Abschluss einer Erfolgstrilogie

„Tintentod“: Machtkampf in der Tintenwelt

Von Tilman Spreckelsen

28. September 2007 Dass sich heute kleine Glasmännchen, Feuerspucker oder gar Einhörner vor den Buchhandlungen drängeln, ist nicht zu befürchten, auch wenn der Ansturm auf das Buch, das an diesem Freitag erscheint, kaum geringer ausfallen wird als unlängst die Jagd nach dem letzten „Harry Potter“: Auf Cornelia Funkes „Tintentod“, den abschließenden Band ihrer „Tintenwelt“-Trilogie, warten die Leser, seitdem vor zwei Jahren der Vorgänger „Tintenblut“ erschienen war und viele Fragen offengelassen hatte. Die erste Auflage beträgt denn auch eine halbe Million Exemplare, was für ein deutschsprachiges Jugendbuch rekordverdächtig ist.

Knapp vier Millionen Bücher wurden bislang weltweit von den beiden ersten Bänden verkauft, die erfolgsverwöhnte, mit Preisen überhäufte Autorin von mittlerweile mehr als vierzig Romanen könnte sich also zurücklehnen und gelassen zuschauen, wie der von ihr geschaffene Kosmos für die Bühne und die Leinwand adaptiert wird und ihre Figuren visualisiert werden – im kommenden Frühjahr soll die von Funke mitproduzierte Verfilmung von „Tintenherz“ Premiere feiern. So könnte das weitergehen, bis auch der letzte Leser, der letzte Kinogänger die Geschichte des Buchbinders Mo, seiner Frau Resa und ihrer Tochter Meggie kennt.

Ich will ins Buch zurück

Ein einziger großer Erfolg also, von dem jeder Autor träumt – nur dass die Sache im Licht des jetzt erschienenen „Tintentod“ ihre Schattenseiten offenbart. Im ersten Band hatte Funke erzählt, wie Mo, dessen wohlklingende Stimme ihm den Namen „Zauberzunge“ eingetragen hat, durch schieres Vorlesen aus dem Abenteuerbuch des Dichters Fenoglio eine Reihe von Figuren aus diesem Buch in die Realität befördert hat – die laufen nun, wie der Feuerzauberer Staubfinger, unglücklich in der prosaischen Gegenwart herum und wünschen sich in ihr Buch und dessen verzauberte vorindustrielle Welt zurück.

Im zweiten Teil namens „Tintenblut“ reisten Meggie, Mo und die anderen in diese Tintenwelt, und was dann später, im dritten Teil, die Figuren fortwährend umtreiben wird, deutet sich hier schon an: Fenoglios Schöpfung gehorcht ihren eigenen Gesetzen, sie entwickelt sich gegen seinen Willen fort, Unrecht, Gewalt und Lebensgefahr sind auf einmal überaus präsent und machen auch vor den Besuchern aus der Realität nicht halt. Am Ende opfert sich Staubfinger für seinen jungen Freund Farid, die finsteren Gefolgsleute des noch finstereren Herrschers Natternkopf übernehmen die Macht, und die letzten Guten, darunter Mo und seine Familie, verstecken sich in den Wäldern.

