Paul Maar wird 70

Ein Leben voller Sams-Tage

Von Tilman Spreckelsen

13. Dezember 2007 „Liebes Christkind, ach, ich bitt, / bring dem Sams was Schönes mit. / Du kannst mich bestimmt gut leiden, / denn ich bin ja so bescheiden / und dazu noch riesig nett“ – darauf reimt sich dann „stell mir Folgendes vors Bett“, und wer sich mit dem Sams auskennt, Paul Maars vor liebevoller Anarchie berstendem Helden, kann sich den weiteren Verlauf dieses Wunschzettels vorstellen: Würstchen, Kuchen und Schokolade, Zuckermäuse, Gummibärchen und Brause verlangt der kleine Gierschlund, Schokoladen-Nikoläuse und Erdbeermarmelade, und am Ende fällt die konziliante Tünche völlig: „Wichtig ist vor allen Dingen: / du sollst die Sachen pünktlich bringen. / Also stell sie schleunigst hin, / Weil ich sonst beleidigt bin!“

Das riskiert niemand, der seine fünf Sinne beieinanderhat. Denn aus den Büchern, in denen Maar das Sams beschrieben hat (dem Vernehmen nach arbeitet er an einem weiteren Band), kennt man die produktive Phantasie des kleinen Chaoten. Wer in seiner Gegenwart irgendeine angemaßte Autorität durchsetzen will, hat schlechte Karten; wer den blaugepunkteten Frechdachs gar mit unbedachten Äußerungen reizt, steht auf verlorenem Posten. Das Sams verkörpert wie kaum eine andere Figur im Kinderbuchkosmos die Freiheit des Wortes im Allgemeinen wie die spezielle Freiheit, das Wort spielerisch bis über die Sinngrenze hinaus zu dehnen; es konfrontiert umgekehrt all jene, die leichtfertig mit ihrer Sprache umgehen, mit den Konsequenzen aus dieser Sorglosigkeit, indem es die Urheber wörtlich nimmt und damit oft tief ins Schlamassel stößt.

Der Mut zur freien Rede

Niemand hat so ein Sams nötiger als der schüchterne, wenig geachtete Herr Taschenbier, und man wird in Maars Büchern häufig auf Gestalten stoßen, denen nichts so mangelt wie der Mut zur freien Rede. Und während andernorts das voraussetzungsfreie und folgenlose eskapistische Lesen gepriesen wird, während das Buch an sich immer mehr zum Fetisch wird und ein Roman nach dem anderen seine Aura aus den Regalreihen ehrwürdiger Bibliotheken bezieht, beschreibt Maar immer wieder neu, wie Worte und ihr freier Gebrauch buchstäblich Biographien gelingen lassen können – oder aber, wie das gewaltsame Unterdrücken dieses Impulses ein Leben beschädigen kann.

Es ist kein Geheimnis, dass Maar sehr unter einem Vater gelitten hat, der vom Lesen nichts hielt. Und so manche Schilderung von heimlicher Lektüreerfahrung wie etwa in „Lippels Traum“ (1984) mag sich aus der Erinnerung daran speisen. Dieser Vater wiederum litt an der „Stacheldrahtkrankheit“, als er einige Jahre nach dem Krieg aus russischer Gefangenschaft heimkehrte – was das bedeutet, kann man in Maars großem Jugendroman „Kartoffelkäferzeiten“ von 1990 nachlesen. Maar arbeitete als Kunsterzieher und wagte erst nach dem Erfolg von Büchern wie „Der tätowierte Hund“, „Eine Woche voller Samstage“ und einigen Kindertheaterstücken, als freier Schriftsteller zu leben.

Wer einmal zum Tier wurde

Zu den zahlreichen Arbeiten für die Bühne, den Romanen und den Gedichten, die Maar seither für ein junges Publikum geschrieben hat, sind auch Drehbücher getreten, etwa für Filme um das Sams oder den vermenschlichten Hund Herr Bello. Viele von ihnen spielen kleine und größere Fluchten durch, und weil sie dieses Thema so ernst nehmen, wie man ein luftiges Spiel voller Kapriolen eben ernst nehmen kann, ist am Ende nichts mehr wie zuvor: Wer einmal vom Tier zum Menschen verwandelt wurde und zurück, der ist danach ein anderer, und wer einmal einer solchen Verwandlung zugesehen hat, glaubt an keine zementierte Ordnung mehr.

Nicht, dass man die Sache nicht beeinflussen könnte, wenn man der tatsachenstiftenden Kraft des Worts vertraut: „Trinkt unsre Katze abends / so ein, zwei, drei Glas Bier, / dann kriegt sie einen Kater. / Das weiß das kluge Tier.“ Paul Maar, der an diesem Donnerstag seinen siebzigsten Geburtstag feiert, weiß es natürlich auch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, ddp, dpa

 
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