Von Susanne Klingenstein
18. Oktober 2009 Händewaschen gehört wie Zähneputzen zur Fundamentalhygiene und so zum Wichtigsten überhaupt. Da Kinder beides nicht gern tun, gehört der Zahnputz- und Händewaschkampf zum täglichen Erziehungskleinkrieg, und jede rhetorische Schützenhilfe wird der erwachsene Vernunftmensch begrüßen.
So stürzt man sich denn mit einiger Erwartung auf das Händewaschbuch von Wanja Olten (Text) und Manuela Olten (Bilder), zumal der Titel Kein bisschen dreckig jenen Satz zitiert, der mit dem Zusatz die sind doch genau jenen Widerstand gegen das Waschen artikuliert, den man täglich zu überwinden hat. Die Oltens allerdings verweigern sich der Vernunftmenschperspektive und machen gemeinsame Sache mit der etwa fünfjährigen Heldin des Buches. Sie repetiert die üblichen Klagen: Händewaschen ist langweilig; Hände sind ohnehin nie richtig dreckig; abwischen am Rock reicht völlig; man isst sowieso mit Besteck und so weiter. Der Text imitiert den Duktus der gesprochenen Kindersprache oder was Erwachsene dafür halten, hält ihn aber nicht stringent durch.
Beim Umblättern in die Spritze greifen
Als Leser oder Zuhörer teilen wir den Blickwinkel der Heldin, was Kinder wohl zur Identifikation verführen soll. Aber ab der sechsten Doppelseite begegnen wir unserer eigenen Doppelstrategie, die Vernunft und Angst gleichermaßen bemüht: An deinen Händen sind furchtbar viele Bakterien. Wenn du dir nicht die Hände wäschst, werden es immer mehr. Dann wirst du krank! Danach werden die Konsequenzen des Krankseins als Horrorszenarien dargestellt: Übelkeit, Arztbesuch und Krankenwagen, der eine blasse Kleine abtransportiert. Eine Spritze droht gerade in jener Ecke, wo man die Seite zum Umblättern anfasst. Und wir erkennen mit Schrecken die Unsinnigkeit der Angst-Strategie, die zur Furcht vor Ärzten und Krankenhäusern führt. In Manuela Oltens klar gegliederten, farblich ansprechenden Illustrationen wird die Unsinnigkeit noch durch die Idiotie der dargestellten ärztlichen Untersuchungen (Kniereflex, Urinzuckeranalyse) erhöht, wobei die echten Folgen einer Infektion gar nicht dargestellt werden. Ein Kind lernt von diesem Buch also nichts, weil die Erzählung auf die konfuse Kinderperspektive beschränkt bleibt und nicht aus ihr erklärend herausführt.
Am Ende zieht die kleine Heldin ihren eigenen Schluss: Ach was! - Na ja, vielleicht später, und läuft ungewaschen vom Badezimmer weg. Meine eigenen Kleinen fanden die Darstellung der Bakterien, die nach Form und Farbe wie Kartoffeln mit Zähnen aussehen, allerdings so überzeugend, dass sie gleich zum Händewaschen marschierten. Vielleicht darf man jungen Lesern mehr Vernunft und folgerichtiges Handeln zutrauen, als in diesem Buch gezeigt wird.
Wanja Olten, Manuela Olten: Kein bisschen dreckig. Bajazzo Verlag, Zürich 2009. 32 S., geb., 13,90 €. Ab 4 J.
Buchtitel: Kein bisschen dreckig
Buchautor: Olten, Wanja und Manuela
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bajazzo Verlag