Diese Welt spinnt ihre Fäden selber

Dies ist die Lage zu Beginn von „Tintentod“, und es überrascht kaum, dass sich daraus ein weiterer Kampf zwischen Gut und Böse entwickelt, dass Mo sich zum Retter der Tintenwelt aufschwingt und Meggie ihn dabei nach Kräften unterstützt. Nein, überraschend ist, dass die Autorin einem anderen Konflikt große Aufmerksamkeit schenkt, dem nämlich zwischen dem Dichter Fenoglio, der rat- und sprachlos in seiner Schöpfung herumirrt, armselig lebend und von den Bewohnern der Tintenwelt allenfalls geduldet, und einer anderen Gestalt namens Orpheus, einem literarischen Schmarotzer, der Fenoglios Buch auswendig kennt und mit daraus geborgten Worten seine eigene Stellung in dieser Welt begründet. Konkret heißt das: Er setzt Fenoglios Dichtung neu zusammen. „Ich habe Großes mit dieser Geschichte vor“, rechtfertigt er sich, „Fenoglio hat so vieles ungenutzt gelassen, so vieles nicht beschrieben – ich will das alles ändern, verbessern.“ Staubfinger, ein genuiner Bewohner der Tintenwelt, will das nicht gelten lassen: „Du klingst wie Fenoglio“, antwortet er, „aber vermutlich bist du noch viel schlimmer als er. Diese Welt spinnt ihre Fäden selber. Ihr verwirrt sie nur, zertrennt sie, fügt zusammen, was nicht zusammengehört, anstatt das Verbessern denen zu überlassen, die in ihr leben.“

Das taugt fast zum Merksatz: Die literarisch geschaffene Welt hat ihre Gesetze aus eigenem Recht und entmachtet, einmal gefertigt, ihren Schöpfer ebenso wie den stümperhaften Umschreiber – auf ihn verweist unter anderem der Titel „Tintentod“, dessen Bedeutung als Bezeichnung für ein Korrekturwerkzeug von Geschriebenem jedes Schulkind kennt. Die Folgen dieser fragilen Autonomie bekommen alle zu spüren, die sich in der Tintenwelt aufhalten. Das Unbehagen aber angesichts der versuchten Umschreibungen des Textes teilt sich auch dem Leser mit.

Kein Spielzeug des Marktes

Wem also gehört die Geschichte, wer darf die Welt aus Druckerschwärze und Papier lebendig machen, wer über ihre Figuren bestimmen? Der Autor? Der Leser? Der Rechte-Inhaber, der Filmproduzent, der lizensierte Hersteller diverser Merchandising-Produkte?

Dass sich diese Frage im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur so drängend stellt, ist eine vergleichsweise junge Erscheinung, und nicht zuletzt der gigantische Erfolg wie auch die rigide Haltung der „Harry Potter“-Autorin angesichts der Versuche, ihr das Recht an der alleinigen Ausdeutung ihrer Figur streitig zu machen, hat die Brisanz dieser Frage deutlich gemacht. Es ist aber auch eine Reaktion auf die Publikationsgeschichte von klassischer Jugendliteratur, die oft bedenkenlos gekürzt und bearbeitet auf den Markt geworfen wird. So spielte Joanne K. Rowling öffentlich mit dem Gedanken, Harry Potter sterben zu lassen, damit sich nur ja kein anderer an ihm vergreifen könne. Kaum zufällig haben beide, Rowling wie Funke, in den abschließenden Bänden ihrer Sagas die Hauptfiguren in den Tod gehen lassen und zurückgeholt, wie um zu demonstrieren, wer hier Herr über Leben und Tod ist.

Andere erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautoren wie Tomi Ungerer oder der Illustrator Axel Scheffler haben in ihren aktuellen Titeln ebenfalls die Frage nach dem Recht eines Urhebers an seiner Geschichte oder die eigene Arbeitsweise thematisiert. Cornelia Funke jedenfalls tritt am Ende hinter ihre Geschichte zurück. Nicht Fenoglio, nicht Orpheus bestimmen über die Geschicke der Tintenwelt, sondern die Figuren. Vor allem aber ist der Tod, dem Funke eine besonders liebenswerte, gleichwohl unerbittliche Gestalt auf den Leib schreibt, der Herrscher dieser Welt und aller anderen gleich mit. Seiner Macht ist niemand gewachsen, nicht Mo, nicht der Natternkopf, und angesichts seiner wortmächtigen Schilderung durch die Autorin wird auch kein Leser, kein Filmproduzent und kein Spielzeughersteller auf den Gedanken kommen, daran zu rütteln.



Buchtitel: Tintentod
Buchautor: Cornelia Funke

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Close Murray/newline.wireimage.c, ZDF

 
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