Von Albert Schäffer, Passau
06. Februar 2008 Als Partei der großen Wiederkehr hat sich die CSU auf ihrem Politischen Aschermittwoch in Passau bewährt. Unter dem üblichen heftigen Beifall zog Edmund Stoiber in die Dreiländerhalle in Passau ein – und nur musikalisch versierte Ohren mochten ein wenig irritiert sein, dass die Kapelle statt des Bayerischen Defiliermarschs den Von-der-Tann-Marsch anstimmte.
Ein strahlender Stoiber, Edmund, Edmund!“-Rufe“ und begeisterte Gesichter an den Biertischen über das Glück, dass der Heros der Partei zum Greifen nahe war – es war ganz die gute alte Aschermittwochswelt der CSU, die sich in gewohnter Fülle entfaltete. Sie wurde nur ein wenig erschüttert, als kurze Zeit später doch noch Stoibers Nachfolger, Ministerpräsident Beckstein, und der Parteivorsitzende Huber, in den Saal einmarschierten, unter den protokollarisch angemessenen Klängen des Defiliermarschs.
Auch Strauß ist präsent
Stoiber, der in seinem zweiten politischen Leben als CSU-Ehrenvorsitzender noch für manche Überraschung gut sein könnte, war nicht der einzige große Wiedergänger an diesem Aschermittwoch. Auch Franz Josef Strauß, dessen Erbe in den vergangenen Jahren oft nur noch protokollarisch pflichtgemäß erwähnt wurde, war in einer Weise präsent, die mehr über die Befindlichkeit der CSU aussagt als dickleibige Untersuchungen – nach den Turbulenzen des Sturzes von Stoiber im vergangenen Jahr überlagert das Ruhebedürfnis alle anderen politischen Triebe. Immer wieder rekurrierten Beckstein und Huber in ihren Reden auf Strauß, dessen Todestag sich im Oktober zum zwanzigsten Mal jährt. Beckstein erinnerte an Straußens rhetorische Kraft, Huber an den Kampf seines Mentors, der ihn zum Generalsekretär bestimmt hatte, gegen Sozialismus und Kommunismus – und beide lobten immer wieder Stoibers Leistungen als Ministerpräsident. So viel Strauß, so viel Stoiber war schon lange nicht mehr in der CSU.
Die Zuhörer konnten, wenn sie nicht allzu sehr durch die wechselnden Pegelstände in ihren Bierkrügen gebannt waren, eine Inszenierung erleben, die nicht nur Dialektiker erfreuen konnte: Wie sich Beckstein und Huber erhöhten, in dem sie sich erniedrigten.
Kluge Berater
Was hatten sie vor dem Aschermittwoch nicht alles in ihren Pressemappen lesen müssen – welch wankende Gestalten einer Übergangszeit in der CSU sie seien, wie sehr das Gewicht der Partei in Berlin gelitten habe, wie der Abstieg zur Regionalpartei unter ihrem Duumvirat unumgänglich sei. Welcher ihrer Berater auch empfohlen hatte, sie sollten am Aschermittwoch nicht versuchen, diese Etiketten abzuschütteln, sondern sie selbst so vergrößern, dass ihre Qualität ins Dekorative umschlagen musste – er sollte mindestens sechs Besoldungsstufen hinaufbefördert werden.
Gleich zu Beginn seiner Rede ließ Beckstein wissen, welch genialer Rhetor Strauß doch gewesen sei; er selbst sei eben ein nüchterner Mensch. So eingestimmt, konnte sich niemand beklagen, dass Beckstein alle farbigen Wortspiele, die seine Redenschreiber für die allfälligen Attacken auf die SPD und die Linkspartei ersonnen hatten, in der gleichen Tonlage vortrug, mit der er die Vorzüge des Transrapids als besonders schnelles und leises Verkehrsmittel schilderte. Schließlich konnte sich jeder Zuhörer selbst ausmalen, welche Funken Strauß aus dem schönen Begriff der blutroten Koalition“, welche die Wowereit-SPD in Berlin mit den Nachfolgern der SED eingegangen sei, geschlagen hätte, ganz zu schweigen von dem Satz, wer mit den Linken ins Bett gehe, bekomme keinen demokratischen Nachwuchs. Auch solche kleine Bosheiten, die als Stilmittel Pflicht am Aschermittwoch sind, brachte der fränkische Protestant Beckstein in einer Nüchternheit vor, dass ihn nur Demagogen der Demagogie hätten zeihen können.
Speerspitze wertkonservativer Politik
Die CSU als Bollwerk gegen ein Abgleiten Deutschlands in ein linkes Traumland, die CSU als Stimme und Speerspitze wertkonservativer Politik, die CSU als Volkspartei, die für wirtschaftlichen Erfolg und für soziale Sicherheit stehe – diese Linien zogen Beckstein und Huber mit der ihnen eigenen Gründlichkeit nach, ohne das Urheberrecht zu beanspruchen. Stattdessen deuteten sie immer wieder auf die Parteidioskuren Strauß und Stoiber; für Letzteren dürfte es einer der schönsten Aschermittwoche in seinem langen politischen Leben gewesen sein. Schließlich wurde er gefeiert, ohne sich rhetorisch verausgaben zu müssen – oder gar mit einem der schönen Versprecher brillieren zu müssen, die in früheren Jahren dafür gesorgt hatten, dass der Spannungsbogen auch in mehrstündigen Reden nicht abfiel. Und Stoiber genügte auch wie gewohnt ein kleiner Wink, um einen Staatsminister dazu zu bewegen, ohne Zwischenhalt zum Ehrenvorsitzenden zu eilen.
Am Aschermittwoch konnte einer der Gründe des Erfolgs der CSU ausführlich besichtigt werden: Dass ihre großen Führungsfiguren niemals abtreten – auch wenn sie wie Strauß aus dem Leben gerissen oder wie Stoiber durch enge Gefolgsleute gestürzt werden. Und dass die jeweiligen Gestalter des Übergangs, mögen sie nun Streibl, Beckstein oder Huber heißen, erst gar nicht den Versuch wagen, diese Linien zu durchbrechen, sondern in ihrer dienenden Rolle aufgehen.
Beckstein und Huber intonieren Strauß und Stoiber – die CSU hätte in Passau vielleicht einen kurzweiligeren, aber kaum einen besser geebneten Weg zur Landtagswahl einschlagen können.
Das neue Duumvirat der CSU hat sich schon viele Vorwürfe gefallen lassen müssen: zu blass, zu leise, zu leichtgewichtig. Am Aschermittwoch machten Günther Beckstein und Erwin Huber daraus eine Tugend: Unter Applaus unterwarfen sie sich dem Erbe der CSU-Schwergewichte.
Von Albert Schäffer
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa