12. Oktober 2008

Deutschlands Durchgangsstation

Hinter Frankfurt geht`s weiter

Von Christoph Hus



29. Oktober 2007 Frankfurt ist die Stadt der Nomaden. Nicht nur wegen der Berufspendler, Touristen und Geschäftsreisenden, die zu Tausenden jeden Tag in die Stadt strömen. Groß ist auch die Zahl derer, die der Karriere wegen nach Frankfurt ziehen und wissen, dass sie hier keine Wurzeln schlagen werden. Wie es sich anfühlt, in Frankfurtauf dem Sprung zu sein.

Angela Klüe arbeitet seit fast einem Jahr in Frankfurt, richtig ausgepackt hat sie nie. Die 23-Jährige wohnt noch immer in der Einzimmerwohnung in Mörfelden am Stadtrand, die eigentlich nur als Übergangslösung gedacht war. Das Wichtigste an der Zweckunterkunft: Sie liegt nur wenige Autominuten von ihrem ersten Arbeitsplatz entfernt, dem Logistikkonzern Schenker, bei dem sich Klüe als Trainee um Großkunden kümmert.


Eigentlich will die Niedernhausenerin ins Ausland. „Das ist der logische nächste Schritt“, sagt die Jung-Logistikerin. Frankfurt ist für sie nur ein Mittel zum Zweck, ein Sprungbrett, auf dem sie ihre eigentliche Karriere vorbereitet: Wegen der Nähe zum Flughafen haben alle Branchengrößen der Logistik hier ein Standbein - in der Cargo-City oder wie Schenker im benachbarten Kelsterbach. „Wenn ich abends ausgehe, treffe ich jede Menge Leute, die bei anderen Logistikern arbeiten und kann ein Netzwerk aufbauen“, erklärt Klüe. „Das ist sehr praktisch.“

Mit der allmorgendlichen Rush- hour aber pumpt sich „Mainhattan“ auf doppelte Lebensgröße auf.


Frankfurt gilt bei Berufsanfängern als gigantisches Gewerbegebiet. Nicht schön, nicht schick - dafür kommt hier auf jeden Einwohner, vom Baby bis zum Greis, ein Arbeitsplatz: Nachts glotzen Tausende schwarzer Bürofenster aus verwaisten Hochhäusern. Mit der allmorgendlichen Rush- hour aber pumpt sich „Mainhattan“ auf doppelte Lebensgröße auf. Nicht nur 300.000 Pendler strömen dann in einem endlosen Autokorso, mit S-Bahnen und Bussen in die Stadt und füllen die leeren Bürokomplexe. Der größte Flughafen des europäischen Kontinents schaufelt 144.000 Passagiere pro Tag von und nach Frankfurt. Fast immer steigt in den riesigen Hallen am Hauptbahnhof auch irgendeine Messe: Allein
zur Buchmesse eilen dann noch einmal 300.000 Messebesucher von ihren Hotels zu den Messehallen. Und gehen ihren Geschäften nach.

„Hier sind alle sehr auf das Business konzentriert“, sagt Marie Jonas ehrfurchtsvoll. Die 21-Jährige aus Alameda in Kalifornien absolviert gerade ein Praktikum im Frankfurter US-Generalkonsulat, und sie hält Frankfurt nicht nur der Skyline wegen für eine der amerikanischsten Großstädte Deutschlands. „Ich habe einige Monate in Berlin studiert“, erzählt Jonas. „Die Atmosphäre hier ist ganz anders. Hier wissen alle ganz genau, was sie wollen.“ Vielleicht haben ihr die Berliner Bekannten deshalb von Frankfurt abgeraten.


Jonas selbst fühlt sich hier ganz wohl, schließlich ist sie vor allem des Business wegen gekommen. Sie hat im Sommer ihren Bachelor in Politikwissenschaften an der Stanford-Universität absolviert und sich direkt danach auf den Weg nach Europa gemacht. „Auslandserfahrung wird mir auf jeden Fall helfen“, ist sie überzeugt. Das Praktikum im Konsulat dauert zehn Wochen. „Kein Grund also, sich in Frankfurt häuslich niederzulassen.“ Während ihres Praktikums wohnt die Amerikanerin in der „Siedlung“, dem Viertel der US-Frankfurter unweit des Konsulats. Hier haben sich die Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg niedergelassen - und zwar ebenfalls nicht, weil es ihnen besonders gefiel, sondern vor allem aus praktischen Gründen. Wegen der zentralen Lage und der Infrastruktur.

Jedes Jahr ziehen 50.000 Menschen nach Frankfurt. Fast genauso viele packen aber gleichzeitig wieder den Möbelwagen und kehren der Stadt den Rücken. Rund 10 Prozent der Bevölkerung wird jährlich ausgetauscht. Wer bleibt, wohnt oft vor den Toren der Stadt. So wie Patrick Clemenz. Der Werbetexter pendelt jeden Morgen von Mainz nach Frankfurt. Seit sieben Jahren arbeitet er bei einer der unzähligen Agenturen, die nah dran sind an ihren Kunden aus Banken, Versicherungen und IT-Unternehmen. Täglich 40 Minuten S-Bahn ins Frankfurter Westend sind der Preis, den er für die optimale Mischung aus gutem Job und gemütlichem Mainzer Kneipenleben zahlt.

„Mit Ohrstöpsel ist das Bahnfahren kein Problem. Morgens schlafe ich einfach weiter oder lese Zeitung. Und wenn viel zu tun ist, habe ich Blatt und Stift dabei und notiere meine ersten Einfälle“, sagt der 36-Jährige. Clemenz sieht jeden Morgen die gleichen Gesichter: Angestellte, Anzugträger, Bürotäter, die im proppenvollen Zugabteil sitzen. „Es ist hier absolut üblich, zur Arbeit nach Frankfurt zu pendeln“, sagt der Werber. Abends fährt die Bahn in ähnlicher Besetzung wieder nach Hause, zum Eigenheim nach Rheinland-Pfalz. Schließlich ist Wohnen hier nicht nur schöner, sondern auch billiger, betont Clemenz.

Dabei gibt es auch in Frankfurt reizende Wohnviertel. Das Nordend zum Beispiel mit der Nähe zur Berger Straße. Oder auch Sachsenhausen, wo Alexander Leder wohnt. Genauer gesagt, schläft er manchmal zu Hause, denn Leder ist Copilot bei der Lufthansa und fliegt fünf- bis sechsmal pro Tag in europäische Städte. Am Abend ist er häufiger in Rom, Madrid, Hamburg oder Warschau als am Main. „Ich bin gern unterwegs“, erzählt Leder. „Einer meiner Favoriten ist zum Beispiel Bologna, da kann man wunderbar essen gehen.“ Natürlich freut sich Leder auch ein bisschen, wenn er nach Frankfurt zurückkommt. Aber den Rest seines Lebens nur in Frankfurt verbringen? „Das kommt nicht in Frage“, sagt Leder unverwandt. Er habe sich hier bestenfalls eingerichtet.

Das wird auch Schenker-Trainee Angela Klüe demnächst tun. Denn sie wird voraussichtlich von der Unternehmenszentrale in die Frankfurter Niederlassung von Schenker wechseln. Ihre Karriere geht doch noch einige Jahre in Frankfurt weiter. Die Jung-Logistikerin ist deshalb auf der Suche nach einer neuen Wohnung. „Sachsenhausen wäre schön“, träumt sie. „Da ist abends etwas los - und ich habe es auch nicht weit zur Arbeit.“

Einwohnerzahl: 660.000
Pendler: 300.000
Hotels: 194 (27.000 Betten)
Übernachtungen: 4,58 Millionen (2005)
Messebesucher IAA: 940.000 (2005)
Messebesucher Buchmesse: 284.000 (2005)
Ausländer: 26 Prozent
Fluktuation: 50.000 Einwohner pro Jahr
Bahnreisende: 350.000 Passagiere pro Tag
Fluggäste: 144.000 Passagiere pro Tag

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
Bildmaterial: Tim Wegner
 
 
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Afrika erleben und Gutes tun
Als ASA-Stipendiatin im Senegal

Wie sehen Kinder ihr Land und ihre Herkunft? Mit dieser Frage hat sich Nicola Hens schon oft beschäftigt. In ihrem Abschlussfilm Shalom Salam ebenso wie in der mehrfach preisgekrönten Doku Omulaule heißt Schwarz, über die DDR-Kinder aus Namibia. Nach dem Studium der Mediengestaltung und Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Uni in Weimar und an der École des Beaux-Arts de Toulouse in Frankreich ging sie 2006 für drei Monate in den Senegal. Im Rahmen des ASA-Programms drehte die heute 28-Jährige mit Schülern einer senegalesischen Mittelschule Kurzfilme, die inzwischen als Videobriefe um die halbe Welt gereist sind. 


Ausgehen
Zwischen Glitzer und gemütlich

Hemingway

Touristen und Anzugträger treffen sich in teuren Bars, Alteingesessene schwören auf Worscht und Ebbelwoi. Und für Frankfurts Studenten gibt es jede Menge Kneipen und Cafés mit Charme und für den klammen Geldbeutel.