Von Diedrich Diederichsen

Arbeit am Selbst als Arbeit am Körper: Michael Jackson versuchte die Popmoderne körperlich zu disziplinieren
29. Juni 2009 Mit Michael Jackson hat die Popmusik einen ihrer größten, vielleicht aber auch den letzten Song-and-Dance-Man verloren. Diesen Ausdruck kennen wir von Bob Dylan, der sich kokett tiefgründigen Interpretationen und politisierenden Nachfragen zu entziehen pflegte, indem er sich als den bezeichnete, der doch nur für Gesang und Tanz zuständig sei. Dabei war gerade er das eben nicht. Spätestens seit ihm geht es in der Popmusik nicht mehr darum, etwas vorzuführen, was man besonders gut kann, sondern darum, die Leute mit dem zu beeindrucken, was oder wie man ist.
Michael Jackson hingegen war einer, der so manches sehr gut konnte. Irgendwann wollte auch er aber zeigen, was und wie er ist. Daran ist er gescheitert. Denn er versuchte, dieses Selbst, das er uns vorführen wollte, mit den gleichen Mitteln herzustellen wie seinen Tanz, durch die Verpflichtung seines Körpers.
Selbstwerdung im Kollektiv
Von Jacksons Einsamkeit und seinem bösen Vater, der in der Tat nicht ganz unsatanisch aus einem Gesicht schaut, das dem seines Sohnes in Ausgedachtheit wenig nachsteht, war in diesen Tagen viel die Rede. Künstlerisch ist er aber sehr behütet aufgewachsen: In den besten Jahren der amerikanischen Soul-Musik als Künstler von Motown Records konnte er als kindlich-genialer Meisterschüler miterleben, wie eine spezifisch afroamerikanische Popkultur die Welt eroberte. Motown war die vorderhand apolitische und erfolgreichste kulturelle Integrationsinitiative der amerikanischen sechziger Jahre. Ihr Credo war die disziplinierte Arbeit am Talent, eine rastlose Produktivität, die mit viel Optimismus und Party-Energie verdeckte, dass die Hoffnung auf Integration durch harte Arbeit enttäuscht wurde. Auch Jackson erinnert sich daran, wenn er 1991 in Black and White die Persistenz des Rassismus konstatiert und im Video schließlich in einen schwarzen Panther morpht. Der Linksradikalismus der Black Panther, der Separatismus der Nation of Islam, mit der Jackson während seines Pädophilie-Prozesses in Verbindung stand, waren die Antwort auf die unerfüllten Versprechen.
Zugleich aber vollzog sich auch bei Motown und in der Soul-Gemeinde allgemein um 1970, als Jacksons erste Karriere mit seiner Kinderband Jackson 5 begann, der individualistische Turn. Die Arbeiter verließen die Hit-Fabrik und wurden radikal oder einsam oder beides. Die großen Stars traten nicht mehr in vollendet organisierten Kollektiven auf, Smokey Robinson, Marvin Gaye, Donny Hathaway oder Curtis Mayfield inszenierten sich als melancholische oder kämpferische Einzelne, die nun von politischen wie privaten Erfahrungen im Medium der Selbstdarstellung sprachen. Der vorpubertäre Michael konnte bei dieser Entwicklung schwerlich mitmachen. Er konnte tanzen, singen und arbeiten wie der sprichwörtliche junge Gott; aber ein Selbst, von dem es zu erzählen gäbe, war in der Hitschmiede nicht vorgesehen. Als er Ende der siebziger Jahre zurückkehrte, tat er dies, indem er sich auf eine neue kollektivistische Kultur bezog, die Tanzschritte zu schätzen wusste: Funk und Disco.
Massen im Bild
Discomusik hatte keine wirklichen Stars; Funk-Platten zu kennen war etwas für Spezialisten. Es tanzte das Publikum und befreite sich hedonistisch selbst. Jacksons choreographisches Talent schloss die neue Idee ein, viele, Massen, Multitudes ins Bild zu setzen - bis zuletzt bei dem von Spike Lee in einer brasilianischen Favela unter nahezu militärischen Bedingungen gedrehten They Don't Care About Us von 1997.
Doch zunächst schwärmten nur Teenager und Hipster wie Brian Eno für Disco und insbesondere Jacksons Platte Off The Wall (1979) als asubjektives Bauhaus des Hedonismus. Es wurde millionenfach gekauft. Für das in Medien und Öffentlichkeit hegemoniale Rock-Publikum war Tanzmusik hingegen noch igitt.
Tanz in ein anderes Selbst
Dies änderte sich aber bald. Anfang der achtziger Jahre bricht die Postmoderne auch in den Massen- und Subkulturen aus. Man braucht weniger stabil selbstidentische Rockstars und Singer/Songwriter, die einst als Vorbilder gegen die Anpassungszwänge einer auf Gehorsam aufgebauten Disziplinarkultur halfen, sondern Verkörperungen der neuen Idee der Selbsterfindung. Jackson erreicht den Gipfel seines Erfolges mit der perfekten Synthese aus einer plastischen, wandelbaren, unreifen Persona mit einer von ebenso hochindustrieller wie feinmechanischer Perfektion gezeichneten Performance auf seinen LPs Thriller und Bad und den dazugehörigen Singles und Videos. In dieser Synthese wirkt das Erarbeitete ganz leicht, so leicht, wie es nun sein sollte, sich ganz neu zu erfinden.
Doch dies war noch State-of-the-Art-Arbeit an musikalischer und choreographischer Hardware, nicht die elegante Beiläufigkeit von punky Pose und sexy Verweigerung, wie sie von Bowie bis Beck den Pop der Selbsterfindung bestimmte. Doch auch Jackson versuchte mit den Fiktionen, die er sich nun ausdachte, in ein anderes Selbst hinüberzutanzen - jenseits von Vater und Befehl, aber auch jenseits normativer Sexualität und jenseits von Rassismus.
Tanz-Training mit anderen Mitteln
Genau das hat die Postmoderne oft vergessen: dass man sich nicht frei, sondern gegen etwas erfindet, gegen etwas, dessen Macht nicht von alleine nachlässt, sonst hätte man ja zu dieser Erfindung wenig Grund. Die selbstreflexiv gewordene Popmusik bot semiologische Kniffe und Kabinettstückchen an, aber Jackson kannte nur die Arbeit am Körper. Die Fortsetzung des Tanz-Trainings mit anderen Mitteln: Das waren Chirurgie, Medikamente, Sauerstoffzelte, Sekten und Spökenkieker. Ähnlich wie die besessen trainierende Madonna haben viele die postmodernen Versprechungen direkt ihrem Körper zugemutet.
Auf die vielbeschworene Erkenntnis von der kulturellen Konstruiertheit von Rasse, Geschlecht, sozialen Positionen wurde nicht mit deren kultureller Kritik reagiert, sondern voluntaristisch materiell mit dem Skalpell und stählernen Fitness-Programmen schon mal bei sich selbst begonnen. Die geradezu parodistische Rekonstruktion des väterlich-fordistischen Motown-Imperiums durch ein monströses Königreich mit gekauften Kindern und kitschigen Obsessionen setzte mit anderen Mitteln fort, was allein nicht zu schaffen war.
Auch darin ist Jackson symptomatisch für die historische Verschiebung der vergangenen Jahrzehnte: An die Stelle des väterlichen Befehls ist der getreten, den wir uns selber geben - du sollst nie aufhören, dich zu optimieren! Selbstdisziplin ist gnadenloser als Gehorsam. Sie kennt kein protestierendes Gegenüber, kein Aushandeln, kein Verweigern. Der Verfasser der größten hedonistischen Hymne, Don't Stop Till You Get Enough, hat Hedonismus nie gelernt, er konnte sein eigenes Programm nur als Gnadenlosigkeit gegen sich selbst durchsetzen.

Diedrich Diederichsen lehrt am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft der Akademie der Bildenden Künste Wien.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Cinetext/Allstar, dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ ZB, REUTERS