Wieland Freunds Kinderbuch „Törtel“

Der Aufstand der Tiere

Von Silke Schnettler

17. Oktober 2009 Was ist das denn für ein Titel, „Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün“ - aus dem was? Zum Glück klärt Wieland Freund die Irritation im ersten Satz seines Kinderromans auf: „Törtel schlüpfte an einem Freitag um Mitternacht in einem Terrarium von McGrün, dem großen Baumarkt an der Bundesstraße 1.“

Törtel also, der dann lange genug im Baumarkt bleibt, um sich dort gründlich zu sozialisieren, zuckelt später in einer Pappbox über das Förderband der McGrün-Kasse, sieht eine Zeitlang nur die weißen Wände einer Badewanne in Berlin-Köpenick. Und als sein Besitzer genug von den ewigen Schildkrötenhäufchen hat, schmeißt er den kleinen Kerl aus dem Autofenster.

In anderen Büchern hat der Journalist und Autor Wieland Freund ganz schön seine Muskeln spielen lassen. Er hat in letzter Zeit mehrere raffiniert konstruierte Kinder- und Jugendromane vorgelegt, gespickt mit Anspielungen. In „Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün“ hat er sich zurückgenommen und bleibt ganz in seiner kleinen Geschichte. Trotzdem ist sie unverkennbar von Freund, seine Erzähllust und sprachliche Souveränität sind auf jeder Seite zu spüren.

Persönlichkeiten mit ausgeprägten Schrullen

Der Plot ist für eine Tiergeschichte überraschend originell: Törtel landet in einer Gartenlaube in Berlin-Müggeldorf und schließt sich den Tieren an, die dort vom Müll der Menschen leben. Wenn die Mülltonnen an die Straße gestellt werden, ziehen die Tiere los, kippen die Tonnen um und fallen über Hühnerknochen, matschiges Obst und halbleere Dosen Hundefutter her. Als Einbrecher Häuser in Müggeldorf ausräumen und ein fanatischer Rentner das den Tieren anhängen will, entwickeln diese einen cleveren Plan.

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Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün
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Freunds Tiere sind allesamt Persönlichkeiten mit ausgeprägten Schrullen. Da ist der Schwan Hokuspokus, der den großen Auftritt liebt, aber selten hinkriegt. Da ist der sture Wildschweinkeiler Grrmpf, dessen Name zu Recht klingt wie ein Dauer-Wutschnauben. Besonders liebenswert ist dagegen der fettwanstige Fuchs Iwo. Der schwärmt für das Katzenfutter Supicat in pinkfarbenen Schälchen und macht sich ebenso unverdrossen wie vergeblich an die Füchsin Wendy heran.

Was ist heute eigentlich noch Natur?

In dieses pralle Leben wird Törtel hineingezogen. „Bist du ein Haustier?“, fragen ihn die Tiere anfangs. Er holt tief Luft und schafft gerade zu flüstern: „Ich weiß es nicht.“ Wenn ihm die Situation über den Kopf wächst, fängt er an, stumpf vor sich hin zu zählen.

Unaufdringlich steht dabei die Frage im Raum, was Natur heute eigentlich noch ist. Müggeldorf, wo die Tiere von den Abfällen leben, ist es sicher nicht. Aber wohin sollte Törtel denn zurück? In den McGrün? Diese Spannung reicht sogar über das Ende der Geschichte hinaus: Der Winter naht, und Törtel braucht dringend eine Überwinterungsbox mit Kokosstreu. Sonst wird er die Kälte nicht überleben. Er macht sich auf, einer Familie mit netten Kindern zuzulaufen. Ob sein Plan aufgehen wird, erfahren wir nicht mehr. Aber wir sind so in Schwung, dass wir es uns selbst ausmalen. Und das ist allemal das Zeichen eines gelungenen Romans.

Wieland Freund: „Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün“. Mit Illustrationen von Kerstin Meyer. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2009. 184 S., geb., 12,95 €. Ab 8 J.



Buchtitel: Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün
Buchautor: Freund, Wieland

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Beltz & Gelberg

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