Axel Schefflers Bilderwelten

Der Dämon mit den Kulleraugen

Von Tilman Spreckelsen, London

Geliebt und gefürchtet: Schefflers Grüffelo

Geliebt und gefürchtet: Schefflers Grüffelo

10. August 2008 „Er wollte das Experiment wagen. Ob sie sein Herz noch einmal zum Vibrieren brächte?“ So steht es unter einer Zeichnung Axel Schefflers, die an entlegener Stelle, in der Reihe „Die tollen Hefte“ im Maro Verlag, publiziert wurde. Das Bild zeigt im Vordergrund einen Hamster, so unsicher und angespannt, dass die Barthaare zittern. Daneben sieht man eine durchschnittliche Frau mittleren Alters im einfachen ärmellosen Kleid, diejenige offenbar, um die es hier geht. Und was immer einst zwischen dem Hamster und ihr vorgefallen ist, was immer noch Herzerschütterndes geschehen wird, alles bekommt eine neue Dimension durch den Gegenstand, den sie in ihren Händen hält: einen Staubsauger.

Wer Axel Schefflers Bildern vorschnell auf den Leim geht, der sieht nur Kulleraugen und Niedlichkeit. Nicht, dass es das dort nicht gäbe, auch nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, wenn es mit solcher Kunstfertigkeit und Raffinesse ausgeführt ist und wenn die klaren Konturen der zentralen Zeichnungen von so vielen zauberhaften kleinen Details am Rand umspielt werden. Sie stiften Chaos, wo Eindeutigkeit droht, sie legen neue Fährten und dröseln den Erzählstrang genüsslich auf.

Es schwirrt einem der Kopf

Und das mitunter im Einklang mit dem Text: „Das Lieblingsbuch von Benni Stern“ etwa, geschrieben von Julia Donaldson und gezeichnet von Axel Scheffler, erzählt von einem Jungen, der gerade ein Piratenbuch liest. Darin steht, wie ein Piratenkapitän auf einer Insel in einer Schatzkiste ein Buch findet, das wiederum von drei Bären erzählt, die am liebsten Rittergeschichten lesen, und so geht das immer weiter. Am Ende schwirrt einem der Kopf bei so viel verschachtelten Büchern, und Schefflers Bilder wirbeln munter mit, weisen listig vor und zurück und machen so aus der linearen Erzählung ein Tableau, das ganz richtig auf der letzten Seite wieder bei Benni Stern angekommen ist.

Axel Scheffler ist der erfolgreichste deutsche Illustrator der Gegenwart. Das zeichnete sich ab, als er sich 1993, damals schon ein etablierter Künstler, bei seinem Verlag für das Manuskript einer Kinderliederautorin stark machte und Julia Donaldsons gereimtes „Mein Haus ist zu eng und zu klein“ dann auch selbst illustrierte. Zehn gemeinsame Bücher haben sie miteinander herausgebracht, das bislang letzte von ihnen, „Stockmann“, erscheint am 15. September auf Deutsch, und seit dem Erfolg des „Grüffelo“, der sich weltweit über zwei Millionen Mal verkaufte, werden ihnen die neuen Bände aus den Händen gerissen.

Es hat sich mit der Ordnung

Scheffler, der 1957 in Hamburg geboren wurde, kam nach einem, wie er sagt, „ergebnislosen Studium der Kunstgeschichte“ 1982 nach England und studierte in der Nähe von Bath Graphik. Seit 1986 lebt er als Illustrator in London, seit einiger Zeit in einer Wohnung im Südosten der Stadt, in der Nähe der Sternwarte von Greenwich. Das mit prächtigen Säulen geschmückte Haus steht auf einem Hügel, der Blick aus den großen Fenstern geht frei, ein paar Schritte weiter fängt der akkurate Park an, aber dann hat es sich auch schon mit der Ordnung.

