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Netzwerker mit Rückgrat

Selbständige Wirtschaftsprüfer

Von Lenz Jacobsen




10. Dezember 2007 
Jeder zweite der 13.000 Wirtschaftsprüfer in Deutschland arbeitet als Selbständiger in der eigenen Kanzlei, 130 Kanzleien kommen Jahr für Jahr dazu. Um dabei erfolgreich zu sein, braucht es eine Menge: Erfahrung, unternehmerisches Talent - vor allem aber hervorragende Kontakte.

Ihre Mandanten betreut Mirjam Schlief-Wieland im ehemaligen Schlafzimmer ihrer Eltern. Daneben im alten Kinderzimmer kümmert sich ihr Bruder um die Kunden. Die beiden haben Anfang des Jahres die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzlei ihres Vaters übernommen. Ihre Büroräume liegen in jenem Haus im Kölner Stadtteil Junkersdorf, in dem sie geboren und aufgewachsen sind.

Jochen Döbbel dagegen hat sich vor zwei Jahren etwas ganz Neues aufgebaut. 35 Jahre war er alt, leitender Angestellter bei einer mittelgroßen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit einem Jahreseinkommen von über 100.000 Euro. Und doch war er unzufrieden, wollte mehr Abwechslung, mehr Kontakt zum Mandanten und vor allem: mehr Selbstbestimmung. Er grübelte einen Monat lang, dann kündigte er. Heute sitzt er in seiner eigenen kleinen Kanzlei in einem verglasten Bürogebäude in der Düsseldorfer Innenstadt und sagt: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Fast 7.000 der 13.000 Wirtschaftsprüfer in Deutschland arbeiten in ihrer eigenen Praxis. Die kleinen Selbständigen bilden das Fundament der Branche und den Gegenentwurf zu den weltweit aktiven Großkanzleien. Denn die Entscheidung für die Selbständigkeit ist oft auch eine Entscheidung gegen die Arbeitsweise der Großen. Mirjam Schlief-Wieland erinnert sich heute nur noch mit Grausen an die Jahresabschlussprüfungen bei ihrem alten Arbeitgeber, einem der vier weltgrößten Anbieter: „Damals sind wir wie Heuschrecken in die Unternehmen eingefallen, haben sie zwei Wochen belagert und sind dann wieder verschwunden. Hier ist alles viel familiärer.“ Viele Mandanten kennt sie über ihren Vater.

Diesen Startvorteil hat Jochen Döbbel zwar nicht, er musste alle Mandanten für seine Kanzlei, die er „Securia“ getauft hat, neu anwerben. Doch auch er ist froh, anders arbeiten zu können als früher: „Wir hatten für alles Checklisten und Muster, die Besonderheiten des Mandanten sind dabei oft auf der Strecke geblieben.“ Heute nimmt er sich die Zeit für ausführliche Gespräche. Und wenn ein Kunde Nachhilfe im Rechnungswesen braucht, guckt Döbbel ebenfalls nicht auf die Uhr: „Die sind mir lieber als Experten. Und richtig dankbar für meine Hilfe.“

Klaus-Peter Feld, Vorstand des Instituts der deutschen Wirtschaftsprüfer (IDW), der Interessenvertretung der Branche, weiß um die unterschiedlichen Strategien von Großkanzleien und kleineren Büros. „Es gibt zu jedem Unternehmen einen passenden Wirtschaftsprüfer. Die Großkonzerne passen zu den ›Big Four‹, kleinere Unternehmen und Spezialisten sind oft bei mittelständischen Kanzleien besser aufgehoben.“ Die Stärke der Kleinen, da sind sich alle einig, liegt im persönlichen Kontakt zu den Mandanten.

Fast 3.000 der 7.000 selbständigen Prüfer, die auf eigene Rechnung arbeiten, sind parallel noch anderswo festangestellt, oft mit dem Ziel, sich später komplett selbständig machen zu können. Als klassischer Weg gilt, die Kanzlei eines Wirtschaftsprüfers zu übernehmen, wenn der in den Ruhestand geht. In der Regel haben die neuen Chefs vorher über viele Jahre in der Kanzlei gearbeitet, kennen Mandanten und Abläufe also gut. Weil mittlerweile jeder achte selbständige Wirtschaftsprüfer um die 65 Jahre alt ist, wird es in den nächsten Jahren eine ganze Welle solcher Generationswechsel geben.

