Ostdeutschland

Blutende Landschaften

Von Peter Richter

Hans-Christian Schink: A9/A38, AK Rippachtal (I)

Hans-Christian Schink: A9/A38, AK Rippachtal (I)

12. April 2004 Nach der Völkerwanderung paßte die südfranzösische Stadt Arles komplett in ihr eigenes Amphitheater, so entvölkert war sie. Paßt nach dem Ende der Abwanderung die ostdeutsche Stadt Jena komplett auf ihr legendäres Ernst-Abbe-Sportfeld?

Schwer vorzustellen. Jena wächst sogar. Widerlegen läßt sich das apokalyptische Gerede von der verheerenden Abwanderung aus Ostdeutschland dadurch aber leider nicht. Im Gegenteil. Denn Jena ist die Ausnahme; hier geschieht schon seit längerem, was jetzt plötzlich als neue Idee präsentiert wird: die Konzentration auf halbwegs entwicklungsfähige Kerngebiete. Im Gegenzug impliziert das nämlich etwas sehr Unangenehmes, was deshalb auch gern überhört wird, obwohl es der Jenoptik-Chef Lothar Späth schon seit Mitte der Neunziger predigt: Daß man dann da, wo der Ofen aus ist, auch keine Kohle mehr nachlegen darf.

Hans-Christian Schink: “A4, bei Chemnitz“

Hans-Christian Schink: "A4, bei Chemnitz"

Denn manchmal liegt es einfach an der Kohle, die da immer weiter nachgeschossen wird, daß man gar nicht sieht, wie aus der Ofen in vielen Gegenden ist. Ende April wird im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung mit den grandiosen Fotografien eröffnet, die Hans-Christian Schink zwischen 1995 und 2003 von den "Verkehrsprojekten Deutsche Einheit" gemacht hat: heroische Autobahn- und Brückentorsi - und inzwischen weiß man nicht mehr so recht, ob man da noch Monumente eines titanischen Aufbruchs sieht oder schon Ruinen, Mahnmale der Vergeblichkeit, Sisyphus-Gestein, dem die Sisyphusse abhanden gekommen sind.

Autobahnanschlüsse für Fußgänger

Denn angesichts der düsteren demographischen Prognosen stellt sich auch vor diesen Bildern die Frage, die es nun endlich auch auf den Titel des "Spiegels" geschafft hat: Wofür? Wofür, zur Hölle, brauchen Städte Autobahnanschlüsse, deren Bevölkerung schon bald so alt und arm sein wird, daß sie sich vielleicht noch einen Hackenporsche für den Gang zum Lidl leisten kann, aber sicherlich kein Auto.

Ostdeutschland hat in den letzten Jahren eine Infrastruktur erhalten, die an vielen Orten jetzt wie ein Gerippe über einer zerbröselten Substanz liegt. Am Anfang mußte man schon genau hinschauen, um die Risse zu sehen. Die Ampel an der großen Ausfallstraße, die abgeschaltet wurde, weil kaum noch Verkehr war. Die Musik, die in höllischer Lautstärke aus einem hellhörigen Plattenbau dröhnte, weil keine Nachbarn mehr da waren, die sich beschweren könnten. Der freie Blick, den die Leute eines Tages hatten, weil der Plattenbau gegenüber ihrem Fenster verschwunden war. Kaum noch zu übersehen ist das heute immer in jenen Orten, die erst in der DDR zu Industriezentren ausgebaut wurden und nach deren Ende nun größtenteils deindustrialisiert und funktionslos in der Landschaft liegen. In Städten wie Schwedt, Wolfen oder - Hoyerswerda.

Hoyerswerda, im sächsischen Teil der Lausitz gelegen, ist dabei wahrscheinlich die Stadt, in der sich das Desaster zu einer solchen Symbolkraft verdichtet, daß es dort inzwischen mit einer ähnlich ratlosen Faszination bestaunt werden kann wie Verfall und Untergang des Römischen Reiches - schon deshalb, weil es im Abendland sonst kaum einen Maßstab für einen derartigen Niedergang gibt.

Das ganze Dilemma

Hoyerswerda - das ist das ganze ostdeutsche Drama in drei Akten: die Erfahrung von Aufbruch, mörderischem Sündenfall und Katzenjammer innerhalb von nur fünfzig Jahren. Der erste Akt müßte "Brigitte Reimann" heißen, nach der Dichterin, die hier den Aufbruch und die "Ankunft im Alltag" miterlebt und beschrieben hat: wie sich die junge, hoffnungsvolle DDR in den Fünfzigern ihrer Bodenschätze bemächtigte, wie sie das Braunkohleveredelungswerk "Schwarze Pumpe" aus dem kiefrigen Boden stampfte und ihre erste industriell gefertigte Wohnstadt.

Es war auch die Erfüllung eines architektonischen Traums der deutschen Linken: seit Friedrich Engels gilt in diesem Land die soziale Frage immer auch als "Wohnungsfrage". Und kaum ein sich selbst als progressiv verstehender Architekt, der in den Zwanzigern nicht seinen Beitrag zum industriell gefertigten Wohnen entworfen hätte. Insofern ist der Plattenbau natürlich ein Vermächtnis, das weit über den real existierenden Sozialismus hinausreicht - dort aber, wie so viele linke Träume, am nachhaltigsten diskreditiert wurde. Die phantasielos zusammengeklotzte Plattenbaustadt als Hoffnungsgrab und Abbild des Systems - das taucht schon bei Brigitte Reimann selber auf, in "Franziska Linkerhand", dem Romanfragment, das sie 1973 hinterließ.

Blutende Landschaften

In demselben Jahr, als die Defa "Die Legende von Paul und Paula" ins Kino brachte, worin etwa alle zehn Minuten ein verkommener Altbau gesprengt wird, und wenn der Rauch sich legt, ist im Hintergrund schon ein keramikverkachelter Plattenbau emporgewachsen. Das müssen ambivalente Momente gewesen sein, Momente, da plötzlich nicht mehr klar war, ob man sich auf diese Zukunft freuen soll.

Mit Honeckers ehrgeizigem Wohnungsbauprogramm wurde die Platte dann endgültig zum architektonischen Symbol der freudlosen Beglückungspolitik der DDR - und als solches wurde sie dann zwangsläufig auch gelesen, als der Staat zusammengebrochen war: als gebaute Metapher einer Gesellschaft und dessen, wozu diese in der Folgezeit fähig war.

Zum zweiten Akt, der "Pogrom" heißen muß. Was zwischen dem 17. und 23. September 1991 in Hoyerswerda passierte, begann mit einem Streit zwischen Skins und vietnamesischen Zigarettenhändlern. Es verlagerte sich vor das Vertragsarbeiterwohnheim Albert-Schweitzer-Straße, die sogenannte "Polenwand", und es endete vor dem ganz ähnlich aussehenden Asylbewerberheim Thomas-Müntzer-Straße - mit Bildern von Normalbürgern, die herumjohlen vor einem brennenden Plattenbau, in dem sich wehrlose Menschen befinden, mit Bildern, die sich ein Jahr darauf in Rostock wiederholten, wo die Einsatzleiter wieder mit völliger Gleichgültigkeit reagierten: die Lage werde sich nach dem Wochenende schon von alleine beruhigen. Als ob für Arbeitslose Wochenende und Werktage noch eine Kategorie wären.

Reslawisierung als Hoffnung

Diese Bilder bestimmen seither bei vielen Leuten im Westen die Haltung zum Osten, und daß das keine sehr warmherzige ist, läßt sich irgendwie nachvollziehen. Selber schuld, möchte man da fast sagen. Auch deswegen, weil Hoyerswerda heute froh sein könnte, wenn wenigstens noch ein paar Ausländer dort wohnen wollten. So wie es aussieht, wäre nämlich eine Reslawisierung inzwischen fast die einzige Hoffnung für diese Gegenden, und die Pläne für eine Sonderwirtschaftszone im Osten fangen ja mit einer Slawisierung des Lohnniveaus schon mal an. Denn der dritte Akt spielt heute und heißt "Umbau Ost", was in der Regel ein Synonym ist für Abriß.

