Landtagswahlkampf in Bayern

Hubers Wege führen über Tittenkofen

Von Albert Schäffer

Auf seiner Wahlkampftour wirft sich Erwin Huber mächtig ins Zeug - auch in der Provinz

Auf seiner Wahlkampftour wirft sich Erwin Huber mächtig ins Zeug - auch in der Provinz

10. September 2008 Es ist ein regnerischer Morgen in Tittenkofen, einem kleinen Dorf nicht weit vom Münchner Flughafen entfernt - und noch stehen Erwin Huber und Günther Beckstein einmütig unter einem Dach. Beide selbstverständlich überlebensgroß - und beide selbstverständlich trotz der frühen Stunde mit pflichtgemäß optimistischem Blick. Dann erwacht Huber zum Leben und verlässt unter vernehmlichem Tuten im Rückwärtsgang die Garage.

Genau genommen ist es der Wahlkampfbus des CSU-Vorsitzenden, der sich so deutlich bemerkbar macht, mit großformatigen Konterfeis Hubers und dicken Lettern auf der Karosserie. Doch wo Huber draufsteht, ist meist auch Huber drin. Unermüdlich fährt er durch Bayern, als würden am 28. September nicht Wählerstimmen, sondern die zurückgelegten Wahlkampfkilometer entscheiden. Huber ist der fliegende Holländer der CSU, auch wenn ihm nicht die Weltmeere, sondern Bayern zum Schicksal bestimmt ist.

„Hier ist Huber“

CSU-Vorsitzender Huber und Ministerpräsident Beckstein auf Wahlkampftour in Bayern

CSU-Vorsitzender Huber und Ministerpräsident Beckstein auf Wahlkampftour in Bayern

Es wird ein typischer Tag im gegenwärtigen Leben des Erwin Huber werden: Er beschränkt sich im Wahlkampf nicht auf Großkundgebungen, sondern nimmt unzählige kleine Veranstaltungen wahr, als gelte es, jedem bayerischen Wähler persönlich zu begegnen und ihn von der CSU zu überzeugen. Denn das ist die größte Sorge der CSU knapp drei Wochen vor der Wahl: dass es ihr nicht gelingen könnte, ihre Anhänger in ausreichender Zahl zu mobilisieren - anders als ihre Konkurrenten im bürgerlichen Spektrum, die FDP und die Freien Wähler.

Und so ackert Huber wie ein Bewerber der Jungen Union, der zum ersten Mal in einem Stimmkreis antritt - mit dem Unterschied, dass Hubers Stimmkreis ganz Bayern ist. Und für ihn gibt es nicht einmal während der Fahrzeiten von einem Veranstaltungsort zum nächsten Erholungspausen. Jede Minute wird genutzt, um „O-Töne“ und „Statements“, das Kerosin der Mediengesellschaft, zu produzieren. Hubers mobile Wahlkampfmaschinerie arbeitet im Bus immerzu auf Hochtouren; Mitarbeiter legen letzte Hand an Vorbereitungsmappen, werten Agenturmeldungen aus, verabreden Interviews - auf dass ihr Chef sich alsbald an seinem Mobiltelefon mit der schönen Formulierung „Hier ist Huber“ bei einem Sender oder einer Redaktion melden kann. Klar, es gibt nur einen Huber in Bayern, zumindest bis zum 28. September.

Der Huber-Winkel beschert ihm eine vorzügliche B-Note

An diesem Tag heißt Hubers erstes Ziel Moosburg an der Isar. Im Zehentstadel steht ein Frühschoppen mit Mittelständlern auf dem Programm; es ist ein Publikum mit dunkel gewandeten Herren und Damen im Festtagsdirndl, die nicht den Eindruck erwecken, für die CSU missioniert werden zu müssen. Doch Huber absolviert seinen Auftritt mit einer Energie und Konzentration, als gehe es darum, einer Eskimoversammlung in Grönland zu erläutern, was sich eigentlich hinter dem Kürzel CSU verbirgt.

