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Noch wird Kernenergie gebraucht

Akuter Ingenieurmangel im Atomgeschäft

Von Peter Trechow




10. Dezember 2007 
Kernkraft polarisiert. Mancher ist heilfroh, dass das Kapitel hierzulande geschlossen werden soll. Andere sehen sie als unverzichtbar. Weltweit boomt sie. Dennoch lassen viele Unis die kerntechnische Lehre auslaufen. „Zu früh“, warnen Betreiber und Dienstleister der Branche. Trotz Ausstiegs gebe es noch Arbeit für Jahrzehnte. Auch ohne kerntechnische Spezialisierung sind Berufseinsteiger höchst willkommen.

Der Nachwuchsmangel der Atombranche hat inzwischen ein Ausmaß, dass Experten massiven Kompetenzverlust befürchten. Denn zu allem Übel rollt eine Ruhestandswelle. Zur Malaise trägt auch eine öffentliche Stimmung bei, die es Studierenden nicht leicht macht, sich für eine kerntechnische Studienausrichtung zu entscheiden. Und die Perspektive, ein halbes Berufsleben mit dem Abriss eines Kraftwerks zu verbringen, während gleichzeitig überall im Land neue Energieanlagen gebaut werden, dürfte auch nicht jeder Bewerber als einladend empfinden. Eine Zwickmühle. Denn ohne Nachwuchs geht es nicht. „Die Branche benötigt dringend Mitarbeiter für Konzeption und Entwicklung, praktische Umsetzung, behördliche Aufsicht und wissenschaftliche Begleitung“, heißt es auf dem Branchenportal http://www.kernenergie.de. Noch für mindestens 40 bis 60 Jahre bestehe dringender Bedarf an qualifizierten engagierten Nachwuchskräften.

Eon: „Wir haben seit 2006 genau 101 Ingenieure eingestellt, und bis Ende 2008 suchen wir gut 70 weitere“ sagt Alice Kemner, die als Recruiterin bei der Eon Kernkraft tätig ist. Das 2.500 Mitarbeiter starke Unternehmen ist das Kompetenzcenter für Kernkraft im Konzern und betreibt sechs Kernkraftwerke in Deutschland. Zwei weitere, Würgassen und Stade, befinden sich im Rückbau. Auch in Schweden hat Eon Atomanlagen. Wegen der Rahmenbedingungen in Deutschland ist der Konzern dabei, seine internationalen Aktivitäten zu forcieren.

„Selbst wenn es beim Ausstieg bleiben sollte, haben wir noch auf Jahrzehnte zu tun.“

Die Lagebeschreibung zeigt die Schizophrenie, in die der Atomausstieg die Branche treibt. Weltweit sind 440 Kernkraftwerke in Betrieb, 29 neue sind im Bau in den USA, China, Indien und neuerdings auch wieder in Europa. Die letzten deutschen Anlagen sollen erst 2022 vom Netz. So es denn beim Ausstieg bleibt. Die Stimmen mehren sich, die Laufzeiten im Sinne des Klimaschutzes zu verlängern. Vor allem der BDI tritt dafür ein, um die Wirtschaft nicht über Gebühr durch CO2-Vermeidungskosten zu belasten. Aus der Autoindustrie kommen ähnliche Vorstöße. Kernenergie solle zur Erzeugung von günstigem Wasserstoff genutzt werden, als Treibstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge.

„Selbst wenn es beim Ausstieg bleiben sollte, haben wir noch auf Jahrzehnte zu tun“, sagt Kemner. Schließlich müssen die abgeschalteten Meiler von Experten rückgebaut werden, gilt es, den Betrieb der laufenden Anlagen sicher aufrechtzuerhalten und das Know-how in internationale Märkte zu tragen. Wider Erwarten sucht Eon nicht nur Kernkraftspezialisten. „Wir bieten auch Absolventen aus Maschinenbau, Elektro- und Verfahrenstechnik ohne entsprechende Spezialisierung Einstiegsmöglichkeiten“, wirbt die Recruiterin. Weil viele Unis keine kerntechnische Lehre mehr anbieten, erwartet Eon Kernkraft keine besonderen Vorkenntnisse. Versäumte Lektionen holen die Einsteiger in einer zweijährigen Einführungsphase nach, in der sie „on the job“ zu Spezialisten ausgebildet werden. Etwa in Druck- und Siedewasserreaktorkursen, bei Kernkraftwerksrevisionen, auf einer Auslandsstation und einem Einsatz in der Zentrale. Dort fahnden die Ingenieure unter anderem nach Best-Practice-Ansätzen in den Kraftwerken, um sie dann als allgemeine Standards zu etablieren. Interessierten Studierenden bietet das Unternehmen über das „Eon SupportINGstudents“- Programm sogar bis zu 1.100 Euro monatliche Grundsicherung an. Doch trotz solchen Werbens sind die Bewerber knapp.

Areva: Zu den Unternehmen, die über Fachkräftemangel klagen, gehört auch die Areva NP GmbH, in der die Kernkraftsparte von Siemens aufgegangen ist. Der Konzern hält 34 Prozent am Unternehmen, die anderen 66 Prozent hält die französische Areva - die umfirmierte Framatom. „Aktuell haben wir noch 200 Stellen offen“, erklärt Bernhild Pflanze, zuständig für Hochschulmarketing. Rund 380 neue Mitarbeiter habe man 2007 schon eingestellt. Mit ihren Geschäftsbereichen Reaktoren, Service, Kernbrennstoff und Komponenten hält Areva NP Wachstumskurs. Seit 2004 wuchs sie hierzulande von 2.900 auf über 4.000 Beschäftigte. Die Ursache: Weltweit wirkt sie an Aus- und Neubauten von Kernkraftwerken mit und ist auch im Servicegeschäft fest im Sattel. „Alle Betreiber von Kernkraftwerken in Deutschland gehören zu unseren Kunden“, sagt Pflanzer.

