Interview

Warum fürchteten Tim und Struppi Asterix, Mr. Farr?

19. Mai 2007 Am 22. Mai wäre Hergé, der Zeichner von „Tim und Struppi“, hundert Jahre alt geworden. Der englische Journalist Michael Farr ist einer der besten Kenner seines Werks und besuchte den scheuen Zeichner mehrfach.

Warum sind die Namen „Tim“ und „Struppi“ schlecht gewählt, Herr Farr?

Nur die Deutschen und die Niederländer haben den Originalnamen von Hergés berühmtester Comicfigur verändert, ansonsten heißt er überall auf der Welt wie in Belgien: Tintin. Das ist auch dort kein gängiger Vorname, Hergé hat ihn nach dem Vorbild seines früheren Helden Totor gewählt, als er noch nicht wissen konnte, was für ein Riesenerfolg die Abenteuerserie „Tintin“ werden würde. Was ihm in Belgien und Frankreich nicht geschadet hat, wäre wohl auch in Deutschland gegangen. Und „Struppi“, das ist der Gipfel an Einfallslosigkeit. So könnte doch jeder Hund heißen. In einer sehr frühen deutschen Übersetzung heißt er einfach „Strupp“ - immerhin etwas origineller.

Das hätte auch ein Druckfehler sein können.

Vorstellbar, aber wenn dadurch der Name weniger banal geworden wäre . . . Meine eigenen Landsleute, die Briten, waren allerdings auch nicht viel besser. Sie haben zwar „Tintin“ beibehalten, aber Hergés Hundename „Milou“ in „Snowy“ übersetzt. Wie einfallsreich bei einem weißen Tier! Hergé hat den Hund nach seiner ersten Freundin benannt, der er mit einundzwanzig, als er damit begann, „Tintin“ zu zeichnen, immer noch hinterhertrauerte. Die Dame wird gewiss überrascht gewesen sein, sich plötzlich als Hund in einem Comic wiederzufinden.

Ein Journalist und sein treuer Hund Ob als Briefmarke .... ... oder als Münze ... ... “Tim und Struppi“ werden geliebt Ob als Struppi, Milou oder Snowy - der Hund weicht seinem Herrchen nicht von ...

Wie kommt ein Engländer dazu, sich für „Tim und Struppi“ zu interessieren?

Es ist wahr, dass wir Engländer keine große Comictradition haben, aber „Tim und Struppi“ wird bei uns seit langem geschätzt. Die ersten beiden Bände sind 1952 erschienen, als der belgische Casterman-Verlag in mehreren europäischen Ländern ausprobieren wollte, ob seine erfolgreichste Serie auch dort Leser fände. In Deutschland klappte das ziemlich rasch. In Großbritannien schien es zunächst zu scheitern, doch 1957 kamen weitere Bände heraus, und von da an wurde bei uns viel „Tim und Struppi“ gelesen. Ich selbst allerdings bin als kleines Kind in Frankreich mit Hergés Comics aufgewachsen. Mein Vater arbeitete dort als Korrespondent für die „Daily Mail“, und meine Mutter las mir schon als Vierjährigem „Tim und Struppi“ vor. Als wir dann nach England zurückkehrten, erschienen gerade einige Bände zum ersten Mal auf Englisch, aber ich wurde von den Eltern angehalten, weiter die Originalausgaben zu lesen, um mein Französisch zu pflegen.

Und so sind Sie Tintinologe geworden?

Ja, so nennen sich diejenigen, die sich intensiv mit „Tim und Struppi“ befassen. Das ist ein internationales Phänomen, meine Bücher zu diesem Thema finden wie die Comics in zahlreichen Ländern ihre Leser. „Auf den Spuren von Tim & Struppi“, das jetzt gerade ins Deutsche übersetzt worden ist, war vorher schon in vierzehn Sprachen erschienen und hat in England nicht weniger Auflagen erlebt als in Frankreich: jeweils acht. „Tim und Struppi“ sind weltweit beliebt, weil sie als Figuren auch weltweit agiert haben.

Obwohl doch etliche Abenteuer inhaltlich umstritten sind, besonders die beiden ersten: „Tim im Lande der Sowjets“ und „Tim im Kongo“.

