CSU-Sonderparteitag

Hin zu Gott und den Menschen

Von Timo Frasch, München

Horst Seehofer wurde zum neuen Parteivorsitzenden der CSU gewählt

Horst Seehofer wurde zum neuen Parteivorsitzenden der CSU gewählt

26. Oktober 2008 Die Abwendung von den Menschen, die am Samstag beim Parteitag der CSU immer wieder als Hauptursache für das Wahldesaster genannt wird, kommt für manchen der Delegierten einer Abkehr von Gott gleich. Die Abgehobenheit, die Intrigen und Ränke der vergangenen Monate hätten nichts mit den christlichen Werten zu tun, die sich die CSU in ihren Namen geschrieben habe - so lautet der Vorwurf oder die Selbsterkenntnis mehrerer Redner.

Noch vor ein paar Wochen, beim Gedenkgottesdienst für Franz Josef Strauß, hatte die erste Reihe der CSU gemeinsam die Hände zum Gebet gefaltet und sich in Demut geübt. Es hatte nichts genutzt: Zumindest gegen eines der Zehn Gebote haben einige bis zum Parteitag schon wieder verstoßen: Du sollst nicht nach dem Amt deines Nächsten trachten.

Zu viele Marthas - und keine einzige Maria

Günther Beckstein und Erwin Huber auf dem Sonderparteitag der CSU

Günther Beckstein und Erwin Huber auf dem Sonderparteitag der CSU

Ein Geistlicher Rat, der am Samstag die Delegierten auf den Parteitag einstimmt, versucht es mit dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 10. Darin ist die Rede von zwei Schwestern, bei denen Jesus zu Gast ist. Die eine, Martha, der offenbar das Haus gehört, macht und tut, damit es Jesus an nichts fehle. Die andere, Maria, sitzt ihm zu Füßen und hängt an seinen Lippen. Als die fleißige Martha das sieht, fängt sie an, gegen ihre Schwester zu intrigieren. Auch die solle doch mit anpacken, sagt sie zu Jesus. Der aber sagt: „Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe; eines aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Der Geistliche Rat vermeidet es in seiner Auslegung der Bibelstelle, allzu deutliche Analogien zur CSU-Familie herzustellen. Den Delegierten in der Messehalle C 1 muss aber doch klar sein: Der Menschensohn, der bei Martha und Maria zu Gast ist, das sind wir, das sind die Menschen, von denen sich die CSU nach eigener Analyse abgewandt hat, um nach allem Möglichen zu schauen, nur nicht nach dem Eigentlichen. Was der Geistliche Rat noch andeutet: In der CSU gab es in der jüngeren Vergangenheit zu viele Marthas - und keine einzige Maria.

„Ich weiß, dass ich nicht der Allerhöchste bin“

Erwin Huber, der am Samstagmorgen als einer der Letzten in den Saal huscht und bei der Vorstellung nur verhalten begrüßt wird, war so eine Martha. Auch heute, drei Tage nach seinem Rücktritt als bayerischer Finanzminister, käme niemand auf die Idee, ihm vorzuwerfen, dass er nicht fleißig genug gewesen sei. Der zu diesem Zeitpunkt noch künftige Vorsitzende Horst Seehofer lobt ihn gar als wandelndes Finanzlexikon, das bei den tags zuvor abgeschlossenen Koalitionsverhandlungen ganz wichtig gewesen sei. Dennoch muss Huber sich und den Delegierten eingestehen, dass er, wie er selbst sagt, die Erwartungen der Freundinnen und Freunde „nicht voll erfüllt“ und, wie er nicht selbst sagt, vor lauter Machen und Tun irgendwie ganz vergessen hatte, worum es eigentlich geht: dass sich die Menschen bei der CSU zu Hause fühlen.

Auch Günther Beckstein war in seinem politischen Leben mehr Martha als Maria. Die Innere Sicherheit, seine Herzenssache, entspricht auf privater Haushaltsebene dem regelmäßigen Staubwischen und dem Anbringen von Bewegungsmeldern. Mehrere, vor allem Huber, danken ihm für seinen unermüdlichen Einsatz „bis an die äußersten Grenzen der körperlichen Belastbarkeit“. Die Halle jubelt, sodass Beckstein, der noch im Wahlkampf so krampfhaft kontrolliert wirkte, mehrmals aufsteht und über all das fast weinen muss, wie jemand, der weint, weil er weiß, dass es trotz allem nicht mehr geht. Am meisten Zuspruch erhält Beckstein aus den Reihen der mittelfränkischen, seiner Delegierten, die auf dem Parteitag keinen Zweifel daran lassen, dass sie den weiteren Weg gerne mit ihrem Günther gegangen wären und sich nur in den Ingolstädter Audi Horst Seehofers setzen, weil dieser verspricht, sie schneller ans Ziel zu bringen.

Seehofer wird denn auch nur zurückhaltend begrüßt - so dass man kurzzeitig Angst haben muss, er würde die 90 Prozent, die erwartet wurden und mit denen er schließlich auch zum Parteivorsitzenden gewählt wird, doch nicht bekommen. Beckstein hatte ihm vor der Wahl ein „glückliches Händchen“ gewünscht und ihm eine Botschaft mitgegeben: „Ich weiß, dass ich nicht der Allerhöchste bin, aber dem Allerhöchsten verantwortlich. Niemand darf sich verabsolutieren. Das ist mir wichtig.“

Zitiert wird vor allem Franz Josef Strauß

Edmund Stoiber musste klar sein, dass auch er damit gemeint ist. Es ist noch gar nicht lange her, da war er im CSU-Haus der hochgeschätzte Gast, den die einen umsorgten und dem die anderen nicht von der Seite wichen. Parteitage waren damals mehr Gottesdienste als Delegiertenversammlungen. Damit soll nun Schluss sein. Seehofer wird in seiner Rede sagen, Politik dürfe „keine Selbsterhöhung der Politiker“ sein. Und Huber fordert, auf Parteitagen, „die wir früher als Hochämter begangen haben“, solle künftig gearbeitet werden. Die Politiker müssten begreifen, dass ihnen die Macht nur auf Zeit anvertraut sei. Es klingt ein bisschen nach: Wir sind nur Gast auf Erden.

Stoiber lässt alles über sich ergehen: dass er bei der Vorstellung von manchen ausgebuht wird und dass der Einzige, der ihn wirklich verteidigt, ein Delegierter aus Bamberg ist, dem am liebsten wäre, er lebte in einem unabhängigen Bayern mit einem „Imperator“ Stoiber. Ansonsten scheint die Parteibasis vergessen zu haben, dass sie Stoiber einen ausgeglichenen Haushalt, beste Wahlergebnisse und hervorragende Arbeitsmarktzahlen verdankt.

Aber das ist an diesem Tag nicht mehr als Krämerei. „Politik ist nicht nur, was man zählen kann“, wird Seehofer sagen. Zahlen sind die Sache Marthas. Wo aber bleibt Maria, wo die „brennenden Herzen“, die sich Seehofer wünscht? In Stoibers Brust werden sie jedenfalls nicht mehr vermutet. Nur am Rande wird sein Name noch erwähnt, zitiert wird an diesem Tag vor allem Franz Josef Strauß - gerade so, als hätte der eine ausschließlich Aktenvermerke und der andere nur politische Poesie hinterlassen.

Missionar im Dienst der Menschen

Gegen 13 Uhr kommt endlich jemand auf die Bühne, der aussieht wie Maria. Es ist Horst Seehofer. In den Wochen vor der Wahl hatte er abermals gezeigt, dass er ihre Rolle beherrscht: dem Wahlvolk an den Lippen hängen, wenig sagen, die anderen so lange vor sich hin arbeiten lassen, dass sie schließlich für ihn arbeiten, ohne es selbst zu merken. Schon morgens, vor allen anderen, hatte Seehofer den Saal betreten. An die Menschen kam er so noch nicht ganz heran, weil sich schon die Journalisten in seinem langen Schatten sonnten.

Seehofer weiß, wo seine Schwachstellen liegen - die Marias mögen bei den Wählern beliebt sein, bei den Marthas sind sie es nicht. Ob seine Frau auch komme, will einer wissen, der um die neuen Gerüchte über den Zustand von Seehofers Ehe weiß. Sie werde am Montag da sein, sagt Seehofer lächelnd. Aber wahrscheinlich komme sein Sohn - wenn er nicht erst in der Früh heimgekommen sei. Dann kämpft sich doch noch ein Mensch zu Seehofer durch - begrüßt jedoch erst einen Journalisten, der neben Seehofer steht. Seehofer schmunzelt und sagt, der Journalist sei wohl bekannter als er selbst, das mache ihn schon wieder neidisch.

Ein paar Stunden später hält er dann seine Rede. Es ist klar, worauf er hinaus will: Die Politik müsse wieder für die Menschen da sein, nicht die Menschen für die Politik. Bei der Erbschaftsteuer oder beim Nichtraucherschutz müsse es darum gehen, den Menschen zu helfen, nicht darum, sie zu schikanieren. Das bedeute auch, dass sich die Landespolitik nicht im Kleinklein verheddern dürfe, sondern sich ums große Ganze zu kümmern habe. Schon in Kürze wolle er als Missionar im Dienst der Menschen und seiner Partei die Lande bereisen - um die vom Glauben Abgefallenen und die häretischen Bezirksverbände zu bekehren.

Als er schließlich gewählt ist, sagt Seehofer: Wichtig sei jetzt vor allem, dass nicht mehr so viel geredet werde. Er will erstmal zuhören. So wie Maria.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
21.12.2009 | 17:45
Dax 5.930,53
+1,70 %
 
        Vortag
Tops in %
Infineon +3,91%
Siemens +2,79%
BAYER AG NA +2,79%
   
Flops in %
BMW −0,41%
FMC −0,61%
Volkswagen −3,04%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche