Kino

Drei Fragezeichen für eine Krone

Von Tilman Spreckelsen

09. November 2007 Dass Filmküsse nicht einfach sind, bestätigen Schauspieler gern, auch wenn für die Dramaturgie die Sekunden davor wohl noch etwas schwieriger sind. Beim Zueinanderführen zweier Köpfe auf der Leinwand noch einen Originalitätspreis zu gewinnen ist schwer.

Für die Szene mit Justus und Chris sollte man ihn aber vergeben: Der pummelige Junge aus Kalifornien und das hübsche Mädchen aus Südafrika, beide so um die zwölf, nähern sich einander über Justus' Versuche an, die Klicklaute der Xhosa zu imitieren, und dabei hilft natürlich der starre Blick ins möglichst nahe Gesicht der Muttersprachlerin. Für unvorbereitete Zuschauer könnte es damit sein Bewenden haben, die Handlung geht hurtig voran, es gilt, die verschollene Krone der Xhosa zu finden und den Schurken zu entlarven, der auf einer abgelegenen Insel vor Südafrika Gespenst spielt - nur ist die Sache mit Justus und Chris für manchen ein weiterer Grund, den Film „Die drei ??? - Das Geheimnis der Geisterinsel“ für gründlich misslungen zu halten.

Vermintes Gelände

Denn in der Vorlage, einem der frühesten Romane aus der legendären Serie um die drei jugendlichen Detektive, ist Chris ein Junge, die Liebesgeschichte findet nicht statt, und überhaupt: Ist Justus im Film nicht zu schlank, Peter zu albern, Bob zu kindlich? Wer sich aufmacht, den Kosmos der „Drei Fragezeichen“ zu verfilmen, begibt sich auf vermintes Gelände. Denn all jene, die mit den Drei Fragezeichen aufgewachsen sind, die gar alle 130 Romane kennen und sich vor allem über die massenhaft vertriebenen Hörspiele längst ein eigenes inneres Bild der Detektive gemacht haben, reagieren höchst sensibel auf Versuche, dieser Welt ein Gesicht zu geben.

Dass Florian Baxmeyer sich dennoch daranwagt, ist ihm hoch anzurechnen, und das Ergebnis ist auch erstaunlich ausbalanciert: Für Novizen gibt es einen spannenden Kinderkrimi, den mögen wird, wer ein Herz für „Indiana Jones“ hat, und für die Freunde der Detektive aus Rocky Beach schmuggeln die Urheber eine Menge an Insiderwissen in den Film. So haben zwei der deutschen Hörspielstimmen der Drei Fragezeichen einen angenehm sinnlosen, geradezu hitchcockhaften Kurzauftritt, und am Ende will Justus bei einem Preisausschreiben mitmachen, bei dem man eine Limousine mit Chauffeur für dreißig Tage gewinnen kann. „Das klappt nie, Justus“, meinen Peter und Bob, und wer die Serie kennt, weiß natürlich, dass die beiden sich irren und dass der Rolls-Royce für die Arbeit der Detektive wesentlich werden wird.

So tritt dieser Film an, den Mythos zu achten und ihn gleichzeitig auseinanderzunehmen. Dass diese Drei Fragezeichen jünger sind als gedacht, wird man leicht akzeptieren, auch wenn es eigentlich keinen Grund dafür gibt, den sonst so eifrig recherchierenden Bücherwurm Bob derart der Lächerlichkeit preiszugeben, wie das hier geschieht, wenn er nicht ohne seinen Teddy verreisen mag. Schwerer wiegt leider, dass die actionreiche Auflösung des Rätsels dann derart hanebüchen daherkommt, dass die Sache nur akzeptieren kann, wer sie als Ausdruck einer erzählerischen Ironie auffasst: Warum funktioniert der Senkmechanismus in der Grabkammer nach vierhundert Jahren immer noch so leicht, als wäre er Woche für Woche frisch geölt worden? Auf die Antwort des kleinen Alleswissers Justus Jonas wäre man gespannt.



Text: F.A.Z., 09.11.2007, Nr. 261 / Seite 39
Bildmaterial: ddp

 
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