Das waren beides Geschichten, die Hergé 1929 und 1930 nach Aufforderung seines Chefredakteurs, eines streng katholischen Geistlichen, gezeichnet hat. Der wünschte sich eben antibolschewistische Propaganda und eine positive Darstellung des belgischen Kolonialismus. Hergé war damals ein junger Mann und tat, wie ihm geheißen. Aber er selbst war mit den beiden Bänden nicht glücklich. „Tim im Kongo“ etwa ist deshalb in Deutschland erst in den siebziger Jahren erschienen, und einer Neuausgabe von „Tim im Lande der Sowjets“ hatte Hergé nach mehr als vierzig Jahren nur deshalb zugestimmt, weil die Zahl der Raubdrucke immer größer wurde. Ursprünglich wollte er 1929 seinen Helden viel lieber nach Amerika schicken, was dann zwei Jahre später im dritten Album auch geschah. Von da an hat Hergé seine Erzählweise gefunden.

Am 22. Mai wäre Hergé hundert Jahre alt geworden, und der Rummel um dieses Jubiläum ist gewaltig. Wie erleben Sie es?

Es ist ein anstrengendes Jahr für mich. Kürzlich war ich auf dem Comicfestival von Barcelona, wo es ein Treffen von „Tim und Struppi“-Experten gab, jetzt bin ich in Hamburg, und in Kürze geht es noch nach Helsinki, Stockholm, London und natürlich Brüssel. Mir geht es mittlerweile wie Tim: Ich bin ein Reporter, der viel herumreist, aber nicht mehr journalistisch arbeitet. Nur einmal, im ersten Album „Tim im Lande der Sowjets“, sieht man Tim an einem Artikel arbeiten.

Sie selbst sind auch Reporter?

Ich war Korrespondent, erst für die Nachrichtenagentur Reuters, dann wie zuvor auch schon mein Vater für den „Daily Telegraph“. Für den berichtete ich aus Afrika, Deutschland und Russland. Mittlerweile aber habe ich den Beruf an den Nagel gehängt und finde als Tintinologe mein Auskommen.

Es war aber noch Ihr früherer Beruf, der Sie 1978 als Auslandskorrespondent wieder nach Brüssel führte?

Ich kam damals ins dortige Büro von Reuters. Einer meiner großen Vorsätze von Beginn an war, ein Gespräch mit Hergé zu führen. Damals stand das fünfzigjährige Jubiläum von „Tim und Struppi“ vor der Tür, und das schien mir ein tolles Thema. Meine älteren Kollegen aber haben abgewinkt: Hergé gebe keine Interviews. Als ich jedoch bei seinem Studio anrief, hatte ich ihn sofort selbst am Telefon, und es waren drei Dinge, die mich für ihn als Gesprächspartner interessant machten: Ich war jung, Engländer und sprach Französisch. Als ich dieses Interesse spürte und ihn zum gemeinsamen Mittagessen einladen wollte, sagte er knapp: Nein, ich lade Sie ein. Und er bestellte mich ins Restaurant „Comme Chez Soi“, also in das beste Lokal von Brüssel. Dort hatte Hergé hinter einem Wandschirm seinen Stammplatz, und die Speisekarte war damals noch mit „Tim und Struppi“-Figuren verziert. Die Weinkarte übrigens nur mit Käpt'n Haddock und Struppi, den beiden Säufern aus der Serie.

Sind Sie übers Schmausen im „Comme Chez Soi“ überhaupt noch zum Fragen gekommen?

Leider nicht. Das lag aber weniger am Essen oder dem exzellenten Burgunder, den Hergé als großer Weinliebhaber bestellt hatte, sondern an der Neugier meines Gesprächspartners. Es war paradox: Nicht ich fragte ihn, er fragte mich aus. Seine Affinität zu England und der englischen Kultur war groß, und eine Sache, über die er mit mir vor allem sprechen wollte, war die Rockgruppe „Pink Floyd“. Er besaß alle damals erschienenen Platten und war begeistert von dieser Musik. Nun wollte er von einem jungen Mann hören, ob der das genauso sah. Ich bin also, wie mir dann klar wurde, nur durch „Pink Floyd“ zu meinem Gespräch mit Hergé gekommen.

Diese musikalische Vorliebe ist überraschend bei einem Mann von damals schon über siebzig Jahren.

Hergé war seiner Zeit immer voraus - in seinen Geschichten, wo er den Verlauf des Chinesisch-Japanischen Kriegs vorwegnahm oder später die Mondlandung. Nur für sein Alter gilt das nicht, denn er war jung geblieben. Wir haben damals viel über Musik gesprochen. Dass er die „Beatles“ mochte, kam für mich nicht überraschend, aber er verehrte auch den Pianisten Keith Jarrett, der seinerzeit noch lange nicht so berühmt war wie heute und von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Da mag ich ihn etwas enttäuscht haben, aber wir haben uns trotzdem noch einige Male getroffen, und dann konnte endlich auch ich meine vielen Fragen loswerden.

Von Hergés Antworten auf diese Fragen profitiert Ihr Buch, aber Sie haben nach dem Tod des Zeichners im Jahr 1983 offenbar auch nie den Kontakt zu seinem Studio verloren.

