Impressionismus in Berlin

Auf zur Parade der Augenschmeichler

Von Heinrich Wefing

Edgar Degas: Tänzerinnen (ca. 1890)

Edgar Degas: Tänzerinnen (ca. 1890)

31. Mai 2007 Wer dieser Tage in Berlin an der Neuen Nationalgalerie vorbeikommt, kann im Zentrum von Mies van der Rohes gläsernem Tempel eine mächtige Skulptur erahnen, die sich bei genauerem Hinsehen als Rodins „Bürger von Calais“ erweist. Es ist das erste von rund hundertfünfzig französischen Meisterwerken aus der Sammlung des New Yorker Metropolitan Museum of Art, die vom 1. Juni an für vier Monate in Berlin zu sehen sein werden.

Noch steht das bronzene Begrüßungskomitee, angereist aus dem texanischen Houston, einsam in der weiten Halle, umgeben nur von leerem Raum. Dabei wird es nicht bleiben. Bald wird sich die Galerie mit Besuchern füllen, mutmaßlich mit Massen von Besuchern. In die Hunderttausende gehen die Schätzungen, und sollten sich diesmal keine Schlangen um die Nationalgalerie wickeln wie bei der irrwitzig erfolgreichen MoMA-Schau vor drei Jahren, dann wird das wohl als Enttäuschung verstanden werden.

Versuch über die Planbarkeit des Erfolgs

Während die Berliner Avantgarde in diesem Sommer für ein paar Monate in die Ferne zieht - nach Hannover, auf die documenta, zur Skulpturenschau nach Münster, auf die Messe in Basel, zur Biennale nach Venedig -, wird sich die Hauptstadt bis Anfang Oktober ganz dem klassischen Kunstglück hingeben. Atemberaubend schöne Bilder kommen aus New York, weil deren Säle am Central Park gründlich renoviert werden müssen. „Niemals zuvor in der Geschichte des Metropolitan haben wir so viele unserer Schätze verliehen, von denen manche das Haus überhaupt zum ersten - und höchstwahrscheinlich auch zum letzten - Mal verlassen“, hat Philippe de Montebello, der selbstbewusste Direktor des Metropolitan, die Erwartung mächtig angeheizt. Feinste Augenschmeichler sind darunter, Lieblingsmotive und alte Bekannte - von Manet, Degas, Pissarro, Monet, Cézanne, Gauguin und Matisse. Wenn nicht die Erde bebt oder der Himmel einstürzt, kann die Ausstellung eigentlich gar nicht floppen. Die hundertfünfzig Franzosen, professionell in den Markt gedrückt wie eine neue boy group, werden die Massen so magnetisch anziehen wie ein Eisstand im Freibad bei dreißig Grad.

Tatsächlich ist die Veranstaltung vor allem ein Versuch über die Planbarkeit des Erfolgs von Kunstausstellungen: MoMA - die Zweite. Wahrscheinlich ist es müßig, über die Sinnhaftigkeit solcher Events nachzugrübeln. Sie funktionieren wie „Fluch der Karibik 3“ nach dem Gesetz der Serie - die Wiederholung eines Verkaufsschlagers, orchestriert mit allen Kniffen des Marketings. Schon seit Tagen ist Berlin mit riesigen Luftpostumschlägen tapeziert, die überall an Bushaltestellen und auf Werbetafeln herumhängen und für den Import aus New York trommeln. Weit mehr als tausend Plakate hat Berlins Reklamemogul Hans Wall spendiert, um die Impressionistenschau ins Bewusstsein der kunstverwöhnten Hauptstädter zu rücken. Offenbar mit guten Resultaten. Noch ist die Ausstellung nicht eröffnet, da dröhnen die Pressemitteilungen schon von „überwältigenden“ Erfolgen. Nach nur drei Tagen waren die zweitausend geplanten Führungen komplett ausverkauft, zudem gibt es schon jetzt eine ganze Reihe von Tagen, für die keine Karten mehr zu haben sind, nicht einmal VIP-Tickets für dreißig Euro, die einen „stressfreien und angenehmen Besuch“ garantieren sollen.

