Karen Duves Weihnachten

Testfest für die ganze Familie

Von Eberhard Rathgeb

18. Dezember 2006 Karen Duve hat keinen Weihnachtsbaum daheim stehen, aber einen Adventskranz mit vier Kerzen. Vielleicht braucht man, wenn man zu Weihnachten allein ist, keinen Weihnachtsbaum, sondern nur einen Adventskranz. Sie mag das Alleinsein zu Weihnachten. Alles ist stiller als sonst, Ruhe kehrt ein, das Telefon klingelt nicht mehr, nur der Fernseher mit dem in ihren Augen guten weihnachtlichen Fernsehprogramm läuft: unheilige Nacht.

Sie hat vor drei Jahren ein Kinderbuch geschrieben, das heißt „Weihnachten mit Thomas Müller“, wobei Thomas Müller ein Bär ist, der bei der Familie Wortmann in Hamburg lebt, genaugenommen dem Sohn gehört. Diese nüchterne Weihnachtsgeschichte ohne Engel wurde rund fünfzigtausendmal verkauft. Nun ist eine Fortsetzung dieses Kinderbuches herausgekommen, gerade rechtzeitig zum Fest, sie heißt „Thomas Müller und der Zirkusbär“ und spielt nicht am 24. Dezember, sondern am zweiten Weihnachtsfeiertag, der auch ein ganz normaler Tag sein könnte.

Frottee zu Fräuleinwunderzeiten

Bald ist Weihnachten, und die Herren haben noch ein wenig Zeit, um in die Geschäfte für die besonderen Damenteile zu rennen und dort für ihre Damen Teile zu kaufen, die ihre Damen dann, wenn es Nacht wird, anziehen sollen, damit die Herren sich an ihnen, die in den wundersamen Teilen stecken, sattsehen können. Das erwähne ich nur deswegen, weil die Schriftstellerin Karen Duve, in einem unverfänglich gestreiften Frottee-Bademantel steckend, sich einmal aufs Sofa gelegt und dort hat ablichten lassen, als von einem Literaturkritiker im „Spiegel“ an einem ansonsten ereignislosen Tag das sogenannte Fräuleinwunder der deutschen Literatur ausgerufen worden ist.

Der Literaturkritiker hatte sich, und zwar war das im Dezember 1999 gewesen, damit auch in der Vorweihnachtszeit, darüber gewundert, daß junge deutsche Frauen schreiben können - offenbar hatte er nicht damit gerechnet - und daß diese schreibenden jungen Frauen mit ihren Romanen und Erzählungen wie aus einem Guß dastanden. Zu ihnen gehörten vor allem Judith Hermann, Jenny Erpenbeck, Julia Franck und eben auch Karen Duve, die 1961 in Hamburg geboren und zur Zeit des Fräuleinwunders schon achtunddreißig Jahre alt gewesen ist. Auf Wunder muß man warten lernen.

Weihnachten: unsentimental und allein

Ich habe Karen Duve nicht nach dem Bademantelbild gefragt, weil das sieben Jahre her ist und weil sich auch keiner aufregt, wenn die zweiundsiebzigjährige Schauspielerin Sophia Loren sich für den neuen Pirelli-Kalender mit entsprechenden Teilen bekleidet in die Bettlaken kuschelt. Da sagt keiner etwas dagegen, worüber man sich wiederum nicht mehr wundern muß, denn wahrscheinlich leidet Sophia Loren unter dem Forty-Something-Syndrom.

Karen Duve wird Weihnachten alleine daheim verbringen. Für viele Menschen ist die Vorstellung, an Weihnachten alleine daheim zu sein, ein Horror. Sie stellen sich all die Familien vor, die Weihnachten zusammen feiern, und sacken bei dem Gedanken zusammen, daß sie allein sein werden. Karen Duve ist in Hinblick auf ihr Weihnachten guter Dinge. Man möchte diese fröhliche Feststandfestigkeit allen anderen wünschen. Karen Duve wird nicht sentimental.

Wie eine, mit der man geradeheraus reden kann

Weihnachten sei ein Tag der großen Erwartungen, so Duve ohne Umschweife, jeder habe Erwartungen an diesen Tag, jeder erwarte, daß dieser Tag für ihn ein schöner Tag werde. Und gerade dieser Tag könne dann, wenn die Familie nicht funktioniert, sofort in einen schlechten Tag umschlagen, sagt sie, die keine Kinder hat. Weihnachten kann der Tag sein, an dem man merkt und an dem sich zeigt, weil es sich jetzt nicht verbergen läßt, daß man sich daheim nicht zu Hause fühlt. Nach dem „Regenroman“ (1999) hat sie den Roman „Dies ist kein Liebeslied“ (2002) geschrieben, der ein großer Erfolg geworden und in dreizehn Sprachen übersetzt worden ist. Sie lebt auf dem Land in Schleswig-Holstein in einem von der Bahn aufgegebenen Bahnhof, an dem eine Bahnschiene vorbeiführt, auf der einmal am Tag ein Zug fährt. Sie sieht glücklicherweise nicht aus wie ein deutsches Fräuleinwunder, sondern wie eine sympathische polnische Landarbeiterin, mit der man geradeheraus reden kann.

Karen Duve lebt in ihrem Bahnhäuschen, das statt aus einer großen Wartehalle aus vielen kleinen Zimmern besteht, nicht ganz alleine, das heißt, andere Menschen leben dort nicht mit ihr zusammen, aber Tiere. Sie hat einen Hund, einige Hühner, ein Pferd und ein Maultier. Damit könnte man ein Weihnachtsspiel bestreiten.

Ein Pferd wie ein Sams

Die Hühner leben in einem Hühnerstall mit einer elektrischen Stalltürvorrichtung: Die Stalltür geht zu einer bestimmten Tageszeit auf, und sie geht zu einer bestimmten Tageszeit wieder zu, wenn sie, die Schriftstellerin, nicht da, sondern auf Lesereise ist. Sie hat auch Fische. Sie hat in einem der kleinen Zimmer einen Teich angelegt, wenn ich das richtig verstanden habe, und an dem Tag, an dem wir uns trafen, hat sie am Vormittag einen ihrer Fische ärztlich versorgen lassen müssen, es war höchste Eisenbahn, weil der Fisch TBC hat, was mit zuviel Feuchtigkeit zusammenhängen soll. Diesen Strang habe ich nicht weiterverfolgt.

Was Karen Duve wahrscheinlich mit vielen Menschen teilt, das ist der matte Blick auf das Fest. Die Krippe ist leer, kein Wort über Christi Geburt, nur ein Schulterzucken über die Kirche im allgemeinen und die Kirchgänger, über die Männer, sie sagt Männer, nicht Menschen und auch nicht Frauen, die sich in der Kirche hinknien und eine Oblate empfangen.

Sie wird zu Weihnachten morgens mit ihrem Pferd ausreiten (das werden die wenigsten können, weil sie kein Pferd haben). Bei dem Pferd handelt es sich um einen Knappstrupper, wenn ich das richtig behalten habe, das Pferd sei weiß und habe früher viele schwarze Punkte gehabt. Die schwarzen Punkte seien aber mit der Zeit verschwunden, bedauert sie. So wie beim Sams, denke ich, das Herr Taschenbier eines Tages auf der Straße getroffen hat, das heißt nicht eines Tages, sondern eben an einem Samstag, daher der Name Sams. Er hat es mit sich nach Hause genommen, wo er feststellte, daß die blauen Punkte, die das Sams im Gesicht hat, sogenannte Wunschpunkte sind. Das ist aber eine andere Kinder-, keine Weihnachtsgeschichte.

Wunschlisten statt Wunschpunkte

Wenigstens hat das Pferd, auf dem Karen Duve am Weihnachtsmorgen durch den Wald reiten wird, keine Wunschpunkte mehr. Wir schauen nach draußen in einen Fußgängerbereich Hamburgs, wo keine Pferde laufen, aber Menschen mit Plastiktüten, in denen Geschenke sind, weil alle Menschen, vor allem die Kinder, zu Weihnachten nicht nur Wunschpunkte, sondern ganze Wunschlisten im Gesicht tragen, die erfüllt werden wollen.

Weihnachten sei der Test für jede Familie, ob sie wirklich funktioniert, sagt Karen Duve. Oft sei es doch so: Das ganze Jahr erträgt man eine familiäre Situation mit Müh und Not, aber zu Weihnachten kann man sie nicht mehr ertragen. Das sind dann in den schlimmsten Fällen die Einsatzfälle für die Polizei.

Sie reitet am Festtag zwei Stunden durch den Wald, stellt das Pferd wieder in den Stall, macht dem Pferd und dem Maultier eine Weihnachtsfutterüberraschung und schiebt daheim ihre biologische Pute in den Ofen. Wer jemals Puten im Ofen hat schmoren lassen, weiß, daß Puten lange im Ofen schmoren müssen, bevor man sie essen kann, und deswegen ist es dann schon Nachmittag, als Karen Duve die Weihnachtspute, die sie gestern im Supermarkt bestellt hat, aus dem Ofen herauszieht und auf den Tisch zu Erbsen und Möhren und Kartoffeln stellt: in Leben ohne Illusionen auch am 24. Dezember.

Nach dem Essen Fernsehen - Millionen sitzen neben ihr

Nach dem Weihnachtsmahl setzt sie sich mit dem Hund vor den Fernseher und schaut sich den deutsch-tschechischen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ an. Millionen werden neben ihr sitzen. Wahrscheinlich schauen die meisten Leute an den Weihnachtsfeiertagen vor allem in den Fernseher, in dem für sie die größten Wunder passieren.

Draußen ziehen die Leute mit ihren letzten Geschenktüten dahin. Liebe zeigen durch Geschenke, sagt Karen Duve. Man zeige dem anderen, was man von ihm hält und wie man zu ihm steht durch das Geschenk, das man ihm macht. Das ist die trübe frohe Botschaft des Festes. Wenn die Leute mit den Geschenktüten wüßten, was sie da nach Hause tragen und was sie daheim in den Herzen ihrer Lieben und Liebsten damit anrichten können, denke ich, würden sie jetzt vielleicht umkehren und umtauschen, was sie gekauft haben, die Männer würden vielleicht wieder in den Laden für die Damenteile gehen und sagen, daß sie es sich doch anders überlegt hätten, und davoneilen - nur wohin?

Eine schöne Bescherung

Wohin am Weihnachtstag kurz vor Ladenschluß? Wenn die Läden schließen, liegt die Wahrheit, eingewickelt in Glanzpapier, zutage beziehungsweise unterm Tannenbaum, und dann gibt es kein Zurück mehr, und schöne Worte werden nicht geradebiegen, was das Geschenk vermasselt hat.

Offensichtlich ist die Schriftstellerin Karen Duve eine Weihnachtsexpertin für die Fußgängerzone, die sich durch unser ganzes Leben zieht, eine Weihnachtsstimmungsexpertin für den Normalseelenhaushalt - und lag es da nicht nahe, sie kurz vor Weihnachten zu fragen, wie sie es mit Weihnachten hält und wie sie Weihnachten verbringt? Es lag nahe. Schöne Bescherung.



Text: F.A.Z., 19.12.2006, Nr. 295 / Seite 42
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Matthias Lüdecke

 
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