Es ist viel über Hubers Worte gelächelt worden, dass der Wahlkampf ein politischer Feldzug sein müsse. Zumindest er selbst aber nimmt sie bitterernst, auch im Freundesland. Schon seine Körpersprache lässt keinen Zweifel, dass hier mit größtem Einsatz gekämpft wird: Er nimmt, als er das Wort ergreift, sofort den legendären Huber-Winkel ein - beide Arme zum Rednerpult ausgestreckt, exakt neunzig Grad, dazu die Beine gestreckt, auf Zehenspitzen stehend. Zumindest Hubers B-Note ist in diesem Wahlkampf bestens.

„So sind wir Schwarzen - heiraten den Roten die Töchter weg“

Er beherzigt auch, was er an der Seite Edmund Stoibers, als er dessen Verwaltungsreform durchboxte, zuweilen aus dem Blick verloren hatte: dass in der Politik Ratio ohne Emotio nicht zum Erfolg führt. Und so referiert er vor den Mittelständlern nicht nur über die Forderungen der CSU bei der Reform der Erbschaftsteuer, sondern lässt gleich am Anfang wissen, warum er sich als Finanzminister im Moosburger Zehentstadel so wohl fühlt: Dort wurde früher der Zehent, der zehnte Teil der Ernte, gesammelt, den die Bauern an die Kirche abführen mussten.

In Bayern sicher unumstritten

In Bayern sicher unumstritten

Und bevor einer der Zuhörer auf den verführerischen Gedanken einer Flat Tax mit einem Satz von zehn Prozent verfallen kann, ist Huber schon auf einem anderen biographischen Schauplatz. Er habe die Tochter eines Zimmermeisters geheiratet, kenne also die Nöte des Handwerks aus erster Hand, erzählt er. Übrigens sei sein Schwiegervater ein Sozialdemokrat gewesen: „So sind wir Schwarzen - wir heiraten den Roten die Töchter weg.“

Seine Waffe: Spitzbübischer Humor

Den spitzbübischen Humor, den Huber im persönlichen Gespräch schon immer aufblitzen ließ, hat er spät, vielleicht nicht zu spät als politische Waffe entdeckt. Doch zuweilen kommt ihm immer noch sein blitzschneller Verstand in die Quere, der es schlecht ertragen kann, wenn andere nicht sogleich folgen können oder wollen. Als sich bei ihm ein Moosburger Gastronom beschwert, dass für eine gegrillte Schweinshaxe, die ein Metzger als Imbiss verkauft, nur sieben Prozent Mehrwertsteuer fällig seien, während die gleiche Haxe in seinem Restaurant mit neunzehn Prozent zu Buche schlage, erwacht sofort der Steuerinspektor Huber, der seine Ausbildung als Jahrgangsbester abgeschlossen hat.

Bayern ist Hubers Ein und Alles

Bayern ist Hubers Ein und Alles

Detailliert erläutert er die „Mehrwertsteuerkiste“ - hier der herabgesetzte Satz für lebensnotwendige Lebensmittel, dort der volle Satz für Restaurantbesuche, die zum Fortbestand des Homo sapiens nicht unbedingt notwendig sind - und setzt dann ein mürrisches Gesicht auf, als der Gastwirt trotz dieser Belehrung immer noch nicht die höhere Weisheit im deutschen Steuerrecht einzusehen vermag.

Er gibt vor, was die CSU zu sagen hat

An seinem mobilen Arbeitsplatz, im Wahlkampfbus, warten nach Moosburg aber schon andere Herausforderungen auf Huber, haben seine Mitarbeiter an diesem Tag, dem schwarzen Sonntag des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, doch frühzeitig Witterung aufgenommen. Für den Augenblick ist die alte Kulturlandschaft der Hallertau - mit dem Hopfenanbau ein Garten Eden für Biertrinker in der ganzen Welt -, durch die der Bus gleitet, für Huber weit, ganz weit weg.

Stattdessen diktiert „Hier ist Huber“ ins Mobiltelefon, was seine Partei von dem Manöver „Tausche einen Beck gegen Steinmeier und Müntefering“ hält: Zustand der SPD bleibe trostlos, Verhältnis zur Linkspartei weiter ungeklärt, Beck an der eigenen Partei gescheitert. Huber gibt vor, was an diesem und den folgenden Tagen noch viele kleine und große CSU-Matadore verkünden werden. An einer Straße die der Bus passiert, sind Plakate der SPD und der Linkspartei zu sehen; aber solche Stimulanzien braucht „Hier ist Huber“ nicht, um Ordnung im Interpretationskosmos der CSU zu schaffen.

Sozialdemokrat im Undercover-Einsatz

Die Höhen der Bundespolitik enden jäh in Au in der Hallertau, einer Gemeinde im Herzen des Hopfenlandes, deren Bürger durch den Durchgangsverkehr auf der Bundesstraße 301 geplagt werden, die von Huber wissen wollen, warum es mit dem Bau einer Ortsumgehung nicht vorangeht. Wer Huber im Sitzungssaal des Rathauses um Erklärungen ringen sieht, könnte auf den Gedanken kommen, dass in der CSU-Wahlkampfzentrale ein Sozialdemokrat im Undercover-Einsatz wirken muss. Denn eines hat Huber in seinem ansonsten perfekt ausgestatteten Wahlkampfbus - von Sonnencreme mit dem CSU-Emblem und der Verheißung „Damit Sie uns nicht rot werden“ bis zu Bonbonpackungen mit dem Konterfei des Vorsitzenden - nicht vorrätig: eine Finanzierungszusage des Bundes.

Ihm bleibt nur ein biographischer Fluchtweg, indem er wissen lässt, wie groß sein Verständnis für den Auer Wunsch nach einer Verkehrsentlastung ist. In seiner Heimatgemeinde Reisbach „kämpfen wir seit vielen Jahren für die Umgehungsstraße“. Die Botschaft, dass nicht einmal ein veritabler bayerischer Staatsminister und CSU-Vorsitzender einfach auf eine Landkarte deuten und das Zauberwort „Fiat Umgehungsstraße“ sprechen kann, tröstet nicht alle Zuhörer im Sitzungssaal - aber da ist Huber längst schon „on the road again“ nach Osseltshausen, zum Hof eines Hopfenbauern.

Er legt sich ins Zeug, als ob es die Abschlusskundgebung wäre

Dort warten auf Huber gleich mehrere mediale Herausforderungen. Zunächst gilt es für ihn, trotz seines wie immer tadellosen schwarzen Anzugs für die Fotografen eine Hopfenpflückmaschine zu bedienen; Arbeitshandschuhe sind vorbereitet, auch wenn sie farblich nicht zu Hubers rotem Einstecktuch passen. Zur Auflockerung erzählt er, bevor er Hand anlegt, dass er als Bub seine Mutter begleitet habe, die als Hopfenpflückerin das karge Familieneinkommen aufgebessert habe - und dass die Bauern zu dem kleinen Erwin durchaus nett gewesen seien: Bestens sei er verköstigt worden. Nach der Arbeit an der eigenen Biographie und der Pflückmaschine gibt es selbstverständlich keine Ruhezeit für den Wahlkämpfer.

In strömendem Regen steht er im Geviert des Hofes und kommentiert vor laufenden Kameras den Sturz Kurt Becks. Und danach geht es schnurstracks zu einem Bürgergespräch im „Holledauer Wirtshaus“. Auch wenn dort einige Tische leer geblieben sind, legt sich Huber wieder mit einer Verve ins Zeug, als stünde er schon auf der Abschlusskundgebung der CSU auf dem Münchner Marienplatz mit der Kanzlerin Merkel an seiner Seite. Aber bis dahin muss Huber noch viele Wege meistern - und sie führen immer über den Zentralort der CSU in diesem Wahlkampf, über Tittenkofen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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