Volksparteien

Wozu noch CDU?

Von Professor Dr. Franz Walter

26. Februar 2008 Noch sind die Machtverhältnisse in der Republik aus Sicht des christlich-konservativen Parteienlagers in Ordnung. Die Union stellt derzeit die Bundeskanzlerin, den Bundesratspräsidenten, auch den Präsidenten des Deutschen Bundestages, selbst der Präsident des Bundesverfassungsgerichts ist auf ihren Vorschlag hin gewählt worden. Und noch werden elf der sechzehn Bundesländer von christlich-demokratischen Ministerpräsidenten regiert.

Noch. Denn schon bald könnte in Hessen eine wichtige Bastion fallen. Und in Hamburg wird die CDU die Macht wohl mit einem Koalitionspartner teilen müssen. Natürlich: Die Unionsparteien sind keineswegs aus dem Mehrheitszentrum der Republik verdrängt. Aber die Christlichen Demokraten haben sich doch weit von den Leitmilieus der neueren Bürgerlichkeit in Deutschland entfernt: In keiner anderen Qualifikationsgruppe steht die Union so schlecht da wie bei den sogenannten Hochgebildeten.

Das Bürgertum zerfällt

Mehr als ein Jahrhundert unterstützten die akademischen Eliten verlässlich zunächst liberale, dann konservative Parteien. Der säkulare Wechsel der politischen Einstellung in dieser Klasse kultureller Deuter, die den Zeitgeist prägt, ist eine der folgenreichsten Zäsuren in der Geschichte des deutschen Bürgertums. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass zunächst rot-grüne Mehrheiten entstanden und nun Rot-Rot-Grün eine (mindestens) arithmetische Majorität besitzt. Zugleich hat die politische Neuorientierung eines Teils des Bürgertums wesentlich zum Zerfall des altbürgerlichen Lagers beigetragen.

Auch die Landtagswahlen des Jahres 2008 sind von dem Zerfall des Bürgertums geprägt. In Hessen, Niedersachsen und Hamburg fiel die Distanz zur „bürgerlichen“ CDU in keiner anderen Gruppe derart signifikant groß aus wie bei den Wählern mit Abitur und Hochschulabschluss, vor allem bei solchen weiblichen Geschlechts. Da es sich hier um wesentliche Fermente der Wissensgesellschaft handelt, ist diese Entwicklung für die CDU sehr gefährlich.

In Hessen kam die Union unter den Wählerinnen im Alter von 18 bis 24 Jahren auf karge 24 Prozent; bei den 25 bis 44 Jahre alten Frauen waren es nur 32 Prozent. Selbst in Niedersachsen erreichte die CDU Christian Wulffs bei den Frauen zwischen 18 bis 59 Jahren durchweg Anteile von weniger als 40 Prozent. Unter den Wählern mit hoher Bildung schnitten die hessische wie die niedersächsische CDU weit schlechter ab als bei denen mit mittlerer oder niedriger Formalbildung: Die hessische Union kam bei den Bürgern mit Abitur auf lediglich 31 Prozent der Stimmen; die CDU von Christian Wulff lag in diesem Segment unter 40 Prozent. Auch Ole von Beust verzeichnete die geringsten Sympathiewerte bei Hamburgern mit Hochschulreife; dort erhielt die CDU lediglich 37 Prozent, während sie in der Wählerschaft mit Hauptschulabschluss 48 Prozent verbuchen konnte.

Beamte galten lange als staatstreu und konservativ und daher als Stammwähler der CDU. In dieser Berufsgruppe musste die hessische Union katastrophale Stimmenverluste hinnehmen. Nur 24 Prozent der Beamten gaben der konservativen Regierungspartei ihr Votum, 68 Prozent wählten Parteien links der Mitte.

Die neue Bildungselite steht mehrheitlich links

Bürgerlichkeit und politische Loyalität, gar eine Wahlentscheidung zugunsten einer bürgerlichen Partei fallen schon längst nicht mehr zusammen. Das haben nicht nur die konventionellen Wählerschichtungsanalysen der vergangenen Jahre zum Vorschein gebracht. Auch eher lebensweltlich angelegte Forschungen illustrieren das. Der höchste Anteil der Bessergebildeten vereint sich - so die Studien des Instituts „TNS-Infratest“ - in der Wertegruppe der sogenannten „kritischen Bildungselite“. Die Mitglieder dieses unzweifelhaft modernen, bürgerlichen Gesellschaftssegments sind beruflich mobil, urban und verfügen über das höchste Haushaltseinkommen in Deutschland - für CDU/CSU und FDP eine Diaspora mit lediglich jeweils 15 Prozent der Wähler. Die junge, besserverdienende, dabei kritische Bildungselite steht mehrheitlich links und oszilliert innerhalb dieses politischen Lagers zwischen SPD, Grünen und Linkspartei. Wer dieser Gruppe angehört, wird in der Infratest-Studie explizit als Teil der stilprägenden Kommunikatoren ausgewiesen, mithin als einer jener Leute, die Deutungen und Trends setzen.

