guggenheim zu Hause gelassen haben mag, läßt sich gar nicht ausloten, weil nämlich niemand diese gigantische, auf etwa 2000 Werke bezifferte Kollektion überschauen kann. Auch ihr eigener Direktor, Thomas Krens, erstaunt mit der Aussage, daß er selbst noch nicht alles gesehen hat. Was also ist in Bonn bis Anfang Januar 2007 zu sehen? Wen soll erreichen, was da hängt und steht? Zu bewundern sind Kunstwerke des zwanzigsten Jahrhunderts - und angeschlossen in den Räumen des Bonner Kunstmuseums auch des einundzwanzigsten Jahrhunderts - aus dem Besitz der Guggenheim Foundation, die in dieser Dichte bisher niemals gezeigt waren.
Tatsächlich sind darunter Stücke wie Picassos magisches Bildnis der Fernande mit schwarzer Mantilla von 1905/06. Das Porträt findet sich im Picasso und Braque-Raum der Schau, an der Grenze zu einem der eindrucksvollsten Säle; denn Fernande kam mit der Kollektion von Justin Thannhauser zu Guggenheim, die wenig ihresgleichen kennt und aus der in Bonn drei Cezanne-Gemälde zu bestaunen sind, gegenüber von Manets Vor dem Spiegel, Renoirs Frau mit Papagei und einem Dogenpalast Monets. Solches ist, in der Tat, pure Kulinarik. Ähnlicher Luxus entfaltet sich, wenn vier kapitale Bilder von Mondrian auf drei Skulpturen von Constantin Brancusi treffen, in Lebzeitexemplaren auf ihren originalen Sockeln.
Besichtigungsmarathon von Einzelwerken
Die Anordnung dieser importierten Pracht folgt keinem einheitlichen Konzept, sondern offensichtlich der Maßgabe der vorhandenen Objekte. Daß diese Bestände als ein Nonplusultra ausgegeben werden, versteht sich von selbst - Hauptwerke, Meisterwerke, Werkgruppen heißen die Stichworte, und sie wollen in einem Marathon besichtigt werden. Andacht ist angesagt, viel eher als kritische Auseinandersetzung; dies ist die Grundregel solcher Events.
Dabei ist ebenso klar: Es geht nicht ernsthaft um einen Kanon, über dessen Gestalt sich rechten und streiten ließe, sondern es geht um kanonisierte Einzelwerke ebenso kanonisierter Künstler, die eben, nach Maßgabe des Bestands, in einzelnen Räumen einander zugeordnet präsentiert sind. Sie werden begleitet von Texten an der Wand, die dem geneigten Besucher eher wenige Kenntnisse zutrauen und keinerlei Mühe zumuten.
Ausgezeichnete Bilder fragwürdig zusammengestellt
Daß dieses Prinzip seine Grenzen hat, zeigt sich unter der Rubrik Expressive Malerei, die Gemälde deutscher Künstler und eines Österreichers bündelt. Es sind sehr gute und ausgezeichnete Bilder, deren Zusammenstellung dagegen fragwürdig bleibt. Arbeiten von Klee neben drei Hauptwerken Franz Marcs; Kokoschkas Irrender Ritter von 1915 - wie kommt der hierher? - direkt neben Kirchners prophetisch-verstörendem Soldatenbad desselben Jahrs, das per Hängung dazu verurteilt wird, mit Max Beckmanns Gesellschaft Paris von 1931 gegenüber eine Beziehung aufzunehmen.
An anderen Stellen bringt die flexible Methode aber auch zündende Begegnungen hervor: Das funktioniert bei den vereinten Surrealisten aus dem Bestand von Guggenheims Nichte Peggy ebenso wie bei ihren umwerfenden Pollocks und an dem - mit herrlichen Arbeiten von Ellsworth Kelly ausstaffierten - Übergang aus dem ersten Stock zu den Riesenspielzeugen der Panza-Kollektion unten in der weiten Halle: Dort ist Robert Morris' unbetiteltes, fünf Meter hohes Labyrinth von 1974 aufgebaut worden, dort lagern dramatisch orangefarbene Kuben von Donald Judd.
Die Summe individueller Neigungen der Sammelnden
Wie sich überhaupt der Aufbau der Guggenheim Kollektion nicht streng durchgehaltenen Sammlungsprinzipien, sondern der Summe individueller Neigungen der Sammelnden verdankt: Das Engagement der Deutschen Hilla von Rebay, die den Kupfermagnaten Solomon R. Guggenheim in den dreißiger Jahren zur gegenstandslosen Kunst führte, steht am Beginn der beispiellosen Museumsgeschichte. Es folgte später die Eingliederung der Thannhauser-Kollektion in die Stiftung und, vermittelt durch den damaligen Direktor Thomas Messer, von Peggy Guggenheims einem so ganz anderen Geist huldigendem Besitz.
Hinzu kam schließlich die Minimalismus-Sammlung des italienischen Grafen Giuseppe Panza di Biumo, deren wahrlich raumgreifende Objekte der aktuelle Herrscher über das Guggenheim-Imperium, Thomas Krens, erwarb. Krens, der Frank Gehrys berühmten silbrigen Museumsbau in Bilbao auf den Weg brachte und der erklärtermaßen Frank Lloyd Wrights Spirale an New Yorks Fifth Avenue weniger als Museumssitz, denn als integralen Bestandteil des riesigen Kunstkonvoluts begreift, mag es eben gern im ganz großen Stil. Auch diese Erkenntnis bestätigt The Guggenheim in Bonn.
Bis 7. Januar 2007. Der Katalog kostet 25 Euro.
Text: F.A.Z., 22.07.2006, Nr. 168 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2006 , The Solomon R. Guggenheim Foundation, New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2006