In Schefflers Arbeitszimmer im ersten Stock verschwindet der Tisch unter Gläsern, Büchern und Papierbögen, unter Unmengen von Pinseln und Farbtöpfchen. Ein Regal biegt sich unter Belegexemplaren seiner Bücher - „Die Schnecke und der Buckelwal“, „Flunkerfisch“, „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ und viele mehr, dazu kommen noch Puzzles und Malbücher auf der Grundlage dieser Bücher. Ein Schrank mit breiten, flachen Schubladen bewahrt Entwürfe und Skizzenbücher.

Fasziniert von Paranoia

Und die sind ein Schatz: Sie stecken voller Miniaturen, darunter eine hinreißende Füßli-Adaption mit einem kulleräugigen, dabei nicht minder dämonischem Alb. Sie zeigen Menschen und Tiere aufs Wesentliche reduziert, nicht selten in grotesken Situationen: Ein Mann rudert rückwärts in ein riesiges Fischmaul, ein anderer trägt eine schwere Kette um den Hals, deren anderes Ende in der Hand einer Frau verschwindet, die einen Kinderwagen schiebt, ein Dritter flieht gestreckten Beines, während über ihm ein tropfenförmiger Stern schwebt und man zu seinen Füßen liest: „Der Komet drohte ihm genau auf den Kopf zu fallen.“

Paranoia, so scheint es, ist für Scheffler ein faszinierendes Sujet. Ein großartiges, bislang unveröffentlichtes Büchlein enthält seine Illustrationen zu dem Gedicht „Der Verdrüßliche“, das der Biedermeier-Autor Ludwig Bechstein 1836 publiziert hatte. Dessen Held findet an allem etwas auszusetzen, was ihm begegnet, es weiß, dass sich seine Umwelt gegen ihn verschworen hat und nur deshalb feiert und lacht, um ihn zu verstimmen. Selbst die Jahreszeiten kommen und gehen einzig, damit er darunter leidet, und wäre all dies nicht, so ahnt er, wäre er doch immer noch der Aggression seiner Selbst ausgeliefert: „Wo ich auch geh und steh, / Ich meinen Schatten seh, / Immer verfolgt er mich. / Ist das nicht ärgerlich?“

Ach, wie verdrüßlich

Schefflers Schwarzweiß-Zeichnungen dienen dem Text, indem sie das Geschilderte treu umsetzen, und sie interpretieren ihn aufs Schönste, indem sie dem Gequälten immer neue Grade der Verdrüßlichkeit verleihen. Da ist der schmale Mund, der sich von Bild zu Bild weiter wölbt, die gewohnt runden Augen werden von den schweren Brauen förmlich nach unten gedrückt, und jeder Anlauf zur Gelassenheit, den Scheffler der Figur gewährt, endet in der Verzweiflung. Am Ende ist der Mann, wie Scheffler ihn anlegt, nicht länger zornig, sondern nur noch sterbensmatt: „Bin ganz verdrüßlich. / Weil nichts nach meinem Sinn, / Weil ich verdrüßlich bin, / Ach, wie verdrüßlich.“ Das Bild zeigt ihn, wie er vor einem Pappkarton steht, den er sich über den Kopf zieht.

Ein minimalistisches Meisterstück. Am liebsten, sagt Scheffler, würde er nur Vignetten malen, etwa so wie unlängst in seinem bei Gerstenberg erschienenen „Hausbuch der Narren und Schelme“, da er „nicht gut im Bilderkomponieren“ sei. „Aber das geht eben nicht, wenn man Bilderbücher macht. Da bin ich jetzt durch den Erfolg gefangen und kann mich auch nicht darüber beklagen.“

Illustrieren, was da ist

Am Anfang seiner Karriere arbeitete er für Zeitschriften und Werbeagenturen und zunehmend auch für Verlage. Heute illustriert er fast nur noch Kinderbücher. Dass er dabei auf fremde Texte angewiesen ist, die er umzusetzen hat, stört ihn nicht weiter: „Ich habe schon lange akzeptiert, dass ich kein Geschichtenausdenker bin, und muss damit leben. Das ist ja auch mein Job als Illustrator: das zu illustrieren, was da ist.“