Der schnelle Erfolg verändert die Museen

Acht Millionen Euro kostet die Ausstellung, die vom Verein der Freunde der Nationalgalerie unter Führung des Kunstanwalts Peter Raue organisiert wird, allein eine Million fließt in die Werbung. In Houston, wo die Schau auf dem Weg nach Berlin Zwischenstation gemacht hat, kamen in dreizehn Wochen weit über vierhunderttausend Menschen. Die Berliner hoffen nun, bis zum 7. Oktober eine halbe Million Besucher anlocken zu können, denn dann schreiben sie schwarze Zahlen. Und das müssen sie. Nur ein möglichst satter Überschuss - bei der großen MoMa-Party waren es rund sechseinhalb Millionen Euro Gewinn - nämlich vermag die Ausstellung über die reine Schaulust hinaus auch kulturpolitisch zu rechtfertigen.

„Es steht zu befürchten, dass der schnelle Erfolg des Geldes die Museen verändern wird“, hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, zu dessen Reich auch die Neue Nationalgalerie gehört, unlängst in einer Polemik wider die milliardenschwere Kooperation des Pariser Louvre mit den Wüstenfürsten von Abu Dhabi warnend geschrieben. Dass derlei Befürchtungen kein trüber Kulturpessimismus sind - auch das hat 2004 die MoMA-Schau gezeigt. Geblendet vom Publikumsspektakel, kam seinerzeit der Bundespräsident höchstselbst auf den fabelhaften Gedanken, man möge doch eine „Best of Berlin“-Auswahl um die Welt schicken, angeführt von der Nofretete. Ein beklagenswertes Missverständnis über die Aufgabe der Museen, die eben nicht nur Schauhäuser für den schnellen Kunstgenuss sind, sondern vor allem Schutzräume und Forschungsinstitute für die ihnen anvertrauten Werke.

Bestseller subventioniert Lyrikband

Spektakuläre Leihgaben des internationalen Kunstzirkus seien deshalb auch nur dann akzeptabel, schrieb Lehmann weiter, wenn sie „neue Zusammenhänge aufzeigen, umfassende monographische Ausstellungen ermöglichen und vor allem auch wissenschaftliche Erkenntnisse befördern“. Gerade Letzteres wird man der Metropolitan-Schau nicht vorwerfen können. Zwar versprechen die Veranstalter, die Ausstellung werde dank einiger Künstler, die die amerikanischen Privatsammler der Jahrhundertwende höher schätzten als das Publikum heute, einen ungewohnten, originär amerikanischen Blick auf den französischen Impressionismus und Postimpressionismus erlauben. Aber das klingt angesichts des Schwerpunkts der Präsentation doch ein wenig nach kunsthistorischem Alibi. Nicht zufällig haben die Amerikaner die eigentlich naheliegende Idee, die exquisite New Yorker Auswahl einmal für vier Monate mit den wunderbaren Berliner Impressionisten zu einer einzigen, geradezu enzyklopädischen Gesamtkomposition ineinanderzuschieben, als gute Kaufleute energisch abgelehnt: „Met“ muss „Met“ bleiben, das Profil der eigenen Marke darf nicht durch Zugaben verwischt werden.

Deshalb präsentierten die Staatlichen Museen Berlin schon gut zehn Tage vor der Eröffnung der Metropolitan-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel ihre eigene Parallelschau, die zeigen soll, dass man auch in Berlin Impressionisten zu sammeln verstand, wenngleich mitunter mit anderen Blickachsen. So können auch die Staatlichen Museen im Sog des Megasellers ihre Schätze ins Licht rücken und darauf hoffen, vom Publikumsansturm genauso zu profitieren wie die Berliner Hotellerie - und wie die sperrige, die schwerer vermittelbare Kunst. Denn das ist das Versprechen der Metropolitan-Macher: mit den erhofften Überschüssen aus dem blockbuster wollen sie zeitgenössische Kunst für den Hamburger Bahnhof kaufen und auch schwierigere Ausstellungen bezahlen. Es ist das bewährte Prinzip der Querfinanzierung aus der Verlagsbranche - Bestseller subventioniert Lyrikband. Ein Prinzip, das auch dem Bundespräsidenten gefallen dürfte. Und ein hübscher Dreh, selbst die auf einen Riesenerfolg hoffen zu lassen, die von Riesenveranstaltungen wenig halten.

Text: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite 33
Bildmaterial: Metropolitan Museum of Art New York, The Metropolitan Museum of Art, New York

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