„Es gibt quasi keine Laufkundschaft“, sagt er. „Unternehmer legen ihre sensible Bilanz nur Leuten offen, denen sie vertrauen, die sie am besten schon lange kennen.“

Wer wie Jochen Döbbel eine Neugründung wagt, braucht außer seiner Berufserfahrung das, was Klaus-Peter Feld das „wichtigste Kapital der Wirtschaftsprüfer“ nennt: hervorragende Kontakte. „Es gibt quasi keine Laufkundschaft“, sagt er. „Unternehmer legen ihre sensible Bilanz nur Leuten offen, denen sie vertrauen, die sie am besten schon lange kennen.“ Fünf Jahre Praxis als Wirtschaftsprüfer brauche man mindestens, um sich einen soliden Stamm solcher Mandanten aufzubauen. Die seien dann oft auch bereit, ihrem Wirtschaftsprüfer in die eigene Kanzlei zu folgen. Bei Jochen Döbbel hat das geklappt. Ein Drittel seiner aktuell rund 30 Mandanten hatte er bereits bei seinem alten Arbeitgeber betreut. Und über diese Mandanten hat er wiederum etwa 15 neue Mandate geworben. Döbbel weiß: „Ein guter Name ist alles, womit ich werben kann.“

Besonders reich ist er mit seiner eigenen Kanzlei bisher noch nicht geworden. Ganz im Gegenteil: Er hat heute nur die Hälfte von dem in der Tasche, was er als Angestellter verdient hat. Das ist normal, bestätigt IDW-Vorstand Feld: „Wer sich selbständig macht, muss anfangs oft Abstriche beim Geld machen.“ Die Verdienstspanne unter den Selbständigen ist ansonsten ungeheuer weit und kaum zu beziffern. Nur so viel ist aus Umfragen der Wirtschaftsprüferkammer zu erkennen: Die Stundensätze liegen oft zwischen 120 und 250 Euro, Höchstsätze können aber auch weit darüber hinausgehen. Startkapital braucht man für die Praxisgründung kaum. Wer wie Jochen Döbbel eine GmbH gründet, muss allerdings eine Gesellschaftereinlage leisten. Der entscheidende Vorteil dieser Organisationsform ist, dass man nur mit seiner Einlage haftet, nicht aber mit seinem Privatvermögen. Ansonsten braucht es nicht viel, wie Jochen Döbbel sagt: „Ich kann mir im Prinzip meinen Laptop unter den Arm klemmen und anfangen.“

Während der Jahresabschluss-Saison, der „busy season“, macht er genau das: sich den Laptop schnappen und zu seinen Mandanten fahren. Dort vergräbt er sich in Akten, checkt Zahlen und Posten auf Plausibilität. Findet er Unstimmigkeiten, spürt er so lange nach, bis er eine Antwort gefunden hat. Er bespricht sich mit den Verantwortlichen im Unternehmen, hinterfragt ihre Entscheidungen. Und scheut notfalls auch nicht den Konflikt: „Das ist nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen.“ Die Mitarbeiter sind deshalb oft richtig nervös, wenn er zur Prüfung kommt. Und manchmal lassen sie sogar die Sektkorken knallen, wenn er wieder weg ist.

Klaus-Peter Feld nennt diesen nüchternen, aber fairen Umgang mit Mandanten „Rückgrat zeigen“. Für ihn ist das „eine der Schlüsselqualifikationen für einen selbständigen Wirtschaftsprüfer“. Denn bei allem Interesse oder gar Sympathie für ein Unternehmen - Prüfen bedeutet eben auch: Dinge aufdecken, die der Mandant vielleicht lieber verheimlicht hätte. Die Strenge in der Sache nutzt letztlich auch den Unternehmen, die von einer ordentlichen und ehrlichen Buchführung nur profitieren können. Zum Rückgratzeigen gehöre auch, sich nicht alles gefallen zu lassen, meint Mirjam Schlief-Wieland: „Wenn es zwischen mir und einem Mandanten nicht passt, dann muss ich auch meine Konsequenzen daraus ziehen können und das Mandat niederlegen.“ Was freilich nicht weniger heißt, als einen zahlenden Kunden zu verlieren.

