Jerry Spinellis Jugendbuch „Lieber Leo - Dein Stargirl“

Die Stille nach dem Schluss

Von Tilman Spreckelsen

05. Juni 2009 Irgendetwas ist mit Stargirl geschehen, so viel ist sicher, es hängt mit Leo zusammen, dem Jungen, dem sie hinterhertrauert, seit sie nicht mehr mit ihm zusammen ist, mit der alten Schule, in die sie nicht mehr geht, seit sie mit ihren Eltern weggezogen ist, vielleicht auch mit dem alten Archie, den Stargirl seit dem Umzug nicht mehr in seinem Haus in der Wüste besuchen kann.

Irgendetwas ist also passiert, nur dass dies eigentlich sehr beredte Mädchen darüber nur andeutungsweise spricht. Oder besser: schreibt, denn Jerry Spinellis Roman „Lieber Leo - Dein Stargirl“ besteht aus einem sehr langen Brief, den das Mädchen an den Exfreund richtet und tagebuchartig weiterführt, über die Jahreszeiten, schwankenden Stimmungen und Erlebnisse mit Menschen hinweg, die ebenso einsam sind wie sie, ebenso verschroben und ebenso liebenswert. Und ebenso viel Stil besitzen, jeder auf seine Weise: Da ist die fünfjährige Dootsie, deren überwältigend impulsive Art Stargirl immer neu aus ihrer Trauer um Leo holt, da ist der Witwer Charlie, der seine Zeit auf der Friedhofsbank verdämmert, oder der irritierende junge Kleptomane Perry, der Stargirls Interesse weckt und demonstrativ an sich abperlen lässt.

Äußerst liebevoll, leicht überdreht und völlig schutzlos

Je weiter aber dieser Briefroman kommt, desto deutlicher wird, warum Leo nicht mehr bei Stargirl ist, und eigentlich hätte man es ahnen können, vom Moment des ersten Kennenlernens an: Stargirl, die eigentlich Susan heißt und sich den exzentrischen Namen selbst verpasst hat, Stargirl also lief damals mit einem Hippiekleid und einer Ukulele auf dem Rücken durch die Schulmensa geradewegs auf Leo zu und las dabei die Angst in seinen Augen - Angst vor einem großen Auftritt, einer Szene, einem Ständchen. Später hing sie dann ein großes Plakat „Stargirl liebt Leo“ an die Schulwand, und noch später fragt sie sich, ob das vielleicht ein Fehler war, der zur Trennung führte. Ob Leo sie sitzengelassen hätte, wird sie einmal gefragt. Ihre Antwort: „Niemand hat je gesagt: ,Hiermit lasse ich dich sitzen. Hinfort, Sitzengelassene.' Er stand unter ziemlichen Druck. Es hat einfach nicht funktioniert.“

Jerry Spinelli gilt als einer der Großen der amerikanischen Jugendliteratur; in diesem - von Andreas Steinhöfel meisterlich ins Deutsche gebrachten - Buch zeigt er, warum er den Ruf verdient. Er zeichnet das Bild einer völlig schutzlosen, leicht überdrehten, äußerst liebevollen Menschenfreundin in einer Welt, die, so scheint es, dafür nicht allzu viel übrig hat. Die tanzt und meditiert und sagt, was ihr durch den Kopf schießt, und dabei so viel Angriffsfläche bietet, dass sich immer jemand findet, der auf das Lächerliche in ihrer Existenz deutet. Dass ihr gerade darum die Liebe des Autors gehört, zeigt sich rasch. Dem Leser wird es ähnlich gehen.

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Lieber Leo - Dein Stargirl
von Spinelli, Jerry
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Jerry Spinelli: „Lieber Leo - Dein Stargirl“. Aus dem Amerikanischen von Andreas Steinhöfel. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2009. 319 S., geb., 14,90 €. Ab 12 J.



Buchtitel: Lieber Leo - Dein Stargirl
Buchautor: Spinelli, Jerry

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dressler

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