Douglas Palmers Jugendsachbuch „Evolution“

Wer hat Angst vor Biozönose?

Von Ulf von Rauchhaupt

14. Oktober 2009 Das Beste kommt zum Schluss: So hat das Darwin-Jahr 2009 ja keine geringe Flut an Büchern zum Thema Evolution hervorgebracht, und man wird sich bereits 2010 an nur noch wenige dieser Titel erinnern. Doch dieser Band des britischen Wissenschaftsjournalisten Douglas Palmer hat das Zeug zum Klassiker. Mit ihm ist in Darwins Jubeljahr tatsächlich noch ein Meisterwerk erschienen – und zwar eines, das sich sehr genau auf seine Rezipienten einzustellen vermag.

Palmer, der seine Leser mit auf eine Reise durch dreieinhalb Milliarden Jahre Naturgeschichte nimmt, erzählt diese Reise gerade nicht so, wie viele Erwachsene glauben, dass man sie jungen Lesern nur so erzählen kann: als Abfolge von Szenen aus einem ungedrehten Dokumentarfilm. Denn Palmer nutzt die Buchform für eine Perspektive, die Filmemachern ganz unmöglich ist: Er springt, praktisch mit jeder Doppelseite, von einem Schauplatz zum nächsten. Insgesamt neunzigmal wechselt er den Ort – so viele ausgewählte Fossilien-Fundstätten werden porträtiert und ihre Fauna durch den Illustrator Peter Barrett in geradezu monumentaler Weise zum Leben erweckt.

Eine beispiellose Dichte leicht zugänglicher Information

Dieser Kunstgriff erlaubt es Palmer und Barrett, unser Wissen über längst vergangene erdgeschichtliche Epochen – vom Präkambrium bis zur letzten Eiszeit – als eine Abfolge von neunzig sinnlichen, fast schon touristischen Erlebnissen zu präsentieren und zugleich knallhart an den wissenschaftlichen Fakten zu bleiben. Wenn wir uns etwa auf den Seiten 130 und 131 in einer Unterwasserwelt der frühen Jurazeit befinden, deren Bewohner uns als Versteinerungen in den Steinbrüchen im schwäbischen Holzmaden überliefert sind, dann schwimmt da nichts herum, wofür es nicht sichere fossile Belege dieser Lokalität gibt – auch wenn die Szene aussieht wie aus einem Jacques-Cousteau-Film.

Gleichwohl, ein bloßes Jugendbuch ist das eigentlich überhaupt nicht. Denn auf der einen Seite muss man gar nicht lesen können, um sich mit diesem Buch zu befassen. So wurde bereits ein Sechsjähriger dabei gesehen, wie er sich stundenlang in die prächtigen Urzeitpanoramen vertiefte. Auf der anderen Seite aber machen die Texte keinerlei Zugeständnisse an Zeitgenossen gleich welchen Alters, die sich vor Begriffen wie „Biozönose“ oder „Kladogramm“ fürchten – allerdings gibt es ein ausführliches Glossar, das vieles erleichtert. Dem Werk ist zudem ein umfassender „Stammbaum des Lebens“ angefügt, der die Verwandtschaftsbeziehungen praktisch aller auch nur einigermaßen bedeutenden Organismengruppen nach aktuellem Stand der Diskussion aufzeigt. Allenfalls vermisst man den Hinweis, dass sich dieser Stand durch neue Erkenntnisse auch wieder ändern könnte. So gesellt sich in dem nicht übermäßig schweren oder besonders großformatigen Buch zu der optischen Opulenz auch noch eine beispiellose Dichte leicht zugänglicher Information.

In jedem Detail auf dem aktuellen Stand der Forschung

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Evolution
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Dabei ist es keineswegs nur gut abgehangenes Lehrbuchwissen, das Palmer hier ausbreitet. In jedem Detail ist er auf dem aktuellen Stand der Forschung. Über die Zweifel an den angeblich frühesten fossilen Bakterien im Apex Chert in Westaustralien wird der Leser genauso informiert wie über die Debatte, ob es sich bei Darwinius massilae aus der Grube Messel – einem Fossil, das erst vor wenigen Monaten unter seinem Spitznamen „Ida“ überall Schlagzeilen machte – wirklich um einen frühen Primaten handelt.

Auch die Auswahl der neunzig vorgestellten Fundstätten zeugt von Palmers intimer Kenntnis seines Gegenstandes. Es sind oft besungene Orte dabei, der westkanadische Burgess-Schiefer etwa oder ebendie Grube Messel bei Darmstadt. Aber auch viele weniger bekannte werden besucht, so das ägyptische Fayum oder der versteinerte Schlamm von Mistaken Point in Neufundland, in dem sich die frühesten wahrhaft makroskopischen Lebewesen der bis heute rätselhaften Ediacara-Fauna erhalten haben.

Allenfalls irritiert, dass kein europäischer Fundort aus der Zeit von vor etwa 40.000 Jahren dabei ist, als der moderne Mensch nach Europa vordrang und dort die früheste figürliche Kunst hinterließ. Mit Homo sapiens begann das Leben damals zum ersten Mal nachweislich in die Sphäre des Geistigen einzutreten. Hier wäre ein Perspektivenwechsel von der Paläobiologie zur Archäologie angezeigt gewesen, den Palmer, selber einst professioneller Fossilienforscher, nicht vollzieht – aber angesichts seines Themas auch nicht mitvollziehen muss.

Douglas Palmer: „Evolution“. Mit Illustrationen von Peter Barrett. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2009. 367 S., geb., 49,90 €. Ab 6 J.



Buchtitel: Evolution
Buchautor: Palmer, Douglas

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Gerstenberg

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