Im Durchschnitt älter sind die Mitglieder des „engagierten Bürgertums“. Diese Formation bildet gewissermaßen das bürgergesellschaftliche Herz der Republik. Hier stößt man auf die meisten Verfechter der Demokratie, auf Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, auf Vorkämpfer einer solidarischen Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass der Anteil der Frauen in dieser Gruppe groß ist. Ebenfalls hier findet man etliche religiöse Menschen, die über eine formale Kirchenzugehörigkeit hinaus ihren Glauben praktizieren. Gleichwohl: Selbst in dieser Formation hegt nur eine Minderheit prinzipiell Sympathie für die CDU.

Die Arbeiterklasse war der CDU unheimlich

Gewissermaßen zum Ausgleich der Verluste im bürgerlichen Segment der Bevölkerung war die Union unter dem Eindruck der unpopulären Agenda 2010 von Bundeskanzler Schröder (SPD) überall in Deutschland zur Mehrheitspartei der Arbeiterklasse mutiert. Eigens geworben hatte die Union um die ungebildeten und hedonistisch disponierten jungen Männer der „underclass“ nicht. Sie waren ihr erkennbar fremd, ja unheimlich. So wusste die CDU seinerzeit nicht, wie sie mit den neu rekrutierten Wählern aus den gesellschaftlichen Kellergeschossen umgehen sollte. Sie entwickelte aber auch keine Strategie, um dieses fraglos schwierige Wählersegment zu halten.

Aufgelöst hatten sich mittlerweile auch die sozialkatholischen Lebenswelten und Männerbünde von ehedem. Auch der konservativ-deutschnationale Patronismus und Solidarprotektionismus, der einst in der protestantischen Provinz tief verwurzelt war, ist längst aus dem Binnenraum und dem Selbstverständnis der Union verschwunden. Die neue, junge Parteielite der Union ist seit den neunziger Jahren bürgerlicher denn je. Am Ende haben sich die beiden neuen Seiten der CDU - die soziale Unterschichtung der Wählerschaft hier, die liberal-individualistische Verbürgerlichung der Parteikerne dort - zu keinem Zeitpunkt zusammengefügt. Und so machte sich der größte Teil des Subproletariats wieder auf und davon - viele davon schnurstracks zur Linkspartei. Bei den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen erlitt die CDU in der Gruppe der Arbeiter Einbußen von knapp zehn Prozentpunkten, in der Gruppe der Arbeitslosen gar von fast 20 Punkten, in Hamburg immerhin noch von 11 Prozentpunkten.

Loyalität gegenüber der Union, die starken Belastungen standhalten könnte, gibt es nur noch in den von Milieuforschern so bezeichneten „traditionsverwurzelten Lebenswelten“. Nur hier erreicht die CDU weiterhin Zustimmungsraten von mindestens 50, teilweise mehr als 60 Prozent. Allerdings ist die Furcht vor Veränderungen und Wandel nirgends so massiv wie in diesen Stammquartieren der Union, gleichviel ob es sich um Veränderungen auf dem Gebiet der Technik, der Politik oder der Wirtschaft handelt.

Ältere halten der Union die Treue

Sicherheit in den eigenen vier Wänden und staatlicher Schutz vor Altersarmut - das sind die mentalen Fundamente dieser treuesten der treuen Unionswähler. Die meisten von ihnen sind älter als 60 Jahre, darunter etliche alleinstehende Frauen und Witwen. Gerade diese ältere Klientel hatte nie eine Passion für schneidige Ermahnungen zur Eigenverantwortung bei Gesundheit und Rente. Radikale Deregulierer und forsche Wettbewerbsapostel findet man hier nicht. Statt dessen ist man für einen fürsorgenden, sich kümmernden Staat.

Dennoch wählten sie auch im Jahr 2005 trotz aller lärmenden Reformpostulate ihre traditionelle Partei, die Christlich-Demokratische Union. Ebendas war über viele Jahrzehnte das Erfolgselixier der CDU: eine geschmeidige Elastizität, aber immer abhängig von den festen Wurzeln, die sie in den katholischen und konservativen Lebenswelten besaß. Die Loyalität der Traditionskompanien flankierte und sicherte damit den politischen Spielraum der christlich-demokratischen Führungsmannschaften. Die Autorität der Kirchen war die Quelle für diese Loyalität. Der gemeinsame Glaube wiederum verband verschiedene soziale Schichten und Generationen und trug damit maßgeblich zu der gesellschaftlichen Integration bei, von der die Union als Volkspartei nur zehrte - die sie aber, wie seit Jahren gut zu erkennen ist, nicht selbst bewirkte und als mittlerweile säkularisierte liberale Zweckgemeinschaft erst recht nicht zu bewirken vermag.

Mehr noch: Der neuliberale Einstellungswechsel in der CDU und dem gewerblichen Bürgertum brachte die altkonservativen Fundamente schon in den letzten Jahren der Ära Kohl ins Wanken.

Die CDU wird zwar immer noch häufig als konservative Partei bezeichnet. Dabei sind sich die Christdemokraten selbst gar nicht sicher, ob sie wirklich noch konservativ sind, ja es sein wollen. Vor allem können sie weder sich selbst noch anderen plausibel erklären, was denn eigentlich im Jahr 2008 Schlüsselvorstellungen und Leitideen des Konservatismus sind.

Lesen Sie hier weiter: Parteienforscher Franz Walter: Wozu noch CDU? Teil 2

Professor Dr. Franz Walter lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche