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Repetitorium

Das Geschäft mit der Prüfungsangst blüht

Von Mischa Täubner und Katja Kasten




02. April 2007 
Angehende Rechtswissenschaftler nehmen schon seit 200 Jahren in Kauf, viel Geld für die Vorbereitung auf das Examen auszugeben. Während einige Jurafakultäten nun mit einem Konkurrenzprogramm die kommerziellen Repetitoren herausfordern, machen es immer mehr Studenten anderer Fächer den Juristen nach: Sie suchen ihr Heil beim Bezahltrainer.

Keine Frage, sagt Till Veltmann, die Investition hat sich gelohnt. Das erste Staatsexamen ist bestanden - mit der für Juristen fast schon sensationellen Note gut. Der Prüfungsmarathon ist bei den Studenten besonders gefürchtet, weil darin der Stoff von vier Jahren Jurastudium abgefragt wird. Zivilrecht, Strafrecht, Öffentliches Recht - alles kommt dran. Fünf Klausuren und eine mündliche Prüfung bewältigte Till Veltmann binnen zehn Tagen. Um optimal vorbereitet zu sein, belegte der Student aus Münster einen einjährigen Wiederholungskurs bei Alpmann & Schmidt, einem der führenden privaten Anbieter juristischer Repetitorien. 1.650 Euro berappte Veltmann für den Kurs. Dafür habe ich ein Examen hingelegt, wie ich es ohne Rep niemals geschafft hätte.

Kommerzielle Stoffeinpaukkurse sind im Jurastudium keineswegs obligatorisch. Im Gegenteil: Viele Universitätsprofessoren werden nicht müde, den Überfluss der Repetitorien zu betonen, sofern man als Student vom ersten Semester an kontinuierlich arbeite. Tatsächlich trauen sich nur wenige, darauf zu verzichten. Das Rep gehört einfach dazu, sagt Till Veltmann. 90 bis 95 Prozent der Studenten, so schätzen gleichermaßen Professoren und Repetitoren, nehmen die Kosten für die private Nachhilfe in Kauf. Je nach Kursform und Anbieter werden für ein Repetitorium zwischen knapp 100 und gut 2.000 Euro fällig (siehe unten).

„Es ist zur völligen Normalität geworden, dass Studenten viel Geld für Wissen ausgeben, das auch die Unis vermitteln könnten. Das wollten wir ändern.“

Warum glauben so viele Studenten, nicht ohne diese Investition über die Runden zu kommen? Wieso gehört das Repetitorium zum Jurastudium wie die Robe zum Richter? Weil das Studium nicht wirklich auf das Staatsexamen vorbereitet, sagt Karl E. Hemmer, einer von zwei Geschäftsführern des Juristischen Repetitoriums Hemmer, das laut eigener Angabe der Marktführer in der privaten Ausbildung des Juristennachwuchses ist. Wir nehmen den Universitäten die Arbeit ab.

Nicht nur angehende Rechtswissenschaftler beklagen, dass sie in Vorlesungen und Seminaren nicht gut genug auf Klausuren und Prüfungen vorbereitet werden. Auch in der Medizin und den Wirtschaftswissenschaften halten immer mehr Studenten aus eben diesem Grund den Gang zum Repetitor für unverzichtbar. Bislang nahmen die Unis den Trend mehr oder weniger unbeteiligt zur Kenntnis. Doch seit der Einführung von Studiengebühren stehen sie unter Zugzwang - geben sie doch vor, sich als Dienstleister zu verstehen, die im Wettbewerb mit anderen um die Gunst ihrer Kunden, sprich der Studenten, buhlen. Die ersten Unis haben nun tatsächlich eigene kostenlose Repetitorien im Programm (siehe Seite 99). Werden die kommerziellen Anbieter damit überflüssig?

Knapp 2500 Euro zahlte er für den siebenwöchigen Kurs. Hinzu kamen Kosten für Unterkunft und Verpflegung.

Es wäre der Bruch mit einer langen Tradition. Schon im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts spielten juristische Repetitorien eine wichtige Rolle. Die Ursache dafür lang darin, dass sich die stolzen Universitätsprofessoren weigerten, das 1794 von der Regierung eingeführte Allgemeine Landrecht zu lehren - für sie zählte nach wie vor nur das alte römische Recht. Daraufhin drängten die angehenden Juristen en masse zu privaten Repetitoren, weil sie sonst in den Staatsexamina vor völlig unbekannten Gesetzeswerken gestanden hätten. Die Diskrepanz zwischen den Vorlieben der Professoren und dem Prüfungsstoff der Examina hatte über die vergangenen 200 Jahre Bestand, und so gewann das juristische Repetitorium im Laufe der Zeit seinen Status der Unverzichtbarkeit. Es bildete sich eine bunte Szene von Repetitoren aus, die Generationen von Jurastudenten in Form brachten und dabei immer professioneller wurden.

Große Anbieter wie Alpmann & Schmidt oder Hemmer sind heute in über 40 Universitätsstädten präsent. Sie geben im hauseigenen Verlag Skripte und Karteikarten heraus; sie heuern Richter und Rechtsanwälte mit Top-Examen als Dozenten an; sie beobachten seit Jahrzehnten die Staatsexamina und verfolgen die Rechtsprechung, um die Lerninhalte auf das Wesentliche reduzieren und gleichzeitig auf dem aktuellen Stand halten zu können; sie lassen die Studenten Probeklausuren schreiben und trainieren sie in freier Rede vor der Gruppe. Nach ihrer mündlichen Prüfung schreiben die Teilnehmer des Repetitoriums Protokolle, damit sich die nachfolgenden Studenten ein Bild von einzelnen Prüfern machen können, von ihren bevorzugten Fällen und ihrer Art zu fragen. Wir bereiten optimal auf das Staatsexamen vor, sagt Annegerd Alpmann-Pieper, geschäftsführende Gesellschafterin des Repetitoriums, das ihr Vater Josef Alpmann vor 50 Jahren ins Leben rief. Überdurchschnittlich viele ihrer Studenten schlössen mit einem Prädikatsexamen ab, die Durchfallquote hingegen sei vergleichsweise gering.

Einer der wenigen, die es trotzdem wagen, auf ein kostspieliges Repetitorium zu verzichten, ist Thorsten Deppner. Ich wollte mich nicht auf das Geschäft mit der Angst einlassen, sagt der 25-jährige Jurastudent der Uni Freiburg. Für das erste Staatsexamen hat er zusammen mit drei Kommilitonen gebüffelt. Über anderthalb Jahre trafen sie sich zweimal pro Woche für jeweils fünf Stunden. Das hat sogar Spaß gemacht, sagt Deppner. Einer von uns hat jeweils einen Fall vorgestellt, den wir dann zusammen diskutierten. Zusätzlich schrieben die vier Revoluzzer jeden Sonnabend von 8 bis 12.30 Uhr an der Uni eine Examensklausur auf Probe. Das Lernkonzept zahlte sich aus: Alle vier schlossen mit einem vollbefriedigend ab - unter Juristen ist das ein sogenanntes Prädikatsexamen und damit ein Türoffner auf dem Karriereweg.

Damit der Verzicht auf ein Bezahl-Repetitorium nicht nur für außerordentlich disziplinierte Studenten in Frage kommt, geben einige Universitäten Lernhilfen. Manche, wie jene in Freiburg oder die LMU in München, bieten den angehenden Juristen an, Probeklausuren unter Examensbedingungen zu schreiben, die dann von Dozenten korrigiert werden. Eine Handvoll Universitäten veranstaltet gar eigene Repetitorien. Es ist zur völligen Normalität geworden, dass Studenten viel Geld für Wissen ausgeben, das auch die Unis vermitteln könnten. Das wollten wir ändern, sagt Igor Sorge, Dozent und Organisator des juristischen Repetitoriums an der FU Berlin.

Seit dem Wintersemester 2005 hat die FU einen Wiederholungskurs im Programm. Die Studenten gehen darin systematisch den Stoff des Studiums noch mal durch und schreiben jede Woche eine Probeklausur, die anschließend besprochen wird. Durchschnittlich 90 Studenten sitzen in einem Kurs. Können die sich das Geld für ein kommerzielles Repetitorium sparen? In der Regel schon, sagt Sorge. Bei manchen Studenten klaffen allerdings solche Wissenslücken, die kann nur ein zusätzlicher privater Repetitor schließen.

