New Yorks Museen

Tanker und Schnellboote

Von Hans-Peter Riese, New York

Blick ins neueröffnete MoMA

Blick ins neueröffnete MoMA

02. Dezember 2004 Eine Woche vor Wiedereröffnung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York meldete sich das Metropolitan Museum of Art zu Wort - und stahl der Konkurrenz die Schlagzeilen. Philippe de Montebello, seit mehr als einem Vierteljahrhundert Chef des größten New Yorker Museums, gab den teuersten Ankauf in der Geschichte des Hauses bekannt: Zwischen 45 und fünfzig Millionen Dollar hatte das Metropolitan für das kleine Bild „Madonna mit Kind“ des Renaissance-Meisters Duccio di Buoninsegna gezahlt.

Eindrucksvoll unterstrich das Haus mit diesem Coup seine Sonderstellung unter den New Yorker Museen. Wer die Animositäten der Direktoren untereinander kennt, konnte eine Bemerkung de Montebellos leicht als Spitze gegen Glenn Lowry, den alerten Direktor des MoMA, interpretieren. Indem eine wichtige Lücke in den Renaissance-Beständen des Hauses jetzt geschlossen sei, so Montebello, könne der Besucher in seinem Haus nun die vollständige Entwicklung der europäischen Malerei von ihren Anfängen bis in die Gegenwart verfolgen.

Das Leuchten des MoMA

Das MoMA wiederum ist das weltweit bekannteste New Yorker Museum. Und es wird von keinem anderen darin übertroffen, sein Licht in den Medien leuchten zu lassen. Der Unterschied zum einzigen wirklichen Konkurrenten in diesem Wettstreit, dem Guggenheim Museum in seinem Spiralgebäude von Frank Lloyd Wright, besteht darin, daß dieses Haus mit seiner aus mehreren Privatsammlungen zusammengesetzten Kollektion mit den Beständen des MoMA nicht konkurrieren kann.

Das gilt auch für das Whitney Museum of American Art, das in dem architekturhistorisch zwar bedeutenden, aber eher abweisend wirkenden Bau von Marcel Breuer an der Madison Avenue seit seiner Gründung 1930 stets im Schatten des MoMA gestanden hat. Um die Liste der bedeutenden Häuser komplett zu machen, muß man das Brooklyn Museum of Art erwähnen, das abseits der Museumsmeile in Manhattan liegt und sich immer wieder als Enfant terrible geriert. Kürzlich ist in Beacon, eine Stunde von New York entfernt, noch die DIA Foundation mit ihrer konsequenten Sammlung der Verschränkung amerikanischer Minimal-Kunst und entsprechender europäischer Tendenzen hinzugekommen.

Das älteste Haus am Platze

Dagegen hatte das Schlachtschiff unter den New Yorker Häusern, das Metropolitan Museum, das auch das älteste Haus am Platze ist, von Anfang an den Anspruch eines Universalmuseums und ist ihm bis heute treu geblieben. Wenige Blocks entfernt, ebenfalls an der Fifth Avenue, befindet sich das Gebäude der Frick Collection. Mit ihrer abgeschlossenen, gleichwohl phänomenalen Sammlung alter Meister ist die Frick Collection der einzige Platz in New York, an dem man ein weiteres Bild von Duccio bestaunen kann. Diese beiden Häuser kann man also als sich gegenseitig ergänzende Sammlungen sehen. Zusammen bilden sie jedenfalls einen Bestand, der wahrscheinlich nur vom Louvre in Paris oder vom Prado in Madrid übertroffen wird.

Natürlich hat die jeweilige Sammlungskonzeption der einzelnen Häuser etwas mit ihrer finanziellen Ausstattung zu tun. Die gigantischen Zahlen, die im Zusammenhang mit dem Neubau des MoMA genannt werden, verzerren ein wenig die wahren Verhältnisse. Die rund 850 Millionen Dollar, die Glenn Lowry insgesamt für den Neubau, den Umbau des Ausweichquartiers in Queens und andere notwendigen Arbeiten aufwendet, sind Sondermittel, die er zur Hälfte von seinen Trustees eingesammelt hat. Die andere Hälfte kommt von privaten Spendern und - immerhin - auch von der Stadt und vom Staat New York. Daß dies in diesem Umfang möglich gewesen ist, hängt auch mit der Bewertung des Finanzgebarens und der Kreditwürdigkeit des Hauses zusammen - festgelegt wie bei jeder anderen Firma von Ratingagenturen.

Eintrittspreis von zwanzig Dollar

Die meisten Häuser können von ihrem „endowment“, also dem in Aktien oder anderen Werten angelegten Vermögen, die laufenden Kosten nicht bestreiten, geschweige denn umfangreiche Neuankäufe tätigen. Auch das MoMA muß künftig rund 120 Millionen Dollar jährlich erwirtschaften, um seine Betriebskosten decken zu können. Das hat nicht zuletzt dazu geführt, daß der Eintrittspreis auf zwanzig Dollar erhöht wurde: ein Spitzenpreis, selbst in New York. Aus Rückflüssen von Vermögenswerten wird, nach dem Börsendebakel, nur noch etwa die Hälfte gedeckt.

Betrachtet man die Budgets und Haushalte der New Yorker Museen, dann mutet der MoMA-Neubau wahrlich wie ein Wunder an. Das Guggenheim, dessen hochfliegende Neubaupläne wegen akuten Geldmangels längst in der Schublade seines Direktors Thomas Krenz verschwunden sind, mußte auf die Privatschatulle seines Hauptgönners zurückgreifen, um eine Finanzlücke von zwölf Millionen Dollar kurzfristig schließen zu können. Trotzdem wurde knapp die Hälfte der Mitarbeiter entlassen. Das Whitney, das lange schon keine bedeutende Neuerwerbung mehr tätigen konnte, erhielt immerhin durch eine Initiative seines Aufsichtsratschefs Leonard A. Lauder, dem Bruder des obersten MoMA-Aufsehers Ronald S. Lauder, eine Auffrischung seiner Sammlung im Wert von zweihundert Millionen Dollar.

Kein kohärentes Gesamtbild

Das wirft natürlich die Frage auf, ob diese Museen überhaupt eine langfristige Sammlungsstrategie verfolgen können. Wie abhängig sind die Direktoren von ihren finanziell potenten Trustees oder den Privatsammlern? Das Guggenheim ist dafür ein gutes Beispiel. Ursprünglich für die Sammlung von Solomon Guggenheim gegründet und von seiner Kunstberaterin Hilla von Rebay auf die Kunst des Impressionismus konzentriert, wurde es später durch die Thannhäuser-Kollektion ebenso erweitert wie durch die Sammlung von Peggy Guggenheim. Diese war ursprünglich in Venedig beheimatet. Ein kohärentes Gesamtbild konnte so nie entstehen. Die einzige Sammlung der Moderne, die von Alfred H. Barr jr. auf der Basis eines kunsthistorisch schlüssigen Konzeptes aufgebaut worden war, besitzt das MoMA. Sie macht denn auch den Weltruhm dieses Museums aus.

Verfolgt man allerdings die Ankäufe des Hauses, die von John Elderfield, dem Chefkurator, in dem neuen Bestandskatalog dokumentiert sind, so fällt auf, daß das Haus eigentlich nie das war, als das Barr es stets dargestellt hat: ein „Laboratorium“. Die bedeutenden Bilder sind oft lange nach ihrem Entstehen angekauft worden. Bei der Gründung des Hauses 1928 waren sowohl Impressionismus als auch Postimpressionismus und Kubismus, die heutigen Stärken der Sammlung, bereits Geschichte. Vergleicht man die Sammlungsteile des MoMA, so fallen die Lücken bei der amerikanischen Malerei und in der europäischen Nachkriegsmalerei besonders auf. Sie können nicht mit Geldmangel erklärt werden, sondern sind konzeptionell begründet und setzen sich in der aktuellen Kunst noch offensichtlicher fort. Im Zeitgenössischen hat das MoMA seine Ausnahmestellung weitgehend eingebüßt und wirkt so disparat wie jedes andere Museum.

Ruhender Tanker Metropolitan

Das Whitney, das von seinen Gründern auf amerikanische Kunst festgelegt wurde, erwies sich da als sehr viel experimentierfreudiger sowohl in seinen Ausstellungen - einschließlich der stets umstrittenen Biennalen - als auch in seiner Sammlung. Das gilt im Prinzip auch für das Guggenheim, wenngleich dort seit dem Abschied von Thomas Messer der Schwerpunkt auf Expansion liegt und die Erweiterung und Vertiefung der Sammlung eher vernachlässigt worden ist. Bleibt als ruhender Tanker in diesem Schwarm von Schnellbooten der Kunstvermittlung das Metropolitan Museum, das in seiner Sammlungskonzeption dem klassischen Ideal des europäischen Universalmuseums treu geblieben ist. Nur hier, in dem riesigen Labyrinth, kann der Besucher einen Eindruck von der Weltkultur erhalten, wie sie als Ideal den Sammlungskonzepten der Museen des neunzehnten Jahrhunderts zugrunde gelegen hat.

Das Metropolitan hat in den Jahrzehnten der Führung durch Montebello - ohne viel Aufsehen - seine Abteilung der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst konsequent erweitert. Im Bereich des Impressionismus kann es leicht mit dem MoMA konkurrieren. Für die Konsolidierung eines kulturellen amerikanischen Selbstbewußtseins, die ohne ästhetische Erziehung nun einmal nicht möglich ist, war und ist das Metropolitan Museum wahrscheinlich ungleich wichtiger.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2004, Nr. 282 / Seite 37
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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