13. Oktober 2008

Quereinsteiger gesucht

Mathe oder Physik studiert? Dann machen Sie doch IT!

Von Mathias Peer



18. Juni 2007 Software-Hersteller und Hardware-Produzenten haben ein gewaltiges Problem. Schon heute fehlen ihnen 20.000 IT-Fachkräfte, und täglich werden es mehr. Um das Dilemma zu lösen, richten Arbeitgeber ihr Augenmerk jetzt vor allem auf Mathematik- und Physikabsolventen, denn die können sich relativ schnell in die Materie einarbeiten.

Florian Born kennt die Gesetze der Physik. Nach ihnen erschafft er seine eigenen Welten. Schon während seines Studiums hatte er sein erstes 3-D-Computerspiel programmiert. Es heißt „Desperabis“: Du wirst verzweifeln. Entsprechend düster ist Borns virtuelle Welt. Ein beengendes Labyrinth aus Steinmauern erwartet den Spieler, schwere Türen verschließen den Ausgang. Physikstudent Born wollte vor allem die optischen Effekte so realistisch wie möglich programmieren: Das flackernde Feuer in der Ecke, die dunklen Schatten im Raum oder eine Landschaft, die sich im Wasser spiegelt. „Wenn man die physikalischen Gesetze der Natur beachtet, werden die Effekte am Computer umso eindrucksvoller“, sagt er.

Mehrere 100.000 Menschen haben sich das Spiel im Jahr 2000 aus dem Internet heruntergeladen. Florian Born hat damit zwar kein Geld verdient, aber profitiert hat er trotzdem. Denn prompt bekam er nach seinem Studium ein Jobangebot aus der Computerspiele-Industrie. Mittlerweile ist der 35-Jährige Geschäftsführer seines eigenen Software-Unternehmens. Die Trinigy GmbH verkauft Basisprogramme, mit denen andere Hersteller aufwendige 3-D-Spiele gestalten können. Und immer wenn sich in denen etwas bewegt, steckt auch eine gute Portion Physik dahinter.

Naturwissenschaftler wie Florian Born sind nicht nur bei Spieleherstellern gefragt. Die gesamte IT-Branche leidet unter akutem Nachwuchsmangel. Bundesweit sind rund 20.000 Stellen unbesetzt, die meisten davon sind ausschließlich für Hochschulabsolventen geeignet. Doch seit dem Platzen der New-Economy-Blase zu Beginn des Jahrtausends gibt es von Jahr zu Jahr weniger Informatikstudenten. Seit dem Jahr 2000 sank die Zahl der Studienanfänger in diesem Fach um 20 Prozent. Zuletzt waren es lediglich 30.000. Tendenz: weiterhin sinkend. „Der Mangel an Fachkräften in der IT-Branche wird für die Unternehmen in den nächsten Jahren zu einem massiven Problem“, sagt Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte des Branchenverbandes Bitkom. Um ihre Stellen zu besetzen, müssen sich Unternehmen vermehrt auch bei Absolventen anderer Fachrichtungen umsehen. Die Folge laut Pfisterer: „Jobchancen von Quereinsteigern haben sich erheblich verbessert.“

Besonders gefragt sind Mathematiker und Physiker, weil Informatik in naturwissenschaftlichen Studiengängen mittlerweile fast immer eine wichtige Rolle spielt. „Doch was noch viel entscheidender ist: Absolventen in diesen Fächern erlangen in ihrem Studium die Fähigkeit, analytisch und systematisch zu denken, und können sich schnell neue Informationen aneignen“, sagt Winfried Materna, Geschäftsführer des Dortmunder Software-Unternehmens Materna.

Genau das half vielen Quereinsteigern auch dabei, die New-Economy-Krise zu Beginn des Jahrtausends relativ unbeschadet zu überstehen. Zwar hätten in dieser Zeit viele Quereinsteiger ihren Job verloren, sagt Pfisterer. „Das betraf aber hauptsächlich Absolventen aus geisteswissenschaftlichen Fächern. Während die Unternehmen in den Boom-Jahren zur Jahrtausendwende noch jeden Germanisten zum Programmierer umgeschult haben, ist man hier heute zurückhaltender.“

Bei Materna stehen Quereinsteiger aus der Wirtschaftsmathematik hoch im Kurs. Die Mischung aus ökonomischem, mathematischem und technischem Wissen überzeugt den Geschäftsführer. „Ich stecke so jemanden natürlich nicht sofort in die Programmierabteilung“, schränkt er ein. Aber in vielen Phasen eines Projektes seien umfangreiche Programmierkenntnisse gar nicht notwenig, dafür aber technisches Verständnis - etwa wenn es darum geht, vom Kunden zu erfahren, welche Programme er überhaupt braucht, beim Design der grundlegenden Funktionen einer Software oder wenn Mitarbeiter in einer neuen Anwendung geschult werden.

Das gilt auch bei SAP, dem größten Hersteller von Unternehmenssoftware in Europa. Mit „hervorragenden Aussichten“ für die Karriere wirbt der Konzern auf seiner Homepage um Bewerber aus den Naturwissenschaften. Physiker und Mathematiker werden sowohl in der Software-Entwicklung als auch in der Beratung oder im Support eingesetzt. Dass es Naturwissenschaftler in dem Unternehmen auch ganz nach oben schaffen können, zeigt das Beispiel von Henning Kagermann. Der studierte Physiker kam 1982 zu SAP und ist heute Vorstandssprecher des DAX-Konzerns. „Unser Unternehmen ist Quereinsteigern gegenüber traditionell sehr aufgeschlossen“, sagt Personalreferent Steffen Laick. Und nicht nur Physiker und Mathematiker haben hier einen Job bekommen. Unter den Mitarbeitern finden sich genauso Theologen, Agrarwissenschaftler oder Psychologen.

Doch nicht immer endet die Bewerbung mit einer Zusage. Personaler Laick kennt den Fehler, der einen geplanten Quereinstieg am schnellsten vereitelt: „Wenn jemand zu uns kommt und sagt, er habe das Falsche studiert und wolle jetzt einfach mal was anderes ausprobieren, kommt mit dieser Argumentation nicht weiter. Auch von fachfremden Bewerbern fordern wir, dass sie mit Leidenschaft bei der Sache sind.“

Am besten haben es solche Naturwissenschaftler, die schon zu Beginn des Studiums wissen, dass sie sich später einmal beruflich mit IT beschäftigen wollen. Vorausgesetzt, die Hochschulen halten für diese Zielgruppe die entsprechenden Studiengänge vor. Bitkom-Experte Pfisterer empfiehlt deshalb, sich genau zu informieren, wie viel Informatik im Studiengang gelehrt wird. Es gebe da erhebliche Unterschiede zwischen den Hochschulen. Außerdem könnten Naturwissenschaftler nicht an jeder Universität Informatik als Nebenfach wählen.

Für eine praxisnahe Ausbildung ist es auch nicht unerheblich, wie gut der Fachbereich der Universität selbst mit IT-Infrastruktur ausgestattet ist. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) befragte zu diesem Punkt Studenten an deutschen und österreichischen Hochschulen. Wie gut ist die Ausstattung mit Soft- und Hardware? Wie viele Computerarbeitsplätze sind verfügbar? Gibt es drahtlosen Internetzugang via W-LAN? Im Bereich Mathematik schnitten die Uni Trier und die TU Chemnitz am besten ab, dank „exzellenter Ausstattung mit Computertechnik und mathematischer Software“. Bei den Physikern liegt die TU Graz an erster Stelle, wo den Studenten ein „umfassender Linux-PC-Cluster“ zur Verfügung steht und Diplomanten und Doktoranden einen persönlichen Arbeitsplatz erhalten. In der Spitzengruppe in beiden Fachbereichen liegen unter anderem auch die FU Berlin („kompetente EDV-Abteilung“), die Uni Würzburg oder die Universität Zürich. Die mathematischen Schlusslichter: Saarbrücken, Frankfurt am Main und Bochum. Im Fachbereich Physik waren die Studenten mit der IT-Infrastruktur besonders an der Uni Köln, in Wien und in Greifswald unzufrieden.

