30. April 2009 Eigentlich müssten sich die Dachziegel in der Dieffenbachstraße lösen, Risse im Asphalt aufspringen, und der Himmel müsste immer dunkler werden. Nichts dergleichen, um ein Lieblingswort Ricos zu verwenden, geschieht. Herzgebreche ist zwar eine ganz große Katastrophe - aber außen sieht man nichts davon.
Treffender als mit Herzgebreche könnte man es kaum bezeichnen, das Leiden an der Welt und ihren Insassen. In der Dieffenbachstraße grassiert das Herzgebreche. Und Frau Dahling, die Wurstverkäuferin vom Karstadt Hermannplatz, ist vorerst die Einzige, die sich davon zumindest teilweise erholt. Dass sie niemanden hat als den tiefbegabten Nachbarsjungen Rico und dessen hochbegabten Freund Oscar, um Die Scheidung ist durch bei den Müffelchen genannten Schnittchen und Sekt zu feiern, verursacht aber auch dem Leser ein Ziehen in der Herzgegend. Denn Rico, dessen feine Antennen für die Seelennöte anderer wir schon in Andreas Steinhöfels großem Roman Rico, Oscar und die Tieferschatten lieben lernten, weiß ebenso altklug wie klug, dass es eben einfach schwierig ist, bis ans Ende seines Lebens allein statt zu zweit auf einem Plüschsofa zu sitzen.
Das Böse und das Graue nehmen mitten in Ricos Leben Platz
Im neuen Roman Rico, Oscar und das Herzgebreche sind nicht nur die schönen Kapitelbilder und Bingokugeln von Illustrator Peter Schössow ganz in Grautönen gehalten. Bei aller Situationskomik ist es Kummer aller Schattierungen, der die Erwachsenen und die Kinder prägt. Und Ricos Mama hat ein ganz großes Herzgebreche, aber das verschweigt sie ihm lange. Diesmal nehmen das Böse und das Graue mitten in Ricos Leben Platz. Seine Mutter ist Täterin und Opfer zugleich in dem Kriminalfall, den Rico und Oscar lösen müssen.
Weil Rico, der Tiefbegabte, in weniger poetischer Bezeichnung ein Kind mit dem Krankheitsbild Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivität ist, fangen die Gedanken wie Bingokugeln in seinem Kopf an zu rotieren. Er muss sie noch öfter als bei seinem ersten Abenteuer sortieren, Tagebuch schreiben und Begriffe in kleinen Kästchen erklären, was wieder ausgesprochen vergnüglich ist, denn Rico versteht es, auch schwierige Sachen zu klären: Ohne Empfindsamkeit ist man unsensibel, behält aber immer gute Laune, zum Beispiel, wenn jemand vor einem zufällig die Treppe runterfällt. Man muss ihn dann aber liegen lassen, sonst zählt es nicht.
Einfühlsam und präzise in Kinderseelen hineingedacht
Vor allem aber geht es in Rico, Oscar und das Herzgebreche um die Themen, die Steinhöfel beschäftigen, seit vor 18 Jahren sein erstes Kinderbuch Dirk und ich erschien. Um Vertrauen und Loyalität - zwischen Eltern und Kindern und zwischen Freunden. Ricos und Oscars ungleiche Freundschaft wird ordentlich strapaziert, nicht nur durch den Krimi, den sie erleben. Rico weiß, trotz aller Ängste, ganz gewiss: Seine Mutter liebt ihn und würde nie etwas tun, was sie und ihn auseinanderbrächte. Oscar hingegen wird von seinem Vater im Stich gelassen. Verwaisende Eltern und vernachlässigte Kinder bevölkern Steinhöfels Bücher; im Grunde ist Rico, nicht nur wegen seiner Krankheit, eine Ausnahme unter seinen Helden. Er hat zwar nur eine Mutter, die aber kümmert sich bestens um ihn, auch wenn sie nachts als Bardame in einem Animierclub arbeitet. Oscar aber ist wie Max in Steinhöfels Mechanischen Prinzen, der von sich sagt, seine Mutter sei nicht dabei gewesen, als er geboren wurde; oder Olaf aus Beschützer der Diebe. Allerdings hat Oscar nicht zu viel Taschengeld, sondern einen Vater, der Hartz IV vertrinkt.
Steinhöfel ist ein Moralist, der offenen Auges durch seinen Wohnort Berlin-Kreuzberg geht, aber für Sozialkitsch nichts übrig hat. Darin erinnert er an Erich Kästner, deshalb hat er wohl auch den diesjährigen Kästner-Preis erhalten. Kästners Appell an die Kinder, Vergesst eure Kindheit nicht! scheint Steinhöfel den Weg zu leuchten - und dessen Überzeugung, nur wer beim Erwachsenwerden das Kindsein nicht ablege, sei ein Mensch. Steinhöfel gelingt es auch in Rico, Oscar und das Herzgebreche, sich in Kinderseelen hineinzudenken. So einfühlsam und präzise, dass es auch dann eine Freude ist, wenn Ricos Gedanken grau oder gar schwarz gefärbt sind.
Diesmal ist Steinhöfel seinem begnadeten Erzähler davongaloppiert
Die kindliche Schläue und die noch ungebrochene Lust am Leben kehren auch bei Rico zurück, und schon früh hat er Oscars Bildungseifer als Schutzschild vor seinen Ängsten erkannt: Oscar hat den Glauben, die Welt meine es prinzipiell erst einmal gut, schon als kleines Kind verloren. Steinhöfel versteht es, den jungen und den älteren Lesern klarzumachen, dass das Verbittern und Versteinern, für das der alte Fitzke mit seinem poetischen Steinestall steht, der falsche Weg ist - und dass der Urgrund für alles in der Kindheit liegt. Er ist auf wundersame Weise ein Bewusstmacher des Zustandes Kindsein.
Nur in einem Punkt hat sich Steinhöfel, leider, nicht von Kästner inspirieren lassen: Etwas von dessen Lakonie, sowohl als Erzählstrategie als auch in der Figurenrede, hätte dem neuen Rico-Buch mehr als gutgetan. Denn der Vertrag, den der Leser schon bei Rico, Oscar und die Tieferschatten eingegangen ist, lautete: Rico ist zwar tiefbegabt, aber ein überdurchschnittlicher, ja begnadeter Ich-Erzähler. Diesmal aber ist der Autor Steinhöfel, der gerne mal schwelgerisch wird, gewissermaßen seinem Erzähler Rico davongaloppiert. Dass Rico Floskeln aufschnappt und zum Pathos neigt, hat durchaus Charme. Sogar seine Lieblingswörter dergleichen und womöglich nimmt man ihm noch ab. Doch Fremdwörter und Schachtelsätze, blumige Exkurse, selbst ironisch gemeinte, machen den Text überreich und nehmen etwa den hübschen Erklärkästchen oftmals die Existenzberechtigung.
Die Glaubwürdigkeit des tiefbegabten Erzählers leidet darunter. Wundersamerweise schreibt er sich dennoch, ein weiteres Mal, ins Herz des Lesers. Sogar, wenn er in seiner altklugen Art am Ende feststellt, er lebe in einer undurchschaubaren Welt voller Rätsel und Geheimnisse. Denn da hat er einfach nur recht.
Andreas Steinhöfel: Rico, Oscar und das Herzgebreche. Carlsen Verlag, Hamburg 2009. 269 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 10 J.
Buchtitel: Rico, Oscar und das Herzgebreche
Buchautor: Steinhöfel, Andreas
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Carlsen