Von Susanne Klingenstein
15. Juni 2007 Wenn ich ein besonderes Talent habe, sagt Maurice Sendak, der abgründigste und witzigste lebende Kinderbuchillustrator, dann ist es nicht, dass ich besser zeichne als andere Leute. Sondern dass ich mich an die Geräusche, Gefühle und Bilder, an die emotionale Qualität bestimmter Augenblicke der Kindheit sehr intensiv erinnere.Die kontinuierliche zeichnerische Verarbeitung von Sendaks präziser, geradezu narzisstisch drängender Erinnerung an seine kleinstbürgerliche Kindheit im New Yorker Stadtteil Brooklyn der dreißiger Jahre als drittes, ungewolltes Kind jüdischer Eltern, die noch mit einem Fuß in der verfallenden Welt der polnischen Orthodoxie standen, hat die amerikanische Kinderbuchwelt massiv schockiert, ausgestaubt und umgekrempelt.
Wer nichts von Freud und Kollegen gelernt hatte, musste, den eigenen Kindern vorlesend, aus dem Crescendo von Sendaks Büchern zwischen 1963 und 1981 lernen, dass Kindheit eine Zeit der Frustrationen, der Angst, der Todesfurcht und der ohnmächtigen Wut ist und dass das Erwachsenwerden darin besteht, diese Gefühle, diese Dämonen, die Sendak wild things nennt, in den Griff zu bekommen.In seinem berühmtestem Buch Where the Wild Things Are (Wo die wilden Kerle wohnen, 1963), hat Sendak die chaotischen Elemente der seelischen Unterwelt allegorisiert, das heißt, er hat sie in den wilden Kerlen bildlich konkretisiert.
Ein Wort und sechs dreidimensionale Bildseiten
Diese Arbeit der Phantasie, das Umsetzen von Gefühlen in konkrete Bilder, die dann zum Niedlichen hin manipuliert werden können, bändigt die destruktive Gewalt der Gefühle und ermächtigt und befriedet das Selbst durch ihre imaginierte Kontrolle. Max, der einen Wolfsanzug trägt, hat seine Wut auf die Mutter am Hund ausgelassen. Die Mutter schimpft ihn darum wild thing, Max brüllt zurück: Ich fress' dich auf, und muss ohne Abendbrot aufs Zimmer. In dieser Gefangenschaft setzt der paradoxe Prozess der Zivilisierung ein. Max gibt sich völlig seinen Gefühlen hin. Sein Zimmer verwandelt sich in seine Fantasiewelt, in der Max doppelbödig als König der wild things regiert. Dann kehrt er in die Realität zurück, streift sich erschöpft die Wolfskapuze vom Kopf und findet auf dem Tisch ein immer noch heißes Abendessen vor.So beschrieb Sendak in 332 Worten und 18 Bildern die janusgesichtige Rolle der Phantasie. Sie berauscht, sie bändigt, sie ordnet, sie ermächtigt, sie zivilisiert. Etwa siebzehn Millionen Exemplare des Buches sind derzeit im Umlauf.
Eine Erstausgabe wird derzeit in Boston für 27.000 Dollar gehandelt. Nun hat der achtundsiebzigjährige Sendak ein neues Buch vorgelegt, sein erstes Pop-up-Buch. Es besteht aus einem Wort und sechs dreidimensionalen Bildseiten und reduziert den psychologischen Mechanismus der Wild Things auf seine Essenz. Es ist das schwärzeste und witzigste aller Sendak-Bücher, ein Destillat seines langen Nachdenkens über Kindheit und eine Glanzleistung gestalterischer Virtuosität. Ein kleiner Junge sucht seine Mutter in einem Haus, das vom Keller bis zum Speicher mit Monstern gefüllt ist: ein Irrer, Dracula, Frankenstein, eine verweste Mumie, ein Werwolf und ein giftgrüner Troll erscheinen als Antwort auf den Suchruf Mommy?, was im Englischen wie das Wort Mummy, Mumie, klingt.
Bewegliche Bühnenvorstellung zwischen Buchdeckeln
So sucht der Junge seine Mutter nicht nur im Horrorkabinett, sondern auch in der Befürchtung, sie unter den Toten zu finden - eine solche Suche liefert schon 1988 das Grundmotiv für Sendaks Buch Dear Mili. Die Monster basieren auf den Bühnenbildern, die Sendak für Arthur Yorinks' Schauspiel It's Alive entworfen hatte, das 1993 und 1994 durch ihr gemeinsam geführtes Kindertheater zur Aufführung kam. Yorinks, den Sendak als Teenager entdeckte und der mittlerweile auch mit den großen Illustratoren William Steig und David Small Kinderbücher gemacht hat, zeichnet nun im Buch Mommy für die Szenarien verantwortlich.Die lange Erfahrung in der dreidimensionalen Theaterarbeit, die den an die Zweidimensionalität der Buchillustration gewohnten Sendak zunächst sehr hart ankam, fließt direkt in die Gestaltung von Mommy? ein, dessen Pop-up-Mechanismen von Papieringenieur Matthew Reinhart auf das allerschönste konstruiert wurden - Mommy? wird man mit Fug und Recht eine bewegliche Bühnenvorstellung zwischen Buchdeckeln nennen.
Dadurch wird die Suche eines Jungen nach der Mutter zusätzlich dramatisiert. Die grausigen Entdeckungen aber, die er auf der Lebensreise macht, bändigt er durch die Arbeit der Phantasie, also durch Übersetzung in Bildgestalten, die er manipulieren und ironisierend bändigen kann. Der Junge entfernt die Halsschrauben von Frankenstein und gibt Dracula einen Schnuller. Die Monster werden seine Freunde und begleiten ihn auf der Suche. Am Schluss verlassen sie das Haus, gehen über den Friedhof und gelangen vor die Tür einer Gruft. Dort entdecken sie, was selbst den Mond vor Schreck von sattem Gelb zur bläulichen Leichenblässe entfärbt.Die Moral dieser Geschichte und von Sendaks eigener langen Suche ist, dass uns nicht jeder Fund beglückt. Schon in seinem allerersten Buch, Kenny's Window, fragte Sendak 1956: Willst du wirklich, was du zu wollen glaubst? Die Antwort in Sendaks großem Alterswerk ist eindeutig. Sie ist der Schock hinter der Tür zur Gruft.
Maurice Sendak, Arthur Yorinks, Matthew Reinhart: Mommy?. Scholastic Inc., New York 2007. 12 S., geb., 26,- [Euro]. Ab 6 J.
Buchtitel: Mommy?
Buchautor: Sendak, Maurice
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2007, Nr. 131 / Seite 32
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL
