Von Tilman Spreckelsen
27. Oktober 2006 Wer mit Gewißheit sagen kann, wo er steht, hat es gut: 52.22N und 9.44E leuchtet es rot von der Fassade des Schauspielhauses in Hannover, und auch innen, im nüchternen Foyer, fällt die Orientierung nicht schwer. Mit den ersten Szenen von Tintenblut, Robert Koalls Dramatisierung von Cornelia Funkes Erfolgsroman des vergangenen Jahrs, ändert sich das rasch.
Zwei Welten, mindestens, stoßen da aufeinander und durchdringen sich. Hatte man es im ersten Teil der als Trilogie angelegten Romanfolge, in Tintenherz (2003), noch mit ein paar finsteren Gestalten zu tun, die der sanfte Buchbinder Mo unvorsichtigerweise aus einem Abenteuerroman geradewegs in die Wirklichkeit hinausbefördert hatte, geht die Geschichte nun den umgekehrten Weg: Mos Tochter Meggie, der Gaukler Staubfinger und noch ein paar andere geraten nunmehr in dieses Buch hinein, in dem sich, um die Sache noch ein bißchen komplizierter zu machen, auch der Autor befindet. Gemeinsam kämpfen sie gegen einen Usurpator mit dem sprechenden Namen Natternkopf und darum, wieder in die Wirklichkeit zu gelangen. Vollends verworren wird es dann, als sich auch die Handlung in diesem Mikrokosmos ständig ändert: Das Buch schreibt sich selbst immer wieder neu, und was einst statisch und zielgerichtet war, ist jetzt ein bunter Reigen, in dem sich niemand mehr auskennt.
Alles ist in Bewegung
Das erste Bild zeigt eine Bibliothek: an den Seiten je ein Regal wüst zusammengewürfelter Bände, wo das Buch Tomaten neben Apollo 13 steht, in der Mitte eine riesige Bücherwand, deren Teile sich gern öffnen, im Boden versinken oder zur Seite schwenken. Das setzt früh einen Akzent, der den Abend über anhält: Alles ist in Bewegung, untermalt von Blitz und Donner, und weil das so eingängig wie unterhaltsam ist, gibt es bei jedem Szenenwechsel Applaus. Die Schauspieler halten da gern mit, allen voran der dezidiert fiese Natternkopf. Auf hohen Absätzen, in enger schwarzer Glitzerhose und passendem Umhang chargiert Bernd Geiling nach Herzenslust. Svenja Wassers Meggie ist patent, ihre Großtante Elinor, wie Angela Müthel sie gibt, ein resolutes Flintenweib, Moritz Dürrs Buchbinder Mo ein besorgter Vater, der seine Tochter zurückhaben will, und daß diese Theaterfiguren gegenüber dem Buch einiges an Vielschichtigkeit einbüßen, liegt auf der Hand.
Thomas Birkmeirs Regie mag da nicht gegensteuern, und der Applaus der zu einem guten Teil jugendlichen Zuschauer ist ihm sicher. Daß sich der voluminöse Roman als zweistündiges Feuerwerk wirkungsvoll auf die Bühne bringen läßt, ist das eine Ergebnis dieses Abends. Wie sehr er dabei zusammenschnurrt, ist das andere.
Text: F.A.Z., 23.10.2006, Nr. 246 / Seite 37
Bildmaterial: AP