Zu denen gehört Ulrike von Paris sicher nicht. Die 24-Jährige studiert an der FU Berlin Jura und hat gerade die Klausuren des ersten Staatsexamens geschrieben. Ihre Noten kennt sie noch nicht, sie habe aber ein gutes Gefühl. Ich wollte mir beweisen, dass ich es auch ohne teures Repetitorium schaffe, sagt sie. Aus diesem Grund habe sie im Studium von Anfang an Vorlesungen und Seminare nachbereitet. Und am Ende ein Jahr lang das kostenlose Repetitorium der Uni besucht. Das habe ihr, abgesehen vom häufigen Wechsel der Dozenten, gut gefallen. Positiv fand ich, dass wir nicht so mit Lehrmaterialien zugeschüttet wurden, wie es in den kommerziellen Repetitorien üblich ist. Zu viele Unterlagen hätten mich nur verunsichert.

Einen anderen Service können die Studenten der Universität des Saarlandes in Anspruch nehmen. Auf Initiative einiger Juraprofessoren wurde ein Online-Repetitorium ins Leben gerufen, das für Studenten der Saar-Uni kostenlos ist. Examenskandidaten von anderen Universitäten dürfen zwar auch daran teilnehmen, müssen aber eine monatliche Gebühr in Höhe von 40 Euro zahlen. Damit können sich Studenten unabhängig von festen Kurszeiten auf ihr erstes Staatsexamen vorbereiten, sagt Maximilian Herberger, Professor und Mitinitiator des Online-Repetitoriums. Entwickelt wurde das virtuelle Examenstraining mit Hilfe von Alpmann & Schmidt. So profitieren wir vom reichen Erfahrungsschatz des privaten Anbieters, begründet Maximilian Herberger die ungewöhnliche Zusammenarbeit.

Der Internetkurs dauert ein Jahr und umfasst wie ein Präsenz-Repetitorium den gesamten examensrelevanten Stoff. Allerdings bekommt man ihn nicht von einem Dozenten vorgekaut. Das Online-Repetitorium ist eine Anleitung zum Lernen, die ein hohes Maß an Selbständigkeit voraussetzt, so Herberger.

Ein Fahrplan, der 20 Arbeitsstunden pro Woche vorsieht, gliedert den Stoff in Lerneinheiten. Das Thema einer Einheit wird kurz skizziert und in einem Schema dargestellt. Zudem wird auf Literatur verwiesen, die zum konkreten Thema zu lesen ist. Dann fragt das Online-Repetitorium das erworbene Wissen ab und liefert hinterher die Antworten. Zu jeder Lerneinheit gehört auch ein exemplarischer Fall mit ausführlicher Musterlösung. Zusätzlich zum Büffeln nach Fahrplan können die Studenten jede Woche eine Probeklausur herunterladen und zur Korrektur einschicken.

Noch warten recht wenige Universitäten mit einem Konkurrenzprogramm zum kommerziellen Repetitorium auf. Viele Professoren halten es für ineffektiv, sich den ganzen Stoff geballt einzuverleiben. Viel sinnvoller ist es, das ganze Studium über am Ball zu bleiben, sagt etwa Stefan Oeter, Prodekan an der Uni Hamburg. Doch leider gebe es Studenten, die bis zum sechsten Semester bummelten und sich dann ganz und gar auf den Repetitor verließen. Oeter glaubt, dass künftig die juristischen Fakultäten ihre Examensvorbereitung ausbauen werden. Denn durch die Einführung von Studiengebühren stehen die Universitäten unter dem politischen Druck, die Bedürfnisse der Studenten stärker zu berücksichtigen.

Das gilt nicht nur für Jura. Zwar sind kommerzielle Repetitorien nirgendwo so verbreitet wie unter Studenten der Rechtswissenschaften. Doch auch in anderen Fächern geben immer mehr Studenten Geld für einen Paukkurs aus. In Medizin sind es Schätzungen zufolge bisher rund 5 Prozent. Mit der Neuordnung der Approbation werden es deutlich mehr, hofft Bringfried Müller, Gesellschafter von Medi-Learn, dem führenden Anbieter medizinischer Repetitorien. Früher gab es vier über das Studium verteilte Examina. Jetzt findet nach der ersten ärztlichen Prüfung, dem Physikum, nur noch eine große Prüfung, von den Studenten Hammerexamen genannt, am Ende des Studiums statt. Während durch das alte Staatsexamen in der Regel 3 bis 4 Prozent der Kandidaten durchgefallen seien, seien es im Herbst 2006, dem ersten Examen nach neuem Modus, knapp 10 Prozent gewesen.

Einer, der sich schon zweimal mit einem Medi-Learn-Repetitorium auf eine Prüfung vorbereitet hat, ist Fabian Pölking. Nachdem der ehemalige Student der Uni Düsseldorf zweimal durch das Physikum gefallen war, wollte er beim dritten Anlauf auf Nummer Sicher gehen. Für das Hammerexamen investierte er dann erneut in ein Medi-Learn-Repetitorium, weil die Profs in den Vorlesungen lieber ihr Spezialgebiet lehren, als gezielt auf die Prüfungen vorzubereiten. Knapp 2.500 Euro zahlte er für den siebenwöchigen Kurs. Hinzu kamen Kosten für Unterkunft und Verpflegung, denn da in der Medizin die Repetitor-Szene längst nicht so ausgeprägt ist wie in Jura, pilgern die meisten Studenten zur Residenz der Anbieter und wohnen am Ort des Unterrichts. Pölking paukte in Marburg sieben Tage die Woche von morgens bis abends, schrieb unzählige Probeklausuren und übte mündliche Prüfungen. Die Dozenten waren extrem gut, sagt er. Das Ergebnis stimmte ebenfalls, Pölking bestand mit einer knappen Zwei.

Dass Repetitorien zu einer besseren Note führen, davon ist auch Felix Eimer fest überzeugt. Der BWL-Student der Uni in Frankfurt am Main hat bereits acht Kurse besucht - zur Vorbereitung auf die Klausuren in Finanzwirtschaft, Makroökonomie, Statistik, Bilanzen, Wirtschaftsinformatik, öffentlichem Recht, Privatrecht und Wirtschaftsinformatik. Da habe ich dann überall gut abgeschnitten, sagt er. 150 Euro kostete ein Repetitorium, das sechs bis acht Wochen vor der Klausur begann und insgesamt 15 Stunden umfasste. In einem Kurs mit 30 Leuten und einem Dozenten, den man alles fragen kann, lernt man einfach besser als in einer Vorlesung, in der 500 Studenten sitzen.

Unter BWLern sind Repetitorien noch recht unüblich, es gibt daher nur vereinzelte Anbieter auf lokaler Ebene. In allen Fächern, die kein Staatsexamen vorsehen, sondern eine Prüfung, deren Stoff auf einer Absprache zwischen Student und Professor beruht, spielen private Repetitorien keine oder nur eine geringe Rolle. In den Natur- und Geisteswissenschaften bieten Professoren häufig Examenskolloquien oder Repetitorien speziell für ihre Prüflinge an. Man spricht im kleinen Kreis über den Ablauf des Examens, tauscht Tipps aus und probt teilweise eine mündliche Prüfung. Manchmal wird schwieriger Lernstoff noch mal durchgekaut. Wolfgang Achnitz etwa, Gastprofessor für Germanistik an der Uni Oldenburg, nimmt in seinen Repetitorien die deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters durch, weil, wie er sagt, die Studenten sich in aller Regel nach dem Grundstudium nicht mehr damit befasst hätten. Mit der Einführung des Bachelorstudiums, das sowieso schon überfrachtet sei, werden Achnitz zufolge solche Kurse kaum noch Platz finden. Er hat daher schon mit dem Gedanken gespielt, den Prüfungsstoff wie die juristischen Repetitoren privat und gegen Bezahlung zu vermitteln. Interessenten gäbe es sicher genug. Nur fürchte ich, dass nicht viele Germanistikstudenten ein Repetitorium von Papa finanziert bekommen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 89, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor