Von Andreas Rosenfelder
27. Oktober 2006 Bei diesem Fall hilft wohl nicht einmal ein Tatortkoffer weiter, wie er in alten Bänden der Drei ??? als Anzeige auftauchte - mit Karteiblättern, Metallpulver und Detektivausweisen. Es geht um die Drei ???, eine der erfolgreichsten Jugendserien überhaupt, um die Frage, wer die Rätselgeschichte um die drei kindlichen Detektive weiterspinnen darf - und um die grundsätzliche Frage, ob über ein Werk, an dem viele mitgeschrieben haben, am Ende nur noch einer bestimmt. Das jedenfalls bewegt eine Fangemeinde, die mit den Büchern und Hörspielen aufgewachsen ist und nicht von ihnen lassen mag.
Mit dem Slogan Manchmal gibt es zwei Originale wirbt das Hörspiellabel Europa für seine Nachfolgeserie zu den Drei ???, die dieser Tage unter dem seltsamen Titel Die Dr3i erschienen ist. Der Werbespruch soll die Fans mit dem Umstand versöhnen, daß die Welt der Detektive zerfallen ist. Hatte Europa ein Vierteljahrhundert lang nur die seit 1968 im Stuttgarter Kosmos-Verlag erscheinenden Bücher vertont, so koppelt sich das im Medienkonzern Sony BMG aufgegangene Label nun ganz von der Buchreihe ab.
Blankes Entsetzen in Internetforen
Das ließe sich verschmerzen, auch wenn es in den einschlägigen Internetforen für blankes Entsetzen sorgt. Aber die Rechtsabteilung des Konzerns hat sich nun die Buchserie mit ihren charakteristischen schwarzen Einbänden vorgenommen: Mit einer einstweiligen Verfügung stoppte sie die Auslieferung der neuesten Bände Der Fluch des Drachen und Spuk im Netz. Immerhin paßt das zur Strategie: Schließlich verkündete Sony BMG schon im Juni 2005 in einer Presseerklärung zu den neuen Folgen von Hanni und Nanni, man wolle die Drehbücher für mehrere Hörspielreihen künftig selbst verfassen. Sony BMG leitet seinen Anspruch auf Fabel und Schauplatz der Detektivserie aus Rechten an den ersten zehn Bänden des amerikanischen Originals ab, die von der Tochter des Autors Robert Arthur erworben wurden - offenbar hinter dem Rücken des Kosmos-Verlags, der die Lizenzen für die Bücher der zehn amerikanischen und zehn deutschen Autoren besitzt, welche die Serie seit fast vierzig Jahren weiterentwickelt und besonders in Deutschland zum Markenzeichen gemacht haben.
Die Telefonlawine führt uns zu André Marx, dem wichtigsten Autor der neuen Ära, die nach Einstellung der amerikanischen Vorlage 1991 anbrach. Bislang äußerte sich der geheimnisumwitterte Mittdreißiger, der seit zehn Jahren von der Serie lebt und sich in der Fanszene mit experimentellen Folgen hohes Ansehen verschaffte, nicht zum laufenden Streit - doch nachdem Europa sein neuestes Werk Der Fluch des Drachens verbieten ließ, bricht er sein Schweigen. Er habe, sagt Marx, zuvor noch ein Abwerbeschreiben von Sony BMG erhalten und abgelehnt. Nun beklagt er die Verlogenheit und Kaltblütigkeit, mit der eine fünfundzwanzigjährige Partnerschaft kaputtgemacht wird, und ist empört über die Geringschätzung der Autoren: Sony BMG hat nie eigene Innovationen und Impulse hervorgebracht.
Keine Rückkehr zu den Wurzeln
Tatsächlich verdanke sich das Überleben der Serie ihrer ständigen Weiterentwicklung: Wieviel haben die heutigen ,Drei ???' wirklich mit den Ur-,Drei-???' zu tun?, fragt Marx. Auch stelle die neue Konkurrenzserie, in der Justus Jonas wieder Jupiter Jones heißt wie im Original, keineswegs eine Rückkehr zu den Wurzeln dar: Denn die Detektive sind hier keine altklugen Kinder mehr, sondern autofahrende Jugendliche. In der Anhängerschaft sieht man die feindliche Übernahme der Zentrale auf dem Schrottplatz denn auch mit Skepsis: Für mich fängt die Serie sowieso erst mit dem zweiten Autor Dennis Lynds an, sagt Detlev Beiderbeck von www.rocky-beach.com - das Repertoire von Arthur, dem allerersten Autor, sei erst von seinen Nachfolgern erweitert worden.
Darum, was aus dem Erbe der Detektive wird, geht es im Januar vor dem Düsseldorfer Landgericht. Alfred Hitchcock, der im Buch immer wieder seinen Zeigefinger erhob, riete den Richtern wohl zur Vorsicht bei der Bewertung des Besitzanspruchs von Sony BMG. Immerhin stand er selbst bis vor kurzem als Autor auf dem Titel, obwohl er zu Lebzeiten keine Zeile für die Drei ??? verfaßte.
Text: F.A.Z., 28.10.2006, Nr. 251 / Seite 35
Bildmaterial: Europa