Das ist reichlich tiefgestapelt. Nicht nur, weil Scheffler natürlich starke bildliche Akzente setzt und etwa der Erfolg des Grüffelo, jenes aus der Phantasie eines Mäusleins geborenen Monsters, das dann auf einmal sehr real wird, ohne Schefflers suggestive zeichnerische Adaption kaum denkbar wäre. Sondern auch, weil Scheffler 1999 mit „Vater Eichhorn fällt vom Baum“ eine selbstgeschriebene Geschichte veröffentlichte, die in schöner Lakonie von einer langen Reise eines Eichhörnchens erzählt und den jungen Lesern dabei einiges zumutet.

Ein Fisch wie der Grüffelo

Tatsächlich leben Schefflers Bücher von der Spannung, die sich zwischen den auf den ersten Blick freundlichen Bildern und dem Erzählten ergibt - das war schon bei „He Duda“ so, einer Geschichte von Jon Blake, die Scheffler 1992 illustrierte und die den Weg eines orientierungslosen Kaninchens schildert, das am Ende um ein Haar von einem Wiesel gefressen wird, mit dem es sich zuvor arglos unterhalten hatte. Das ist beim Grüffelo nicht anders und nicht beim 2007 erschienenen „Flunkerfisch“, dessen fabulierfreudiger Held beinahe auf dem Fischmarkt landet. Dass sich dieses späte Buch des Erfolgsduos Scheffler und Donaldson nun mit dem Schicksal eines Geschichtenerzählers beschäftigt, der sich in seinen Erfindungen zu verlieren droht und dann durch sie retten kann, ist kein Zufall: In den vergangenen Jahren haben einige der besonders populären Kinder- und Jugendbuchautoren wie Cornelia Funke oder Jacqueline Wilson in ihren Büchern das eigene Schreiben thematisiert und problematisiert. Im „Flunkerfisch“ findet sich dann auch eine Figur, die Julia Donaldson gleicht - und ein Fisch, der aussieht wie der Grüffelo.

Selbstreferentiell? Scheffler wehrt ab. Der Grüffelofisch sei nichts als „ein Gag, weil ich weiß, dass Kinder das klasse finden, wenn der da wiederauftaucht“. Allerdings hätten es Autoren, die für jüngere Leser schreiben, in England insgesamt leichter beim erwachsenen Publikum als in Deutschland, sie seien präsenter in den Medien, und einige von ihnen seien geradezu Stars: „Es gibt hier eine unheimlich starke Tradition des Kinderbuchs, alle haben ihre Winnie the Poohs und Beatrix Potters und lieben sie.“ Er selbst werde in diesem Zusammenhang übrigens nie als genuin deutscher Künstler wahrgenommen, auch mit Schlagzeilen wie „Der Kraut, der unsere Kinderbücher malt“ hätte man ihn bisher verschont. Und das ist schon eine ganze Menge.

Axel Scheffler geht mit Julia Donaldson vom 6. September an in Deutschland auf Lesereise.

Termine:

Hamburg: 6. und 7. September
Münster: 8. September
Bochum 9. September
Nürnberg 10. September
Coburg 11. September
Leipzig, 12. September
Grimma-Kaditzsch: 12. September. Vernissage Axel Scheffler (20 Uhr, Denkmalschmiede Hoefgen). Lesung am 13. September.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Axel Scheffler

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Gruppenbild mit Grüffelo: aus “Von Drachen und Mäusen“Schwein und Maus“Stockmann“ heißt das neuste Buch von Scheffler/DonaldsonAxel Scheffler wurde 1957 in Hamburg geboren Anhalter willkommen: Axel Schefflers “Für Hund und Katz ist auch noch Platz““Die Schnecke und der Buckelwal“ ist wie alle Bücher von Scheffler und Donaldson auf Deutsch bei Beltz & Gelberg erschienenFlunkernde und andere Fische: “Flori Flunkerfisch“Selbstporträt des Zeichners
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