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Kleine Nachbarn, Große Unterschiede

Arbeiten in den Benelux-Ländern

Von Margarete Hucht




12. Mai 2008 
Der Name und die räumliche Nähe mögen vielleicht dazu verführen, die Benelux-Staaten über einen Kamm zu scheren: Tatsache jedoch ist, dass sich die Mentalitäten und Arbeitskulturen in den Niederlanden, in Belgien und in Luxemburg stark voneinander unterscheiden. Und auch in puncto Job- und Verdienstmöglichkeiten gibt es keinen Einheitsbrei.

DIE NIEDERLANDE
Seit Ende der 1990er Jahre verzeichnet das Land einen regelrechten Beschäftigungsboom. Jobs gibt es genug - bei einer Arbeitslosenquote von nur 2,7 Prozent. Diesen Erfolg haben die Niederländer einem extrem flexiblen Arbeitsmarkt zu verdanken. Teilzeit-, Zeitarbeits- und Telearbeitsmodelle sind weit verbreitet.
Fleiß und Freizeit sind in den Niederlanden kein Widerspruch. Niemand wird sich dort einer 70-Stunden-Woche rühmen und als aufopferungsvolle Stütze der Wirtschaft feiern lassen. Es wird konsequent sehr konzentriert gearbeitet, dann heißt es zwischendurch aber auch immer mal wieder: „So, jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee!“ Zudem sind die Chefs locker, man ist per Du. Flache Hierarchien und ein partnerschaftlicher Arbeitsstil machen das Arbeiten in den Niederlanden angenehm.

Das Land gehört zu den größten Exportnationen der Welt. Philips, Shell, Unilever, Akzo-Nobel oder ABN-AMRO sind von den Niederlanden aus operierende globale Unternehmen. Fast alle großen Firmen haben sich in der sogenannten Randstad niedergelassen - dem Ballungsraum im Westen des Landes, zu dem Amsterdam, Haarlem, Leiden, Den Haag, Rotterdam und Utrecht gehören.
Die Niederländer finden die Deutschen nicht unbedingt witzig oder charmant, aber sie schätzen es, wie sie arbeiten. Nicht zuletzt ist Deutschland ihr wichtigster Handelspartner. Gute Berufsperspektiven auf dem niederländischen Arbeitsmarkt haben derzeit Wirtschaftswissenschaftler, IT-Profis und Ingenieure sowie Verwaltungsfachkräfte und Berater.

„Niederländische Sprachkenntnisse sind von Vorteil, aber aufgrund der Vielzahl internationaler Unternehmen in den Niederlanden kein Muss“, sagt Alexandra Löhr, Leiterin des Büros der Deutsch-Niederländischen Handelskammer in Berlin. Wer kein Niederländisch spricht, sollte aber nicht plump ins Deutsche verfallen - so nach dem Motto: Die können das ja eh. Besser sei es, einen Niederländer in Englisch anzusprechen.

Die meisten Stellen werden über die Personalagenturen, die Uitzendbureaus, vermittelt. „Viele Unternehmen, die Mitarbeiter suchen, nutzen diesen Weg zumindest als ein Standbein der Personalgewinnung“, sagt Löhr. Einige Agenturen sind auch auf internationale Bewerber ausgerichtet - sehr bekannt ist hier das Unternehmen Unique mit seiner Sparte „Multilingual Services“. „Den Lebenslauf kann man von Deutschland aus schicken“, sagt Löhr, „allerdings wollen manche Vermittler mit dem Kandidaten vorab ein Jobinterview in den Niederlanden führen.“

Die Bewerbungsunterlagen sollten kurz und knapp gehalten sein, und die Übermittlung als PDF ist völlig in Ordnung. Die Niederländer verdienen etwas weniger als die Deutschen. Steuern und Abgaben sind jedoch niedriger, so dass netto gleich viel oder sogar etwas mehr Geld übrig bleibt. Die Lebenshaltungskosten entsprechen in etwa den deutschen, Wohnungen sind aber exorbitant teuer. Für eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Amsterdam muss man gut und gerne 3.000 Euro Miete zahlen. Da viele Wohnungen Unternehmen gehören, ist es sinnvoll, den Arbeitgeber zu fragen, ob er gegebenenfalls bei der
Vermittlung einer Unterkunft behilflich sein kann.

BELGIEN
Belgien steht mit einer Arbeitslosenquote 7,6 Prozent schlechter da als das benachbarte Königreich. Für Ausländer ist es zudem wesentlich schwieriger, einen Überblick über offene Stellen und Arbeitsmöglichkeiten zu bekommen. Das hängt mit der „Zersplitterung“ des Landes zusammen. In Flandern, Wallonien oder dem deutschsprachigen Teil Belgiens gibt es jeweils eigene Anlaufstellen für Ausländer, die nach Arbeit suchen und im Land leben möchten. Ohnehin gilt: Die besten Chancen haben in Belgien Arbeitssuchende, die auch in Deutschland gefragt sind: Techniker und Ingenieure.

Die meisten Jobs gibt es in der Eisen- und Stahlindustrie, im Maschinen- und Fahrzeugbau, in der Metallverarbeitung, in der Chemie- und Pharmaindustrie, im Handel und im Finanzdienstleistungssektor. Belgien ist stark multinational ausgerichtet und Sitz vieler ausländischer Konzerne - allein über 900 deutsche Unternehmen haben sich in Belgien niedergelassen, davon rund 220 mit eigener Produktionsstätte. Anzugspunkt für ausländische Akademiker ist aber vor allem die Hauptstadt Brüssel. Sie ist Sitz zahlreicher europäischer Institutionen. Viele deutsche Firmen haben in Brüssel eine Vertretung oder eine Niederlassung. Auch deutsche Verbände, Gewerkschaften und natürlich die Bundesländer sind präsent.

Belgier verdienen übrigens rund 15 bis 25 Prozent weniger als Arbeitnehmer in Deutschland - jedoch unterscheidet sich ihr Verdienst je nach Region beträchtlich: In den Regionen Brüssel, Antwerpen und Lüttich zahlen Arbeitgeber am meisten.

LUXEMBURG
Mit mehr als 200 Banken hat sich Luxemburg als eines der führenden Finanzzentren Europas etabliert. Finanzexperten, Unternehmensberater und Wirtschaftswissenschaftler haben gute Chancen, wenn sie sich entsprechend bemühen. „Zwar nimmt man Deutsche gern, aber niemand wartet in Luxemburg auf sie. Wer dort eine Stelle sucht, muss schon die Finger rotieren lassen“, sagt Thomas Jacobi, Arbeitsvermittler und Eures-Berater bei der Arbeitsagentur in Trier. Er empfiehlt, den Einstieg über die Zeitarbeit zu versuchen. Zeitarbeit wird in Luxemburg sehr positiv wahrgenommen. Verträge münden oft in unbefristete Stellen.

Französisch ist Amtssprache im reichsten Land der Europäischen Union, doch Englisch entwickelt sich langsam zur Business-Sprache. „Wer nur Deutsch spricht, hat einfach geringere Chancen“, sagt Jacobi. Auch bei Bewerbungen wird Professionalität zwingend verlangt. Der Lebenslauf sollte nicht länger als 1,5 bis maximal zwei Seiten und absolut übersichtlich gestaltet sein. Es wird hart gearbeitet. In der Beraterbranche schnellen die Wochenarbeitsstunden nicht selten über die 70-Stunden-Marke. Ob sich eine Karriere in Luxemburg lohnt, muss jeder selbst abwägen. Denn auch die Lebenshaltungskosten sind recht hoch.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 86
Bildmaterial: Moni Port, Labor