Olympiastadion von Athen

Überrollbügel kurven durch die Luft

Von Niklas Maak

Für den Fernblick gemacht: Calatravas Umbau des Olympiastadions

Für den Fernblick gemacht: Calatravas Umbau des Olympiastadions

12. August 2004 Sie haben es doch noch geschafft. Sie haben es auf abenteuerliche Art und Weise fertiggestellt, obwohl manch ein Ingenieur jetzt urlaubsreif im Hafen von Piräus sitzen und hoffen wird, daß nicht noch etwas Unvorhergesehenes geschieht. So chaotisch und turbulent wie die Renovierung des Stadions von Athen für die an diesem Freitag beginnenden Olympischen Spiele verlief selten ein Großbauprojekt in Europa, und die Debatte um den Bau ist auch nach Abschluß der Bauarbeiten nicht beendet.

Um Athen architektonisch auf Olympianiveau zu bringen, war der spanische Architekt und Ingenieur Santiago Calatrava als Generalplaner verpflichtet worden. Er entwarf das Velodrom und das spektakuläre, über dem alten Olympia-Stadion aus den achtziger Jahren schwebende neue Dach, das von zwei mehr als 300 Meter langen Bögen getragen wird.

Gigantische Überrollbügel kurven durch die Luft

Calatrava ist für seine virtuos filigranen Flughafen- und Brückenkonstruktionen bekannt: Wie ein Walgerippe wölbt sich seine City of Arts and Sciences in Valencia, die Fußgängerbrücke in Bilbao wirkt so leicht, als sei sie aus weißer Seide gebaut. Calatrava treibt seine kühnen Konstruktionen gern an die Grenze des statisch Machbaren - und bisweilen auch darüber hinaus. Seine Kronprinzenbrücke in Berlin steht auf so dünnen Beinchen an der Spree, daß sie einer Kollision mit einem Dampfer nicht gewachsen wäre, weshalb die Brücke von zwei plumpen Leitplanken geschützt werden muß, die nun wie ein absurder Schienbeinschoner vor den fragilen Stelzen thronen.

Auch in Athen reißt die Kritik an der ästhetisch gelungenen Ingenieursleistung nicht ab. Tatsächlich ist der Bau, dessen Kosten je nach Berechnung mit 130 Millionen oder mehr als zweihundert Millionen Euro beziffert werden, ein konstruktives Monstrum: Fünfundachtzig Prozent des verbauten Stahls haben allein die Aufgabe, das Eigengewicht des Daches zu tragen. Die Statiker hatten ein Modell des Daches im Windkanal testen lassen und festgestellt, daß man nicht die veranschlagten elftausend, sondern 16 000 Tonnen Stahl benötigt; jetzt kurven die Tragarme mit ihren 3,6 Metern Durchmesser wie gigantische Überrollbügel durch die Luft. Weil man wegen der hektischen Sanierung des alten Unterbaus im Stadion selbst keine Stützen aufstellen konnte, mußte das Dach außerdem neben der Arena zusammengesetzt und per Hydraulikzylinder über die Arena geschoben werden - und es spricht für das Improvisationstalent der Ingenieure, daß sie normales Spülmittel zwischen die Gleitbahn und die Gleitschuhe des tonnenschweren Riesendachs gossen, um die Reibungskräfte zu senken: besser bauen mit Palmolive.

Nicht für die Besucher, sondern als Fernsehkulisse gebaut

Trotz der ebenso unkonventionellen wie erfolgreichen Montage sind auch heute nicht alle Bedenken gegen das große Schwebewerk ausgeräumt. Fachleute des Athener Polytechnikums warnen, daß ein unterirdischer Strom das Gelände durchquert, außerdem sei das Erdreich unter den Fundamenten löchrig wie Schweizer Käse; im Falle eines Erdbebens sei die Konstruktion nicht sicher. Auch beschweren sich bereits erste Besucher über Calatravas Tsatsiki-Moderne, weil gut ein Drittel der nicht eben billigen Sitzplätze trotz der neuen Dachkonstruktion ungeschützt bleibt: In den feuchten Wintern wird es hier zugig sein, im Sommer unerträglich heiß.

Aber angesichts neuerer Sportarenen muß man ohnehin das Gefühl haben, daß die Stadien nicht mehr für deren Besucher gebaut werden, sondern in erster Linie als ästhetische Kulisse für die Millionen, die das Gebäude vor dem Fernseher erleben. Das wichtigste an einem neuen Sportstadion ist dementsprechend nicht mehr die Tribüne, sondern das Dach, das vom unsichtbaren Deckel zur medialen Hauptfassade wird. Schon beim Pariser Stade de France war die Schauseite des Gebäudes das silberne High-Tech-Dach, das dem Fernsehzuschauer der Weltmeisterschaft 1998 im Gedächtnis blieb - und auch das Stadion von Athen sieht am besten auf dem Bildschirm aus, wenn man es aus der Ferne betrachtet.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 39
Bildmaterial: ATHOC, dpa, dpa/dpaweb, EPA

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