Hoyerswerda ist dabei wiederum ein Modellfall. Pessimistische Statistiker meinen, daß die Bevölkerung auf ein Viertel schrumpfen werde. Die Verbliebenen sahen sich im vergangenen Herbst mit einem "Kunstprojekt zur Erforschung urbanen Lebens in schrumpfenden Städten" konfrontiert, gefördert von der Bundeskulturstiftung. "Wir in Ostdeutschland dürfen nicht das Biotop, das Versuchsfeld der Westdeutschen werden", hieß es dazu allerdings aus Hoyerswerda von den Verbliebenen (F.A.Z. vom 2.10.2003). Deren Instinkte sind sicherlich nicht falsch: Wenn Künstler auftauchen, dann meistens, um die Todesurkunden für das wirkliche Leben zu unterschreiben. Andererseits können die Hoyerswerdaer froh sein, wenigstens als Versuchsfeld der Westdeutschen überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen.

Schrumpfende Städte

Die Bundeskulturstiftung versucht an den Kadavern des Ostens, Schrumpfungsprozesse zu studieren, die langfristig auch westdeutschen Städten wie Bremen vorausgesagt werden und mit denen das wachstumsgewöhnte Abendland nie gelernt hat, praktisch umzugehen. Die großen deutschen Architekturbüros tönen bis heute lieber von Bevölkerungsexplosionen und der Notwendigkeit, Hochhäuser zu bauen - und weichen deshalb im Moment auffällig häufig nach China aus. Ihre Lösungen sind sicherlich sehr prestigeträchtig, die Probleme, die sie damit lösen können, müssen sie allerdings weit außerhalb von Deutschland suchen. "Schrumpfende Städte" sind da ein weit undankbareres Betätigungsfeld.

Und in Hoyerswerda und anderswo sollten sie dankbar sein, daß sich unter diesem Titel ein internationales Architekturprojekt ein paar schlechtbezahlte Gedanken macht: Wie man ausgedünnte Stadtlandschaften wieder attraktiv machen könnte nach all den Jahren des alteuropäischen Verdichtungsparadigmas im Städtebau. Was für Konsequenzen die Dominanz der Rentner in den Städten haben wird, wenn die Jüngeren weiterhin abwandern. Oder wie man die allgegenwärtigen Tankstellen als soziale Knotenpunkte ernst nehmen und ausbauen könnte.

Alles wird platt

Allein schon das Nachdenken über so etwas, unabhängig davon, wie brauchbar die Ergebnisse sind, ist allemal sinnvoller als Depression und Selbstmitleid. Und ab September wird man sich diese Vorschläge in den Kunstwerken Berlin ansehen können. Noch besser wäre natürlich die Nationalgalerie, denn es ist, verdammt noch mal, ein nationales Problem. Es geht längst nicht mehr nur um DDR-Platten, die einem egal sein können, wenn man tief im Westen wohnt, sondern um den gesamtdeutschen Traditionsbestand aus den Jahrhunderten vorher: In Altenburg in Thüringen sind schon Häuser aus der Renaissance und dem Barock abgerissen worden, und wenn Görlitz auf der Kippe steht, dann trifft es ein östliches Heidelberg, mit Westgeld saniert, wunderschön, gähnend leer.

So etwas darf den Westdeutschen, die das bezahlt haben, nicht länger egal sein. Deshalb ist es am Ende eher hilfreich, daß jetzt endlich mal offen über das Geld und den Aufbau Ost geredet wird. Daß das Einheitsgelalle vorbei ist. Und sogar die oft beargwöhnte Tatsache, daß sich jetzt bei den Nachwachsenden eine trotzige Ostidentität verfestigt. Wenn junge Cottbusser nicht mehr wie vor kurzem noch alle nach Berlin rennen zum Studium, sondern, aus Trotz, lieber nach Dresden - dann könnte zwar eines Tages Cottbus in das Stadion passen, wo jetzt Energie spielt.

Aber dann ist wenigstens der FC Dynamo Dresden hoffentlich wieder da, wo er hingehört, in der ersten Liga.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.04.2004, Nr. 15 / Seite 23
Bildmaterial: Galerie Rothamel

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