Das stimmt, ich war direkt nach dem Tod Hergés viel im Studio, wo der künstlerische Leiter Bob de Moor sehr darauf hoffte, die Geschichten um Tim und Struppi weiterführen zu dürfen. Doch das hatte Hergé untersagt - berechtigt, wie mir scheint, wenn man sich de Moors Zeichnungen von Tim ansieht. Sie sind zeichnerisch perfekt, aber ihnen fehlt die Lebendigkeit von Hergés Strich. Und niemand hätte dieselbe Akribie aufgebracht. In meinem Buch stecken fünf Jahre Recherche in den Archiven der Fondation Hergé. Dort liegt eine Fülle von Material, das Hergé bei der Gestaltung seiner Comics herangezogen hat, und es war eine echte Pionierarbeit, diese Bestände zu sichten. Oft fand ich wochenlang gar nichts Verwendbares, dann wieder unglaubliche Stücke. Hergé nahm Anregungen aus allen Richtungen an. So hat ihm ein Freund 1942 eine Postkarte geschickt, auf der ein Ausstellungsraum mit allerlei maritimen Erinnerungsstücken abgebildet war, darunter auch ein Steuerrad, das zum Leuchter umfunktioniert unter der Decke hängt. Kaum zwei Wochen später erschien die berühmte Folge aus „Das Geheimnis der Einhorn“, in der Käpt'n Haddock genau solch einen Steuerradleuchter mit einem Säbelhieb von der eigenen Decke herunterholt.

Ihr Buch ist wie eine Sammlung aus Essays zu jedem einzelnen der insgesamt 24 Abenteuer, die Hergé gezeichnet hat, aufgebaut.

Jeder Band bietet mehr als genug Stoff für ein eigenes Kapitel. Selbst das letzte, durch Hergés Tod unvollendete, „Tim und die Alpha-Kunst“. Ich glaube, dass es die Summa all seines Könnens geboten hätte, das sieht man selbst an dem Torso, der uns davon leider nur geblieben ist. Die beiden Alben davor, „Flug 714 nach Sydney“ und „Tim und die Picaros“, waren Enttäuschungen. „Flug 714“ ist zweifellos das schlechteste aller Alben von Hergé. Er hat mir erzählt, dass er diese Geschichte 1966 übereilt fertigstellte, weil ihn der Erfolg von „Asterix“ nervös gemacht hatte. Da kam plötzlich eine Serie, die „Tim und Struppi“ an Popularität übertraf, und jedes Jahr kam mindestens ein neuer Asterix-Band heraus, während Hergé selbst seit 1962 kein neues Abenteuer mit Tim und Struppi mehr gezeichnet hatte. Also musste jetzt alles sehr schnell gehen. Ich bin sicher, ohne diesen Konkurrenzdruck hätte er an „Flug 714“ noch jahrelang gearbeitet. Bis zu „Tim und die Picaros“ dauerte es dann ja auch schon acht Jahre, und für die „Alpha-Kunst“ hätte er wohl noch viel länger gebraucht. Als er 1983 starb, nach jahrelanger Arbeit am neuen Album, gab es ja noch nicht mehr als Skizzen.

Trotzdem: Warum haben Sie sich nicht an einer großen Werkmonographie versucht?

Mir scheint, meine Form wird der Sache besonders gerecht. Gerade erscheinen in Frankreich und England zwölf kleine Bücher von mir, die sich jeweils mit einer einzelnen Figur aus „Tim und Struppi“ befassen: Die Hälfte widmet sich den Hauptpersonen - Tim, Schulze und Schultze, Madame Castafiore, Haddock, Professor Bienlein -, aber die andere Hälfte stellt sechs mir besonders liebe Charaktere aus den „Tim und Struppi“-Abenteuern wie die Schurken Rastapopoulos und Müller oder den dreisten arabischen Prinzen Abdallah vor. Im Herbst wird dann noch ein schmales biographisches Buch zu Hergé erscheinen, in dem ich in nur sieben Kapiteln versuchen werde, diesen faszinierenden Zeichner zu erklären - durch seine Liebe zur modernen Kunst etwa. Große Biographien über ihn gibt es ja längst, aber die sind nur etwas für Spezialisten. Ich aber will die Leser an die Comics heranführen. Wer meine Bücher liest, soll neugierig auf „Tim und Struppi“ werden. Denn diese Comics sind große Meisterwerke.

Das Gespräch führte Andreas Platthaus



Text: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite Z8
Bildmaterial: AFP, Cinetext Bildarchiv, dpa, picture-alliance / dpa

 
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