27. Januar 2008 Koch ist weg, Koch ist weg“, hallt es kurz nach den ersten Prognosen um 18 Uhr durch das verrauchte Foyer im Konrad-Adenauerhaus. Oben im Präsidiumszimmer sitzen CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder und Präsidiumsmitglied Friedbert Pflüger beieinander. Angela Merkel wird in der Anwesenheitsliste in der Parteizentrale unter Absagen“ geführt.
Unten läuft im Fernsehen live das Siegesgrölen hessischer SPD-Anhänger. Pofalla schreitet zwanzig Minuten nachdem die Hochrechnungen das Desaster der hessischen CDU verkündeten auf die Bühne. Noch sei alles offen“ in Hessen, sagt er und gratuliert dem niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff. Schon am Nachmittag hatten Wahlforscher den Führenden der CDU per SMS bestätigt: Wahlsieg in Niedersachsen, Wulff kann seine Regierung mit der FDP fortsetzen. Aber was ist mit Roland Koch?

Es wird nicht leichter für Frau Merkel: Die Wege der „Andenpaktbrüder” Koch und Wulff haben sich getrennt
Am Mittwoch noch gab sich die Bundeskanzlerin bester Dinge, dass sich Koch an der Macht halten werde in Hessen. Vor der Kabinettsrunde trafen sich wie üblich die Unionsminister zur Vorbesprechung im Bundeskanzleramt und sprachen vor allem über Hessen. Verteidigungsminister Jung, der Koch früher als Generalsekretär diente, entrollte für die Kanzlerin das jüngste Plakat: Gute Nachricht für Hessen“, stand dort. 100.000 Jobs. Nur mit uns!“
Frau Merkel bemüht sich um keinerlei Distanz zu Koch
Also nicht Jugendkriminalität, sondern Arbeitsplätze und Wirtschaft sollten die Schlusskampagne thematisch beherrschen. Angela Merkel und die anderen gaben sich erleichtert, teilten Jungs Zuversicht. Die abstürzenden Kurse an der Börse könnten die ausgemachte politische Wechselstimmung trüben. Diese Plakate müssten nun aber noch landesweit geklebt werden, wurde dem Hessen Jung dringend geraten.
Dabei hat Frau Merkel Kochs Streitthema Jugendkriminalität nie öffentlich abgelehnt. Im Berliner Adenauer-Haus galt seit langem als notwendig, dass die CDU ihr ureigenes Feld der inneren Sicherheit bestellen muss, wenn sie an Wahltagen ernten will. Freiheit und Sicherheit“ hätte beinahe das neue Grundsatzprogramm heißen sollen – frei und sicher leben in der Chancengesellschaft“, ist eine Kernphrase der Parteivorsitzenden. Frau Merkel gab sich alle Mühe, keinerlei Distanz zu Koch und seinem Wahlkampf erkennen zu lassen.
Wulff fiel Koch in den Rücken
Pofalla sagt nun, das Thema innere Sicherheit sei der CDU nach wie vor wichtig, es gehöre zur Kernkompetenz“. Im Nachsatz tadelt er Koch. Es sei wohl nicht gelungen“, dieses Thema zu transportieren, nicht zuletzt, weil es zu einem Wahlkampfthema gemacht worden sei. Damit wiederholt Pofalla, was Koch seit Wochen vorgeworfen wird – allerdings von seinen erklärten Gegnern.
Eine Wende im Verhalten der führenden CDU-Politiker trat ein, nachdem Koch sich in einem Interview zur möglichen Anwendung des Jugendstrafrechts für Kriminelle äußerte, die jünger als 14 Jahre sind. Einzig Wulff, wie Koch stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender, fiel Koch öffentlich in den Rücken. Bevor der Hesse selbst seine Aussage als zu kompliziert verwarf, hatte der Niedersachse sie schon für sich genutzt – mit dem empört klingenden Satz: Kinder sind Kinder.“ In diesen Zwist der Andenpaktbrüder griff Frau Merkel nicht schlichtend ein. Tiefes Vertrauen hat sie weder zu Wulff noch zu Koch gefasst. Beide, glaubt die Kanzlerin zu wissen, hielten jeweils sich selbst für den besten Bundeskanzler und warteten nur auf ihre Gelegenheit.
Wechsel in die Wirtschaft?
Wulff, über den im Adenauer-Haus gespottet wird, er schaue täglich auf seinen Beliebtheitswert wie andere auf die Waage, hält sie für eitel und damit für bedingt gefährlich. Koch hingegen achtet sie durchaus als klugen wie scharfen Denker. Vor allem seinetwegen dürfe ihr kein Fehler als Parteiführerin unterlaufen, heißt es bei Getreuen. Eine Abwahl Kochs jedoch sei deshalb nicht im Sinne der CDU-Vorsitzenden, sagen Vertraute. Denn dann fehlte nicht nur jemand, der den bisher von Frau Merkel nicht wirklich umsorgten konservativen Parteiflügel bedienen könnte. Sondern es fehlte auch der Machtstratege, der durch seine eigenen Ambitionen Wulff auf der einen und Jürgen Rüttgers auf der anderen Seite im Zaum halten könnte.
Könnte Koch nun, wenn er in Hessen keine Zukunft hat und sieht, für Jung ins Bundeskabinett gehen? Er könne etwa das Wirtschaftsressort von Glos erben, wird spekuliert, der dann wiederum die Verteidigung übernähme. Jung würde dann der starke Mann in Hessen werden. Glos kommt noch am Wahlabend ins Adenauer-Haus, was Gerüchte dieser Art beflügelt. Aber enge Freunde Kochs kolportieren in Richtung Berlin, er wolle nicht auf die Gnade der Bundeskanzlerin angewiesen sein. Eher gehe er in die Wirtschaft. Es wird nicht leicht für Frau Merkel – so oder so.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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