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Informatik studiert – und dann?

Von Gunda Achterhold und Christoph Koch




23. Juni 2008 
Der Arbeitsmarkt an Informatikern ist leergefegt, frischer Nachwuchs knapp und der Bedarf an IT-Experten weiter ansteigend. Nicht nur klassische IT-Branchen stöhnen, auch Industrie und Handel suchen verzweifelt nach hochqualifizierten Fachkräften.

Bits und Bytes haben längst alle Lebensbereiche durchdrungen. 68 Prozent aller Bundesbürger über zehn Jahren nutzen das Internet; 61 Prozent von ihnen sind fast jeden Tag online. 25 Millionen Deutsche kaufen übers Internet ein, und 58 Prozent der Berufstätigen nutzen einen PC am Arbeitsplatz. Ob Gesundheit, Mobilität, Sicherheit, Sport, Haushalt, Kommunikation oder Kultur - die Informatik ist überall. Das Interesse an der jungen Wissenschaft ist trotzdem vergleichsweise mau. Gerade mal 4 Prozent mehr Studienanfänger zählte das Statistische Bundesamt im Jahr 2007. Zum Vergleich: Im Maschinenbau lag der Zuwachs bei 10, bei den Bauingenieuren sogar bei 18 Prozent. Dabei sind die Berufsaussichten für Informatiker bestens: Die Branche ringt um qualifizierten Nachwuchs. So schlägt der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) angesichts des Expertenmangels Alarm. Laut Bitkom-Branchenbarometer geben 65 Prozent der Unternehmen aus IT und Telekommunikation an, dass der Mangel an IT-Spezialisten ihre Geschäftstätigkeit bremst. „Der Arbeitsmarkt für hochqualifizierte IT-Experten ist inzwischen leer- gefegt“, stellte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer anlässlich der Umfrage fest. Die Zahl der Beschäftigten steige im laufenden Jahr in Deutschland um bis zu 4.000 auf rund 820.000. „Es könnten einige Tausend mehr sein, wenn es genügend Spezialisten gäbe.“ Getragen wird der Aufwärtstrend von Software-Häusern und IT-Dienstleistern. Allein im Vorjahr stellten diese Unternehmen 17.000 zusätzliche Mitarbeiter ein, insbesondere Programmierer, IT-Berater und Projektmanager.


Doch auch außerhalb der klassischen ITK-Branche entstehen viele interessante Jobs. Aus Marketing- und Vertriebsabteilungen ist die IT ebenso wenig wegzudenken wie aus Ministerien oder Behörden. Einer Studie des Marktforschungsinstituts Aris zufolge, die das Fachmagazin Computerwoche zitiert, arbeiten derzeit rund eine Million IT-Experten außerhalb der IT- und Telekommunikationsbranche. Auch zwischen den unternehmenseigenen IT-Abteilungen und den Fachbereichen herrsche ein Wettstreit um die besten Köpfe. „Die Informatik ist eine Querschnittswissenschaft, die sich in allen Anwendungsgebieten breitgemacht hat“, stellt Stefan Jähnichen, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik (FIRST) und Präsident der Gesellschaft für Informatik fest (GI) fest. „Im Engineering ebenso wie bei der Entwicklung von Geschäftsprozessen, im Automotive, bei Banken und Versicherungen oder in der Medienbranche.“ Informatiker arbeiten gestalterisch, sie entwickeln Arbeitsprozesse und Produkte, simulieren neue Produktionsverfahren oder anonymisieren Prozesse. „Das macht den Beruf so spannend und vielfältig“, so der Berliner Professor. Nicht nur fachliches Know-how und Offenheit für Neu- und Weiterentwicklungen sind gefragt. Von IT-Spezialisten wird auch ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit verlangt. „Wir brauchen Menschen, die im Team arbeiten können“, betont GI-Präsident Jähnichen. „Wer als Ingenieur in ein Unternehmen kommt, muss mit den Anwendungsentwicklern reden können, mit Managern, Automobilproduzenten oder Medizinern.“

Vielseitigkeit und Spezialistentum, diese Kombination wird in anspruchsvollen IT-Jobs verlangt. Gefragt sind Multispezialisten, die ein halbes Dutzend Programmiersprachen beherrschen, Projekte leiten, Systemarchitekturen planen und einrichten, Kunden beraten und im Team arbeiten, auch mit Fachfremden. Davon profitieren nicht zuletzt die Absolventen sogenannter „Bindestrich-Studiengänge wie der Wirtschafts- oder Bio-Informatik. „Wir sind Vermittler zwischen Entwicklung und Nutzung einer Software“, erklärt Ulrike Kutscha. Am Uniklinikum Heidelberg ist die promovierte Medizininformatikerin häufig mit Pflegekräften und Medizinern auf den verschiedenen Stationen unterwegs und lässt sich vor Ort erklären, was eine maßgeschneiderte IT können sollte, um die Arbeit des medizinischen Fachpersonals zu unterstützen. Die zweifache Mutter leitet am Zentrum für Informations- und Medizintechnik den Aufbau eines Informationssystems für das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg (NCT). Der Bedarf an höher qualifiziertem Nachwuchs in der Krankenhausinformatik sei hoch, betont die Projektmanagerin. „Wenn ich zum Beispiel den Bettentransport neu organisieren will, muss ich verschiedene Anwendungen und Systeme zusammenführen und in einer Systemarchitektur integrieren.“ Kein medizinisches Gerät laufe ohne Software. Viele neue Anwendungen seien dadurch eingeführt worden. Von den bildgebenden Verfahren in der Radiologie über Dokumentationssysteme in der Intensivmedizin bis hin zum zentralen Patientenmanagement. „Durch die neuen Abrechnungsformen, den DRGs, wird es immer wichtiger, den Patienten im Krankenhaus möglichst effizient entlang der Behandlungspfade zu behandeln“, sagt Kutscha, die sich auch im Berufsverband der Medizinischen Informatiker engagiert. „Das Thema Prozessunterstützung ist immer noch im Aufbau, ich sehe IT-Abteilungen wachsen.“ Doch nicht nur in den Krankenhäusern selbst sind die Experten gefragt. Im Zuge der Regionalisierung vernetzen sich Kliniken zunehmend mit niedergelassenen Ärzten zu medizinischen Versorgungszentren. „Für Informatiker ist das ein sehr interessanter Markt.“


Der Medizinischen Informatik gelingt das, was der Branche insgesamt partout nicht glücken will. Sie zieht Frauen an. „Ich denke, es liegt an dem engen Bezug zum Gesundheitswesen“, sagt Ulrike Kutscha, die ihre Führungsposition inzwischen in Teilzeit ausfüllt. „Frauen neigen offenbar dazu, sich eher für etwas Konkretes, Anwendungsorientiertes zu entscheiden.“

Unter den IT-Fachleuten geht ihr Anteil jedenfalls seit Jahren stetig zurück, von 20,4 Prozent im Jahr 2000 auf 18,9 Prozent im vergangenen Jahr. „Jüngere Kolleginnen sagen zwar, dass sie keine Vorbehalte spüren, die Zahlen sprechen allerdings für eine strukturelle Benachteilung“, sagt Christine Hennig. In der Gesellschaft für Informatik macht sich die SoftwareEntwicklerin seit Jahren für den weiblichen Nachwuchs stark. „Es ist ein mühsames Geschäft.“ Die Fachgruppe sieht darin auch ein Indiz für mangelnde Flexibilität in den IT-Berufen. Als Vorreiter in Sachen Frauenförderung gilt der amerikanische Computer-Konzern Hewlett-Packard, der seit einigen Jahren die Patenschaft für den Frauenstudiengang Wirtschaftsinformatik/Wirtschaftsnetze der Hochschule Furtwangen übernimmt. „Bei uns gibt es viele Kolleginnen“, sagt Absolventin Tina Bulle. Als HP-Stipendiatin und Teilnehmerin des Mentorenprogramms verlief ihr Berufseinstieg fließend. Seit Herbst 2008 arbeitet die 27-Jährige als SAP-Process-Engineer bei HP in Frankfurt. Das vierköpfige Kunden-Account-Team installiert und wartet Kundensysteme, führt Änderungen durch und übernimmt die Systemadministration. „Ich sitze zwar viel vor dem Computer, aber wir halten auch engen Kontakt zu den Kunden und planen gemeinsam den Ablauf.“ Zurzeit ist sie in diverse Projekte eingebunden. Mit Abschluss des einjährigen SAP-Basic-Traineeprogramms wird die Informatikerin mehr Verantwortung übernehmen und als direkte Ansprechpartnerin für ein oder zwei Kunden zur Verfügung stehen. „Ich arbeite Vollzeit, komme aber immer pünktlich raus, um meine Tochter von der Kita abzuholen“, so die Mutter einer zweijährigen Tochter. „Auch wenn sie mal krank ist, gibt es keine Probleme - dann arbeite ich eben vom Home-Office aus.“