Nach der Wahl eines geeigneten Studiengangs heißen die wichtigsten Karrierebausteine während des Studiums: Kontakte knüpfen und Berufserfahrungen sammeln. Das gilt zwar für so gut wie alle Studenten, für Quereinsteiger aber ganz besonders. „Wer Praktika in diesem Bereich vorzuweisen hat, zeigt uns damit, dass er eine Affinität zur Branche hat“, sagt Steffen Laick von SAP. Sein Unternehmen bietet pro Jahr rund 500 Praktikumsplätze und ebenfalls mehrere hundert Stellen für Werkstudenten. Auch der Chiphersteller Infineon bietet Praktika für Physiker oder Chemiker. „In vielen Fällen ist ein solcher erster Kontakt die Basis für eine spätere Festanstellung“, sagt Infineon-Sprecherin Julia Bartsch. Vor allem bei größeren Unternehmen werden die Praktikanten in der Regel bezahlt. Bei SAP und Infineon bekommen sie rund 800 Euro pro Monat.

„Die Gehaltsaussichten von Quereinsteigern sind in der Regel ähnlich gut wie die von Informatikabsolventen. Mit rund 40.000 bis 45.000 Euro pro Jahr können sie rechnen.“

Weil relevante Praktika im Lebenslauf zum Pflichtprogramm gehören, kann man sich nur mit zusätzlichem Engagement von anderen abheben. Pluspunkte bei den Personalern wie Steffen Laick bekommen Bewerber, die zum Beispiel bereits private Internetprojekte oder gar ein eigenes Start-up-Unternehmen gegründet haben.

Eine andere Möglichkeit für Quereinsteiger, ihr IT-Fachwissen zu belegen, sind sogenannte Zertifizierungsprogramme. In diesen erhält jeder, der sich seine Kenntnisse privat angeeignet hat, ein Zeugnis, das er bei Bewerbungen vorlegen kann. Ausgestellt werden solche Zertifikate zum Beispiel von der Cert-It GmbH in Berlin. Das Unternehmen wurde von Bitkom, der Fraunhofer Gesellschaft, den Gewerkschaften IG Metall und verdi sowie der Gesellschaft für Informatik gegründet, um einheitliche Qualitätsstandards für Quereinsteiger einzuführen. Zertifikate werden aber nicht von allen Unternehmen anerkannt. Generell gilt: Je unbekannter die Zertifizierungsstelle ist, umso wertloser ist das Zertifikat.

„Die Gehaltsaussichten von Quereinsteigern sind in der Regel ähnlich gut wie die von Informatikabsolventen. Mit rund 40.000 bis 45.000 Euro pro Jahr können sie rechnen“, sagt Stephan Pfister. Wer darüber hinaus Zusatzqualifikationen wie beispielsweise ein Doppelstudium vorweisen könne, habe auch die Chance auf mehr. In Einzelfällen kann dies aber auch anders aussehen: „Absolventen, die sich für einen Quereinstieg interessieren, sollten sich nicht mit falschen Gehaltsvorstellungen bewerben“, sagt Winfried Materna. In der Regel verdienen sie in seinem Unternehmen weniger als Informatiker. Das liege daran, dass die Firma in Naturwissenschaftler mehr Zeit und Geld für Weiterbildung investieren müsse.

Anteil der ITK-Firmenmit Problemen geeignetes Material zu finden
2001 40 %
2002 28 %
2003 21 %
2004 16 %
2005 22 %
2006 41 %

Studienanfänger Informatik im 1. Fachsemester an deutschen Hochschulen
2000 38.080
2001 36.310
2002 32.480
2003 32.540
2004 30.410
2005 29.840
2006* 28.360

*Schätzung, Quelle: BITKOM Entwickler verdienen am meisten Durchschnittliche Einstiegsgehälter in der IT-Branche

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
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„Programme einfacher und verständlicher machen“
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Arbeitgeber wollen's weich
Und immer wieder Soft Skills

Nerds mit Hornbrille, die den ganzen Tag in ihrem Kabuff vorm Computer sitzen? Nix da. Eloquent, kommunikativ, sprachbegabt - das ist der Informatiker der neuen Generation! Und nur so kommt er auch bei Personalern an. Professoren sehen diese Entwicklung allerdings mit Skepsis. 


Form follows function
„Programme einfacher und verständlicher machen“

Anders als der Name vermuten lässt, geht es dem IT-Designer bei seiner Arbeit nicht ums Ästhetische, sondern um Funktionalität. Oder anders gesagt: In seinen Augen ist eine Software erst dann schön, wenn sie einfach und verständlich zu bedienen ist. Wer sich dafür begeistern kann, muss nicht unbedingt Informatik studiert haben. Viele Software-Hersteller nehmen sogar lieber Quereinsteiger für diese Aufgabe. 

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