14. Oktober 1997 Ob Büchsenmilch, Füllfederhalter, Hustenbonbons oder Schuhcreme, ob Autos oder Kampfpanzer: Tiere sind überall. Sie bevölkern das kollektive Unbewußte ebenso wie die fröhliche Warenwelt. Und alles lebt. Während die Menschheit das eine Gottesgebot, sich die Welt und ihre Bewohner untertan zu machen, übererfüllt besiedelt sie die ringsum anwachsende Leere mit mythologischen, fiktiven, poetischen und virtuellen Lebewesen. Für mehr als tausend von ihnen errichten Karen Duve und Thies Völker im "Lexikon berühmter Tiere" jetzt ein Denkmal. Ihre Sammlung zeigt, daß Darwin unrecht hatte: Die menschliche Entwicklung führt hin zum Tier statt von ihm weg. Die Fauna ist das Fatum des Homo sapiens sapiens.
Es fällt schwer, das Personal dieses Lexikons zu sortieren: Lurchi und den Leviathan trifft man hier ebenso wie den Igel Mecki, den Bücherwurm und den Klugen Hans. Von der Maus aus der Sendung, vom Kater Murr und von E.T. ganz zu schweigen. Alles kriecht, flattert, schwimmt und piepst neben- und durcheinander und beweist den weiten Tierbegriff der Mythenjäger Duve und Völker. Doch Ruhm ist eine menschliche Qualität; berühmt wird das Tier als Monster oder "als Freund aller Kinder, Schrecken aller Verbrecher und Beschützer von Witwen und Kleinsäugern". Nicht der Hund als solcher findet Aufnahme, nur der Hund als Krambambuli, Schopenhauerscher Butz oder Theaterstar.
Berühmte Tiere kommen aus den verschiedensten Reichen des Symbolischen. Viecher wie den Kuckuck und den Bismarckhering finden die Autoren im Universum der Metaphern, Erdalfrosch, Essotiger und Lurchi sind Geschöpfe der Werbung und Rin Tin Tin, der weiße Hai, Fury und Black Beauty bellen, schwimmen oder wiehern in Kino und Fernsehen. Daneben stehen all die menschelnden Helden der Comics: die Entenhausener, das Marsupilami, Rantanplan, Fix und Foxi und der Igelmann. Andere Berühmtheiten wie die erdumkreisende Laika, die Pferde Mohammeds, die Wunderstute Halla und der sehr reiche Toby verdanken ihre Aufnahme in den Band besonderen zoologischen Merkmalen, seltsamen Fähigkeiten oder merkwürdigen Schicksalen: Schmerzlich vermißt man da Robert Lembkes braven Foxi.
Sehr oft ist der Weg zum Tier eine Reise zum Kind: Gerade die Bewohner von Kinderbüchern und Märchen stellen einen Großteil des Lexikon-Personals. Aber in dieser bunten Gesellschaft begegnen einem dann unverhofft auch die alten Bekannten aus der Literatur für Große: der dürre Rosinante, Thomas Manns Bauschen und der arme Gregor Samsa. Den aktuelleren Stars dieser Sammlung werden viele über Vierzig nie begegnet sein, und es kann auch jüngeren nicht einleuchten, warum ein schwabbelnder Großhund sich so breitmachen darf wie die gute alte Hydra. Der unbekümmerte Umgang der Autoren mit den Werten des Historischen zeigt, daß die klassischen und mythischen Urbilder verblassen. Die Sau Wutz zählt heute genauso viel wie der heilige Windhund Guinefort. Was von "den Alten" bleibt, sind - bis auf ein paar göttliche Eulen und Schwäne - Bilder des Archaischen, ist Größe, Plumpheit, Dunkelheit. Aber selbst die chthonischen Riesen von einst werden von ihren modernen Nachfahren verdrängt, von Kampfechsen, Riesenaffen und Sauriern.
Davon abgesehen gilt: Je schneller die Wirklichkeit in Form der wirklichen Tiere und ihrer Lebenswelten verschwindet, desto schneller dehnt sich das symbolische Reich der Tiere aus. Während die Menschheit altert, werden die Selbstbilder des Menschen als Tierbilder immer kindlicher. All die Comic- und Reklametierchen, all die freundlich werbenden und winkenden Baumarkthamster und Baustellenmaulwürfe sind Symptome unserer progredierenden Verkindlichung. In Bambis und Mickys blanken Augen spiegelt sich der Blick derer, die nicht mehr erwachsen zu werden brauchen, bevor sie sterben. Der Hase Cäsar ist der Erbe der Aufklärung. Später einmal, lange nach dem Sieg des Tamagotchis, der virtuellen Schwundstufe des Tieres, über die symbolische Fauna, wird man dieses freundliche und lakonische Lexikon zu den historischen Merkwürdigkeiten zählen. Bis dahin freut man sich an einer Fülle feiner Sätze, deren schönster dem armen Gummimonster Godzilla gilt: "Seine Wege sind weit." Das stimmt, und sie führen immer zum Menschen.
Karen Duve, Thies Völker: "Lexikon berühmter Tiere". 1200 Tiere aus Geschichte, Film, Märchen, Literatur und Mythologie. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1997. 672 S., Abb., geb., 44,- DM.
Lexikon berühmter Tiere
Buchtitel: Lexikon berühmter Tiere
Buchautor: Duve, Karen; Völker, Thies
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.1997, Nr. 238 / Seite L49
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