Der Arbeitsplatz zu Hause hatte für Jan Schulz-Hofen von Anfang an seinen Reiz. „Ich hatte schon gegen Ende der Schulzeit angefangen zu programmieren und hab mir damit mein Studium finanziert“, sagt der 26-jährige Berliner. „Deshalb war für mich von Anfang an relativ klar, dass ich frei arbeiten würde.“ Nach dem Studium in Potsdam hat sich der Software-Ingenieur selbständig gemacht, zunächst als One-Man-Show in den eigenen vier Wänden. Seit ein paar Wochen hat er ein Büro in Friedrichshain gemietet und zahlt zum ersten Mal Gehälter. „Das ist der erste Punkt, an dem ich ein größeres Risiko eingehe, aber das war für mich der konsequente Schritt.“ Das Geschäft läuft gut, auch ohne größere Akquiseanstrengungen. „Ich werde immer wieder weiterempfohlen und habe damit die besten Erfahrungen gemacht.“ Jan Schulz-Hofen übernimmt alles, was mit Internet zu tun hat und über einfaches Programmieren hinausgeht. „Social Applications“ sind sein Steckenpferd. „Mit Web 2.0 erleben wir gerade eine ganz neue Art von Boom“, so der Informatiker. „Die Stundensätze sind sehr gut - zum Teil besser als bei Angestellten.“

Nach Angaben des Berufsverbandes Selbständige in der Informatik (BVSI) liegen die Stundensätze für freie IT-Fachleute zwischen 55 Euro für einfache Programmierer und 170 Euro für sehr erfahrene Experten mit gefragtem Spezialwissen. „Meistens bewegen sie sich allerdings zwischen 75 und 95 Euro, plus Mehrwertsteuer und Reisekosten“, stellt BVSI-Vorstand Dirk Bisping fest. Dabei können kleine und mittlere Unternehmen als Auftraggeber ebenso attraktiv sein wie die ganz Großen. „Es kommt jeweils auf die Menschen an, mit denen man dort zu tun hat.“ Während reine Programmieraufgaben zunehmend in Länder mit niedrigerem Lohnniveau gehen, ist die Nachfrage nach Experten aus den Bereichen SAP, Business Intelligence, Prozessanalyse und -design, Projektmanagement und Datenadministration ungebrochen. Gesicherte Daten, wie viele Informatiker als Selbständige arbeiten, gibt es nicht. Die Gesellschaft für Informatik schätzt ihre Zahl auf etwa 50.000. Um der leidigen Akquise zu entgehen, lassen sich viele Freie über Zwischenhändler wie Agenturen und Beratungshäuser vermitteln. Bisping rät, Zahlungsmoral und Konditionen potentieller Vermittler genau unter die Lupe zu nehmen. „Der Vertrag sollte zusammen mit einer juristisch erfahrenen Person gelesen werden“, so der BVSI-Vorsitzende. „Insbesondere auf die Absätze mit den Kundenschutzklauseln sollte geachtet werden - viele Verträge sind sittenwidrig.“ Ohne eine professionelle Vermittlung tun sich Berufsanfänger im Beratungsgeschäft nach seiner Ansicht jedoch schwer. „Die Unternehmen wollen in der Regel nur erfahrene Berater“, stellt Dirk Bisping fest. „Ich würde deshalb Berufseinsteigern zunächst eine Anstellung bei einem Beratungshaus empfehlen, wo sie unter Anleitung erfahrener Kollegen Erfahrung in Kundenprojekten sammeln.“

Links

Gesellschaft für Informatik e.V.

Bundesverband Informationswissenschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom)
www.bitkom.org

Berufsverband Selbstständige in der Informatik (BVSI)
www.bvsi.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 58
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor