Michael Jackson ist tot

Eine Figur voller Talent und Tragik

Von Jordan Mejias

Die Fans, die sich kurz nach der Todesnachricht vor dem Krankenhaus einfanden, reagierten fassungslos

Die Fans, die sich kurz nach der Todesnachricht vor dem Krankenhaus einfanden, reagierten fassungslos

26. Juni 2009 Kurz vor neunzehn Uhr kalifornischer Zeit zeigen Amerikas TV-Nachrichtensender einen Hubschrauber auf dem Weg zum amtlichen Leichenbeschauer. Es sind die sterblichen Überreste Michael Jacksons, die vom Ronald Reagan UCLA Medical Center, dem Hospital der University of California in Los Angeles, zum gerichtsmedizinischen Institut der Stadt gebracht werden.

Der Popstar war von der nur wenige Autominuten entfernten Villa, die er im Ortsteil Bel Air für angeblich hunderttausend Dollar pro Monat gemietet hatte, vom Notdienst der Feuerwehr von Los Angeles ins Krankenhaus eingeliefert und dort um 14.26 Uhr Ortszeit für tot erklärt worden. Als Todesursache wurde Herzversagen angegeben. Michael Jacksons Bruder Jermaine bat jedoch die Medien, die Ergebnisse der Autopsie abzuwarten.

Stress vor dem anstehenden Konzertmarathon

Ärzte hatten über eine Stunde vergeblich um das Leben des Patienten gekämpft, wie ein sichtlich erschütterter Jermaine Jackson vor Journalisten sagte. Jackson hatte sich in Los Angeles auf seinen Konzertmarathon ab 13. Juli in London vorbereitet. Bekannte wie der Illusionist Uri Geller machten den Stress mit für den frühen Tod des Künstlers verantwortlich (siehe auch: Video: Jacksons letzter Comebackversuch). In den vergangenen Monaten war wiederholt über Jacksons Gesundheitszustand und angeblich gefährliches Untergewicht spekuliert worden.

Eintrittskarten für die 50 Londoner Konzerte waren weltweit auch nach Jacksons Ableben etwa beim Auktionshaus Ebay gehandelt worden. Das Unternehmen beriet am Freitag mit Juristen darüber, ob die Versteigerungen abgebrochen werden sollten, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagte. Der Konzertveranstalter AEG Live wollte sich im Laufe des Freitags zum weiteren Prozedere äußern.

„Die Welt hat einen ihrer Großen verloren“

Nach Bekanntwerden des Todes hatten sich Fans vor der Klinik der University of California versammelt. Schockiert reagierten neben Jacksons früherer Frau Lisa Marie Presley auch Kollegen wie Whitney Houston und Quincy Jones sowie Regisseur Steven Spielberg. Junge Künstler wie Britney Spears und Justin Timberlake würdigten den 13-fachen Grammy-Preisträger als großes Vorbild. R'n'B-Sänger Usher sagte, der Afroamerikaner habe gesellschaftliche Barrieren durchbrochen und den Weg für Karrieren wie die des amerikanischen Präsidenten Barack Obama geebnet. Madonna war unter den Ersten, die öffentlich um Michael Jackson trauerten: „Ich kann nicht aufhören, über die traurige Nachricht zu weinen“, wird sie auf der Website der Zeitschrift „People“ zitiert. „Ich habe immer Michael Jackson bewundert. Die Welt hat einen ihrer Großen verloren, aber seine Musik wird für immer weiterleben.“

Siehe dazu: Bestürzung über Michael Jacksons Tod

John Landis, der Regisseur von Jacksons bahnbrechendem Video „Thriller“, sagte gegenüber der „Los Angeles Times“: „Er hatte ein mit Problemen belastetes und kompliziertes Leben und bleibt, trotz seiner Gaben, eine tragische Figur.“ Landis bezeichnete ihn aber auch als außerordentliches Talent und einen wahrhaft großen internationalen Star.“

Vincent Paterson, der Regisseur und Choreograph, der mit ihm an mehreren Videos zusammenarbeitete, erinnerte sich, dass Jackson mit seinem Moonwalk Tage und Wochen lang beschäftigt war, bis der Tanz organisch aussah: „Er nahm die Idee, die er von einigen Kids auf der Straße übernommen hatte, und perfektionierte sie.“

Tommy Mottola, einer der mächtigsten Männer dieser amerikanischen Musikindustrie und ehemaliger Chef von Sony Music, nannte ihn „den Grundpfeiler des gesamten Musikgeschäfts.“ Jackson habe die Kluft zwischen Rhythm and Blues und Pop überbrückt und so eine globale Kulturform geschaffen: „Niemand hat je getan, was er zu seiner Zeit tat, und niemand wird je tun, was er danach tat.“

„Thriller“ wieder in den Top Ten

Wenige Stunden nach Jacksons Tod dominierte seine Musik erneut die Charts. In der Hitliste des amerikanischen Internetversandhauses Amazon.com belegten seine Alben am Freitag die Plätze eins bis zehn. Auch in Deutschland löste die Nachricht vom Tod des amerikanischen Künstlers einen Ansturm auf seine Musik aus. Amazon.de führte am Mittag acht CDs wie das Erfolgsalbum „Thriller“ in den Top Ten. (Siehe dazu: Jacksons Alben erobern wieder die Charts)

Michael Jackson hatte die Popszene in den 80er und 90er Jahren wie kein anderer Musiker geprägt (siehe auch: Michael Jackson: Der geheimnisvollste Popstar aller Zeiten). Mit mehr als 750 Millionen verkauften Platten wurde er zum Megastar. Allein sein 1982 erschienenes Album „Thriller“ ging rund 50 Millionen Mal über die Ladentische - so viel wie kein anders zuvor. Seine Bühnenshows, bei denen er sich gern in den Schritt griff und rückwärts im „Moonwalk“ über die Bühne glitt, galten als einzigartig.

Gedenken im Golden Gate Park

Vor dem Krankenhaus und Jacksons Villa versammelten sich sogleich weinende Fans, manche in Kostümen, wie sie ihr Idol trug. Fernsehsender und Blogs lieferten pausenlos die neuesten Nachrichten, Gerüchte und Beileidsbezeugungen, dazu kamen jede Art von Rückblicken und Würdigungen. Der Kabelsender Black Entertainment Television begann einen Marathon von Videoclips auszustrahlen, über viele Radiostationen waren ununterbrochen die größten Hits des King of Pop zu hören. Starjournalistin Barbara Walters, die für die Fernsehgesellschaft CBS eine Sondersendung moderierte, wollte von ihrem Ko-Moderator Martin Bashir wissen, ob Jackson wohl wegen seiner Skandale oder eher wegen seines Talents in Erinnerung bleibe. Wegen seiner Musik, antwortete Bashir.

In San Francisco versammelten sich Fans im Golden Gate Park, um Michael Jackson zu gedenken. In New York bildeten sich am frühen Abend Menschentrauben vor den Nachrichtentickern auf dem Times Square und später strömten, schnell zusammengetwittert, viele New Yorker vors legendäre Apollo Theater in Harlem, wo er mit den Jackson 5 oft auftreten war. In Gary, Indiana, zogen weinende, singende und betende Menschen vor das Holzhaus, in dem Michael Jackson die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte und zündeten Kerzen an.

Rückschläge, Prozesse, Gerüchte

Schon als Fünfjähriger stand der im Schwarzen-Ghetto von Gary im amerikanischen Bundesstaat Indiana geborene Jackson zusammen mit seinen Brüdern auf der Bühne. Gedrillt vom Vater, einem Kranführer in einem Stahlwerk, wurde Jackson zum singenden Kinderstar in der 1969 gegründeten Geschwisterband Jackson Five, die binnen weniger Jahre mit ihren Platten Millionen umsetzte.

Seine zahlreichen Schönheitsoperationen, vor allem an Nase und Kinn, und die Aufhellung seiner Haut brachten den Star immer wieder in die Schlagzeilen. Ab 1993 sank seine Popularität, als Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs gegen ihn erhoben wurden. Eine entsprechende Anklage endete 2005 mit einem Freispruch.

1987 kaufte Jackson die Neverland Valley-Ranch in Kalifornien. Auf dem riesigen Anwesen sind unter anderem ein Vergnügungspark, ein Zoo und ein Kino beherbergt. Jackson lud kranke und aus sozial schwachen Familien stammende Kinder dorthin ein.

Pietät im TV, Gerüchte im Web

Nachdem er von 1994 bis 1995 mit der Elvis-Tochter Lisa Marie Presley verheiratet war, ehelichte er 1996 überraschend seine von ihm schwangere Krankenschwester Deborah Rowe. 1997 kam Sohn Prince, ein Jahr später Tochter Paris Michael Katherine zur Welt. Doch auch die Ehe mit Rowe währte nur eineinhalb Jahre. 2002 präsentierte Jackson ein weiteres Kind namens Prince Michael II, dessen Mutter nicht bekannt ist.

Während das Fernsehen sich vor allem pietätvoll und zelebratorisch gab, fehlte es im Internet nicht an Gerüchten. Von vierhundert Millionen Dollar Schulden war da die Rede und auch von einer Überdosis Tabletten, die den Tod verursacht haben könnte. Seine Familie dementierte die Schulde-Gerüchte aber und verwies auf Jacksons Haupteinnahme, die Rechte an Beatles-Songs.

Umfrage: Meine schönste Michael-Jackson-Geschichte

Mit ihr war er eng befreundet: Michael Jackson mit der Schauspielerin Liz Taylor, hier im Jahr 1998 in Los Angeles
Mit ihr war er eng befreundet: Michael Jackson mit der Schauspielerin Liz Taylor, hier im Jahr 1998 in Los Angeles

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Polizisten blockieren den Eingang zum Krankenhaus in Los Angeles, in dem Michael Jackson starbUnd schon läuft die Erinnerungsindustrie anUmstrittene Figur: Spätestens seit den Gerüchten über möglichen sexuellen Missbrauch von Kindern wurde Michael Jackson auf Schritt und Tritt von Journalisten verfolgt  Als Jackson der Öffentlichkeit im Jahr 2002 in Berlin sein Kind zeigte und es dabei fast fallen ließ, war die Empörung groß Nach einem 60-tägigen Prozess wurde Jackson im Mai 2005 vom Vorwurf der Kindesmisshandlung freigesprochen Exzentrisch bis zur Karikatur: Der scheue Jackson lebte in den vergangenen Jahren immer zurückgezogenerIn frühen TagenDie Jackson 5: Michael Jackson mit Tito, Randy, Jackie und MarlonMahnwache mit Kerzen in Los AngelesAbschiedsbriefMichael Jackson 1979Vor dem Krankenhaus in Los AngelesDer “King of Pop“ So wurde er zu einer Legende: Jackson, hier auf seiner “Dangerous“-Tour 1993 in Tel AvivLegende schon zu Lebzeiten: Jackson mit seinem Konterfei aus Wachs im Grevin Wax Museum in ParisErst im März hatte Jackson in London sein Comeback angekündigtBei einem Konzert in Los Angeles 2002Umstrittene Ikone: Jackson 1995 bei den MTV Video Music Awards in New YorkMit seiner damaligen Ehefrau Lisa Marie Presley 1994 auf der BüheKurzes Glück: Mit Lisa Marie Presley war Jackson verheiratetFarbenfroh: Der junge Jackson in rot-gelben SchlaghosenTrauer am Walk of FameVor dem Apollo Theater in Harlem: TrauerbekundungenVor der Neverland Ranch in KalifornienAls Clinton 1993 zum ersten Mal Präsident wird, singt Jackson1993 bei einem Konzert in Bangkok