Über 80 Prozent der neuen Stellen besetzt Areva NP mit Ingenieuren, zwei Drittel davon kommen für Absolventen in Frage. „Bei uns steht ein Generationenwechsel an. Wir wollen so viel Know-how wie möglich an junge Leute übertragen“, berichtet sie. Vor allem an Maschinenbauer, Elektro- und Verfahrenstechniker sowie an Werkstoffspezialisten. Auf der Wunschliste stehen auch Kernphysiker, Kerntechniker und Strahlenschutzexperten. Doch Spezialisierung ist keine Bedingung. „Absolventen können unsere Technik in der Regel sowieso nicht gleich umsetzen. Wir führen sie deshalb in Aus- und Weiterbildungsprogrammen systematisch an die komplexe Materie heran“, erklärt Pflanzer. Das neue Wissen können sie in der Planung neuer Anlagen und in Nachrüstungsprojekten anwenden oder in der Forschung und Entwicklung. Letztes Jahr steckte der Konzern hierzulande 25 Millionen Euro in Neu- und Weiterentwicklungen. Jährlich sichert er sich 150 Patente.

EnBW: Auch bei der EnBW Kernkraft GmbH denkt noch niemand daran, angesichts des Atomausstiegs die Lichter auszumachen. Sie betreibt die Kernkraftwerke Philippsburg, Neckarwestheim und Obrigheim. „Wir haben in unseren Kernkraftwerken definitiv Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften und an Berufseinsteigern, denen wir langfristige Perspektiven bieten“, erklärt Personalreferent Dirk Thomas. Kein Wunder, denn die EnBW investiert uneingeschränkt in ihre Kernkraftwerke, um sie auf dem neuesten Stand der Technik und Wissenschaft zu halten. Aber auch in die Schulung von Mitarbeitern. „Wer sich in Kernkraftwerken auskennt und die ausführliche Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich genossen hat, ist für viele Positionen in der Energiewirtschaft und anderen Branchen ein interessanter Kandidat“, sagt Thomas. Auch im eigenen Konzern seien die Ingenieure aus den Kernkraftwerken sehr gefragt. Langfristig gute Perspektiven also - selbst wenn es zum Ausstieg kommen sollte.

Kerntechnische Spezialisierung ist für einen Berufseinstieg bei der EnBW Kernkraft in vielen Fällen eher ein Kann als ein Muss. Es kommt vielmehr auf Motivation, sorgfältige Arbeitsweise und eine solide ingenieur- oder naturwissenschaftliche Ausbildung an. Denn im Kraftwerksalltag erwarten Einsteiger anspruchsvolle, oft interdisziplinäre Aufgaben. „Ins kalte Wasser werfen wir hier niemanden“, beruhigt der Personalreferent. „Ein Mentor, erfahrene Kollegen und vielfältige Schulungen führen die Nachwuchskräfte gründlich in die Materie ein.“ Um den Erfahrungsschatz angehender Pensionäre zu sichern, stellt der Konzern ihnen bis zu fünf Jahre lang junge Kollegen zur Seite.

Weil viele Hochschulen die kerntechnische Forschung und Lehre zurückfahren, geht die Branche dazu über, Professuren zu stiften. Eon finanziert einen Lehrstuhl an der TU München, EnBW an der Uni Heidelberg im Bereich Radiochemie. Seit 2005 unterhält der Konzern zusammen mit der Electricité de France (EDF) auch ein eigenes Programm, um Nachwuchsingenieure und -naturwissenschaftler in die Nukleartechnik einzuführen und ihnen das benötigte Know-how zu vermitteln, um Verantwortung in Kernkraftwerken zu übernehmen. Bisher haben elf Trainees das Programm durchlaufen. Im September 2007 startete die nächste Runde. Laut Thomas sind die Erfahrungen so positiv, dass eines sicher ist: Fortsetzung folgt.

Areva NP

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 4.100/15.500
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): 200
Karriereseiten: http://www.areva-np.de

EnBW AG

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 20.000/21.000
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): 200
Karriereseiten: http://www.enbw.de/karriere

Eon

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 36.700/80.000
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): 300/Jahr
Karriereseiten: http://www.eon-karriere.com

Einstiegsalternativen für Kernphysiker und -techniker

Behörden:

Brancheninsidern zufolge trifft der Fachkräftemangel Aufsichtsbehörden härter als die Industrie. Sie können nicht so viel zahlen, bieten aber sichere, abwechslungsreiche und verantwortungsvolle Jobs.

Bundesumweltministerium
www.bmu.de
Bundesamt für Strahlenschutz
www.bfs.de
Die Landesumweltministerien, die wiederum eng mit den großen TÜV-Gesellschaften kooperieren ( www.tuev-sued.de, www.tuev-nord.de, www.tuev-rheinland.de). Sie erstellen für die Ministerien die Gutachten und führen Revisionen und Funktionstests in KKW durch.
Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit agiert national und international, um die Sicherheit von Atomkraftwerken zu verbessern.
www.grs.de

Forschungsstellen:

Wichtiges Sprungbrett für (internationale) Karrieren sind die kerntechnischen Forschungszentren im Lande, die weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießen.
Forschungszentrum Karlsruhe kooperiert mit den Unis Karlsruhe und Heidelberg
www.fzk.de
Forschungszentrum Jülich steht den Aachener (Fach-) Hochschulen nahe
www.fz-juelich.de

Forschungszentrum Dresden Rossendorf, enger Kontakt zur TU Dresden
www.fzd.de
Auch an der TU München, der TU Berlin und der Uni Hannover gibt es kerntechnische Angebote.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: dpa