Immer wichtiger wird auch für die kleinen Kanzleien ein professionelles Kanzleimanagement. „Sie mögen zwar ein perfekter Fachmann sein“, formuliert Rupert Thörle in seinem Ratgeber „Berufsziel Steuerberater/Wirtschaftsprüfer“ die unternehmerische Gewissensfrage, „aber sind Sie auch ein guter Kaufmann in eigener Sache?“ Der Inhaber einer eigenen Kanzlei warnt seine Kollegen eindringlich vor Selbstüberschätzung, Betriebsblindheit und Schlamperei. So hat sich Jochen Döbbel die Freitage reserviert, um seinen Laden organisatorisch tipptopp zu halten. Über die Woche bleibt vieles liegen. Und gerade ein Wirtschaftsprüfer muss seine eigene Buchführung im Griff haben. Und natürlich seinen Terminplan. Denn das Schlimmste überhaupt, so Ratgeber Thörle, sei das Verschlampen von Prüfungsfristen: „Die Termineinhaltung ist Aushängeschild der Kanzlei.“

Zwei neue Entwicklungen sorgen zusätzlich dafür, dass unternehmerisches Geschick immer wichtiger wird. Zum einen dehnen die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ihr Geschäft zunehmend auf kleine und mittlere Betriebe, also die Stammkundschaft der kleinen Kanzleien, aus. IDW-Vorstand Feld empfiehlt deshalb die Spezialisierung auf vielversprechende Nischen. Etwa die Unternehmensbewertung, bei der Wirtschaftsprüfer den Wert eines zum Verkauf stehenden Unternehmens taxieren, aber auch Wachstumsbranchen wie das Sozial- und Gesundheitswesen. Döbbel hat das begriffen: „Wir können nicht alles anbieten, sondern müssen uns auf das beschränken, was wir besser können.“ Dazu gehört natürlich auch, Mandanten abzulehnen, die nicht in das Profil der Kanzlei passen. Er hat sich für die Branchenstrategie entschieden und prüft vor allem Einrichtungen vom Krankenhaus über die Altentagesstätte bis zur Behindertenwerkstatt. Kollegin Schlief-Wieland wendet sich im Schwerpunkt an kleine Gewerbebetriebe.

Die zweite Herausforderung besteht in der zunehmenden Regulierung der Branche, also gesetzlichen Pflichten der Praxen, ihre eigenen Bilanzen und Aufträge extern prüfen zu lassen. Das soll die Qualität der Branche sichern, die nach Skandalen zu Anfang des Jahrtausends in Misskredit geraten war. „Diese Qualitätskontrolle ist nötig und richtig“, sagt Feld. „Aber der Gesetzgeber muss auch aufpassen, dass er die Schrauben nicht zu weit anzieht.“ Darunter würden gerade die kleine Praxen leiden.

Trotz solcher Herausforderungen sind die Zukunftsaussichten für Selbständige weiterhin exzellent: Von den 130 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die sich jedes Jahr neu gründen, können sich nach Schätzung des IDW über 90 Prozent langfristig etablieren. Rupert Thörle von der mittelständischen Kanzlei Thörle & Kollegen gibt unerfahrenen Selbständigen einen weiteren Rat: „Sie befinden sich als Kleinfisch im Hechtteich. Bleiben Sie im sicheren Uferbereich mit genügend Deckung, fallen Sie nicht groß auf und fangen Sie klein an. So ist kontinuierliches und stetes Wachstum vorprogrammiert.“

Genau das ist auch der Plan von Jochen Döbbel. Sein Fernziel ist eine Kanzlei mit zehn Mitarbeitern. „Das fände ich eine angenehme Größe.“ Auch Mirjam Schlief-Wieland guckt weit voraus: „Diese Kanzlei zu übernehmen war schon eine Entscheidung fürs Leben. Ich will das sehr, sehr lange machen“, sagt sie. „Vielleicht sogar, bis meine Kinder das eines Tages mal übernehmen.“

Wirtschaftsprüfer in der eigenen Kanzlei

Voraussetzungen:
bestandenes Wirtschaftsprüferexamen/Titel
sehr gute Mandantenkontakte durch Berufserfahrung

Verdienst:
vom Nebenverdienst bis zum Einkommensmillionär ist alles möglich, am Anfang muss man aber mit Gehaltseinbußen rechnen

Vorteile:
Selbstbestimmung
Flexibilität

Nachteile:
keine Jobsicherheit
finanzielle Risiken

Arbeitsfelder:
prinzipiell überall, in der Praxis vor allem kleine Betriebe aus der Umgebung
interessante Nischen: Unternehmensbewertung, Sozialwesen

Arbeitszeiten:
in der Regel ca. 60 Stunden pro Woche

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor